Volleyball: Bundesstützpunkt
VCO beschreitet mit Pilotprojekt ohne Spielbetrieb neue Wege

Münster -

Der Liga-Spielbetrieb wird in der kommenden Saison ohne eine zweite Mannschaft des USC Münster stattfinden. Es ist das Ergebnis mehrerer Versäumnisse. Doch der Verein und der Bundesstützpunkt versuchen mit einem Pilotprojekt nun, aus der Not eine Tugend zu machen.

Mittwoch, 31.05.2017, 15:41 Uhr aktualisiert: 31.05.2017, 22:39 Uhr
Mit viel Elan, Power und Optimsmus geht Trainer Christian Wolf das neue Projekt des Bundesstützpunktes Münster an.
Mit viel Elan, Power und Optimsmus geht Trainer Christian Wolf das neue Projekt des Bundesstützpunktes Münster an. Foto: Jürgen Peperhowe

Es liegen turbulente Tage hinter dem Bundesstützpunkt Münster. Erst der Abstieg aus der 2. Bundesliga, dann die abgelehnten Anträge auf die Spielberechtigungen für das Volleyball-Unterhaus sowie für die 3. Liga. Die Not war groß, eine schnelle Lösung und ein neues Konzept mussten her. Und dies hat der Westdeutschen Volleyball-Verband als Träger des Bundesstützpunkts nun aus dem Hut gezaubert. In der kommenden Saison wird es ein Stützpunkt-Team unter der Flagge des neu gegründeten VCO Münster geben, das mit den jüngeren Spielerinnen wie im Vorjahr in der Oberliga antritt. Die älteren Talente dagegen – und das ist der Kern des neuen Projekts – werden nicht am Spielbetrieb teilnehmen und erhalten stattdessen eine verstärkte individuelle Förderung ohne Wettkampfdruck.

Die Idee, dieses Konzept zu entwickeln, ist aus der Not geboren, wie Bundesstützpunkt-Trainer Christian Wolf frank und frei zugibt. „Es war keine einfache Situation, als wir das Spielrecht für die 2. Liga nicht bekommen haben. Da mussten wir uns überlegen, wie wir dies bewältigen, die Spielerinnen weiter bestmöglich fördern und ihnen optimale Rahmenbedingungen bieten können“, sagt Wolf, der mit seinen WVV-Trainerkollegen Wolfgang Schütz, Peter Pourie und Ralph Bergmann die Köpfe zusammensteckte. Herausgekommen ist ein neuer Ansatz, in dem den Spielerinnen eine individuellere Förderung und eine optimale Vorbereitung auf die Saisonhöhepunkte oder Einsätze in den Junioren-Nationalmannschaften eingeräumt wird. Ganz ohne den Stress, die Belastung und den Druck, den das Tagesgeschäft mit Abstiegssorgen im Liga-Alltag zuletzt brachte. „Klar ist es etwas ganz anderes. Aber ich denke, dass sich sehr viel zum Positiven verändern wird“, erklärt Wolf. Die individuelle Steuerung im technischen, taktischen, physischen und mentalen Bereich, die auf die Spielerinnen zugeschnittene Belastungssteuerung oder die kombinierte Ausbildung Halle/Beach sind einige Aspekte, die der Coach aufzählt. Die Sicherung der nötigen Wettkampfpraxis sollen Testspiele, Turnierreisen und Gegenbesuche von Stützpunkten garantieren, dazwischen bleibt genügend Zeit für Trainingsblöcke. „Es gibt eine Unmenge von Möglichkeiten für eine ausreichende Spielpraxis. Und Druck werden wir weiter haben, denn nur wer Leistung bringt, wird mit auf die Reisen dürfen“, sagt Wolf, der einen weiteren Vorteil hervorhebt. Die Zahl der Wettkampftage verringert sich von 62 auf etwa 50 bis 55, die der freien Wochenende verdoppelt sich auf bis zu 16. „Die Belastung war in der Vergangenheit enorm hoch. So haben wir die Möglichkeit, die Planungen für die Spielerinnen flexibler zu gestalten“, meint er.

Das ausgearbeitete Konzept findet nicht nur beim DVV und beim dienstältesten Nachwuchs-Bundestrainer Jens Tietböhl großen Anklang, auch die Eltern und Spielerinnen tragen diese Veränderung mit. Auch mit dem Wissen, dass eventuell schon in der Saison 2018/19 das Stützpunkt-Team wieder im Zweitliga-Spielbetrieb mitmischen könnte. „Wir werden zum Jahresende prüfen, ob das Projekt so Sinn macht. Aber wir werden auch alles vorbereiten, um einen Antrag für die 2. Liga zu stellen“, sagt WVV-Vizepräsident Jürgen Aigner.

Doch das ist Zukunftsmusik, zumal der Bestand des Stützpunkts über den 1. Januar 2018 hinaus weiter ungewiss ist, immer noch steht Münster auf der Streichliste des Deutschen Olympischen Sportbund, der eine Reform des Spitzensports angeht. Zunächst aber gilt es, die neuen Ideen mit Leben zu füllen. Und da sind Wolf, Pourie und Co. schon mit vollem Tatendrang dabei.

Kommentar: Not macht erfinderisch

Keine Zweitliga-Lizenz, auch keine für die 3. Liga – am Bundesstützpunkt Münster ist die Not groß. Gottlob macht sie erfinderisch. Mit einem Pilotprojekt sollen Fehler aus der Vergangenheit ausgebügelt werden. Wahrscheinlich wäre das Kind nicht tief in den Brunnen gefallen, wenn ein Handlungsbefugter am Standort das Spielrecht für die dritte Klasse beantragt hätte. Ein folgenschweres Versäumnis, nun muss improvisiert werden.

Alle Beteiligten priesen den ungewöhnlichen Neustart am Mittwoch als gute Sache. Einige Argumente waren durchaus einleuchtend. Weniger Stress für die jungen Mädchen, bessere individuelle Förderung, mehr Rücksicht auf persönliche Belange – das kann ein gangbarer Weg sein, wenn es denn tatsächlich gelingt, die Talente mit der nötigen Wettkampfhärte auszurüsten. Ja, Münsters Modell hat eine Chance verdient.

Doch eine bange Frage von großer Bedeutung bleibt: Was passiert, wenn der Deutsche Volleyball-Verband zum Jahresende einen Stützpunkt schließen muss, Münster durchs Sieb fällt und Geldquellen versiegen? Darauf gab es am Dienstag keine Antworten. Sie sind aber zwingend erforderlich.

   Wilfried Sprenger

...
https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/4893079?categorypath=%2F2%2F2669082%2F2670173%2F2686137%2F2686216%2F
Nachrichten-Ticker