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Wie die Digitalisierung das Lernen verändert

Seit Jahrhunderten findet das Lernen in Klassenzimmern statt, auch heute noch mit Tafel und Kreide. Während sich der Alltag um die Schule herum rasant verändert, bleiben Lehrpraktiken seit Jahrzehnten konstant. Doch auch das Bildungssystem wird einer Digitalisierung nicht ausweichen können. Was bedeutet „digitales Lernen“? Wie steht es darum aktuell in Deutschland? Wie sieht ein zukünftiger Schulalltag aus?

Aschendorff Medien

Foto: Pixabay

Deutschland und Digitalisierung in der Bildung: Aktueller Stand

Wer in Deutschland eine Schule besucht hat, der hat von digitalen Inhalten und neuen Medien wahrscheinlich nicht allzu viel mitbekommen – selbst heute stehen in vielen Schulen noch Tageslichtprojektoren und die bekannten Wägen mit dem Fernseher, wenngleich dieser inzwischen evtl. durch ein flaches Modell ersetzt wurde. Computer? Tablets und Smartphones? VR? Fehlanzeige: Laut einer internationalen Vergleichsstudie ICILS sind die Lehrer in Deutschland nicht nur schlechter im Umgang mit Computern und Informationstechnik ausgebildet als ihre Kollegen in den anderen 19 Ländern, sondern stehen den neuen Technologien auch noch skeptischer gegenüber. Auch die Corona-Pandemie hat daran nicht viel verändert: Die Technik ersetzt zwar den Präsenzunterricht, die Methoden bleiben vielerorts aber dieselben.

Was ist Digitalisierung eigentlich?

Der Begriff „Digitalisierung“ ist im Grunde ein Sammelbegriff für eine Vielzahl von Technologien und Prozessen im Rahmen der Neu- oder Weiterentwicklung von Informationstechnologien, darunter KI bzw. AI und maschinelles Lernen, Blockchain, VR, AR und XR sowie viele weitere Fortschritte aus ähnlichen Bereichen, beispielsweise auch aus der Netzwerktechnik mit 5G. Die Basis dafür bilden immer kleiner, schneller und günstiger werdende Recheneinheiten und Innovationen wie neue Algorithmen in der Bildverarbeitung, dank der z.B. Augmented Reality (AR) Apps auf Smartphones laufen und VR-Brillen in Zukunft keinen leistungsfähigen externen Computer mehr brauchen, sondern direkt auf der Brille selbst rechnen.

Der Alltag und das Bildungssystem

All diese Technologien bringen Veränderungen im Alltag und im Berufsleben mit, angefangen von neuartigen Apps wie Pokémon Go über VR-Spiele und VR-Sport bis hin zu Meetings im virtuellen Raum, Echtzeit-Berechnungen von riesigen Datenmengen, künstlicher Intelligenz zur Analysierung von Röntgenbildern oder Blockchain-Währungen, die weltweite und gesicherte Transaktionen ganz ohne Banken ermöglichen. Besonders deutlich wird die Diskrepanz zwischen Alltag und Bildung in der Schule, wenn die Nutzung von Smartphones auf der Schule z.B. auf dem gesamten Gelände verboten ist, die Schüler aber direkt am Grenzstein ihr Smartphone zücken und im Web auf dem Heimweg schonmal zur Hausaufgabe recherchieren – oder einfach nur per WhatsApp mit anderen Schülern kommunizieren. Denn auch die Kommunikation in der Schule entfernt sich durch die Nichteinbeziehung digitaler Medien immer weiter vom Alltag der Kinder. Später im Hörsaal sieht es oft nicht besser aus: Trotz besserer technischer Ausstattung bleiben moderne Methoden wie kollaborative kommunikative technische Bildungssysteme oft außerhalb des Saals. Sie sind für das Lernen zu Hause gedacht, wenn sie denn überhaupt verfügbar sind.

MOOC

Dabei wären sämtliche Technologien für das Lernen bzw. die Bildung als solche sehr gut geeignet. Dafür muss Bildung allerdings im Kern neu erdacht werden: Es gilt, frei für Veränderungen des aktuellen Bildungssystems zu sein und nicht zu versuchen, moderne digitale Methoden in das vorhandene System zu zwängen und so ihr Potential nicht zu nutzen. Andere Länder wie z.B. Finnland bzw. die Universität Helsinki sind Deutschland hier voraus: MOOC ist das Stichwort bzw. das Akronym, welches für „Massive Open Online Course“ steht – also einen Onlinekurs beschreibt, der einer großen Masse ohne Einschränkungen zur Verfügung steht und daher in der Regel auch kostenfrei ist. Ein konkretes Beispiel ist der Kurs „Elements of AI“, welcher auch auf Deutsch verfügbar ist und der unter der Schirmherrschaft des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie steht. Was so sinnvoll ist und gut aussieht, muss doch schon längst auch in den vielen Studiengängen in Deutschland Gang und Gäbe sein – oder? In der Praxis fristen MOOCs in Deutschland leider ein Nischendasein, bilden sie in der Regel doch eine reine Zusatzqualifikation und sind nicht Teil regulärer Studiengänge. Nur sehr wenige Universitäten lassen eine Anerkennung für einen bestimmten Studienabschluss in ihrer Studienordnung grundsätzlich überhaupt zu, und wenn, dann stets mit individueller Absprache und auf Bestreben des Studenten.

VR Netzwerke

MOOCs sind aber nur ein immer bedeutender werdendes Element eines modernen Bildungssystems. Sie sind im Übrigen eigentlich auch schon lange vorhanden – nur nicht in Form offizieller MOOCs von Schulen und Unis, sondern schlicht und einfach über Tutorials und Kurse auf YouTube und anderen Plattformen, wo unzählige Menschen bereits ein Problem des aktuellen Bildungssystems erkannt haben und in eigens entworfenen Lernkursen z.B. Wissen über die Programmiersprache Python vermitteln. Auch hier wird die Diskrepanz zwischen dem Alltag und der Schule deutlich: Viele Schüler teilen in Memes online ihren Frust mit anderen und machen deutlich, dass so mancher YouTuber Wissen besser vermittelt als ihr Lehrer. Geht das zu weit, wird die inhaltliche Bedeutung der Schulbildung obsolet: Der Schüler bzw. Student sitzt teilnahmslos im Unterricht oder der Vorlesung und nimmt nichts mit, weil er ohnehin schon weiß, dass er den Stoff zu Hause online einfach selbst nach seinem eigenen Bedarf lernt. Warum geht das nicht auch in der Schule oder der Universität? Erst mit der Corona-Pandemie beginnen die meisten Universitäten überhaupt erst, Lehrvideos zu veröffentlichen und den Studenten so ein individuell besser angepasstes Lernen zu ermöglichen. Da sich MOOCs offensichtlich schon aus der Betrachtung des Alltags ergeben, könnte man darüber auch auf andere mögliche Lernmethoden für ein Bildungssystem der Zukunft schließen: Virtuelle Netzwerke und virtuell kollaboratives Lernen, in dreidimensionaler Umgebung. Zukunftsmusik? Nun, für viele Kinder und Jugendliche mit Zugriff auf eine VR-Brille ist die Nutzung von virtuellen sozialen Netzwerken wie Facebook Horizon oder VRChat schon Alltag.

Demokratisierung der Bildung

Spinnt man den Gedanken um digitale Bildung weiter, kommt schnell die Frage auf: Warum den Zugriff auf ohnehin digitale Inhalte auf ein Land bzw. ein Bildungssystem beschränken? Im Idealfall sind Lehrer sowieso keine Lernstoffvermittler mehr, sondern schlicht Lernbegleiter und Ansprechpartner. Sie könnten also mehr Schüler betreuen, bei geringerer Auslastung, viele Kurse könnten gar gänzlich ohne Lehrer stattfinden. So wie MOOCs meist allen Menschen mit Internetzugang und Computer offenstehen, so könnte dies auch für das gesamte Bildungssystem gelten: Dies würde Millionen von Menschen den Zugang zu modernem Wissen ermöglichen und dieses auch adäquat vermitteln – die Folge wären ganze Generationen von gebildeten Menschen, z.B. auch gerade eben in Regionen, in denen damit viel zu bewegen wäre.

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