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«Broke-Gerichte»

Kochen bei knapper Kasse: Große Nachfrage nach Spartipps

Berlin (dpa)

Wie lässt sich auch mit sehr wenig Geld ein warmes Essen auf den Tisch bringen? Diese Frage stellen sich momentan viele Menschen. Influencer, Kochportale und Buchautoren geben Antworten.

Von Anja Sokolow, dpa

Wie lässt sich auch mit sehr wenig Geld ein warmes Essen auf den Tisch bringen? Diese Frage stellen sich momentan viele Menschen. Foto: Fabian Sommer/dpa

Jenny Kuschel, alleinerziehende Mutter von dreiKindern, kennt das Gefühl «broke» zu sein. Das ist Englisch und heißtso viel wie «pleite». Wie die Berlinerin dafür sorgt, dass ihre Kinder und sie trotz knapper Kasse satt werden, zeigt sie im Internet. Allein auf Tiktok schauen sich etwa 350.000 Nutzer regelmäßig ihre Videos an. Auch Kochplattformen wie Kitchen Stories und Chefkoch zeigen, wie man sparsam einkaufen und essen kann. Ebenfalls nachgefragt: klassische Sparkochbücher. 

Zu Kuschels «Broke-Gerichten» gehören zum Beispiel Camembert inBlätterteig, Cornflakes-Ersatz aus angebratenen und gezuckertenToastbrot-Würfeln oder auch Pommes, überbacken mit Spinat und Käse.«Sehr beliebt sind auch Reis mit Buttergemüse oder Rezepte mitInstantnudeln. Die haben oft eine Million Aufrufe», sagt Kuschel, diegern improvisiert.

Ihren Followern gefällt's: Eine Freiburgerin schreibt, sie habe nunangefangen, ein bisschen mehr zu sparen und das zu verwerten, was siehabe, anstatt nur starr nach Rezepten zu kochen. «Du bist ein Genieund Lebensretter», schreibt ein anderer Nutzer.   

«Vor allem Studenten und Alleinerziehende schauen sich meine Videosan», so Kuschels Einschätzung. Ihr sei bewusst, dass die Rezeptenicht immer gesund und vollwertig seien. «Aber wenn man sehr wenigGeld hat, ist es vor allem wichtig, satt zu werden», sagt die33-Jährige, die schon mit 16 vom Heim in ihre eigene Wohnungzog. «Mit meinem damaligen Partner habe ich von meinem Schülerbaföggelebt. Da mussten manchmal zehn bis 20 Euro in der Woche reichen». 

Sparsame Rezepte

Aus Sicht der Ernährungsberaterin Anja Bath ist der Gedanke, sparsameRezepte anzubieten, «super». Unter Kuschels Rezepten seien auch guteIdeen wie etwa Haferflocken mit Milch und Obst zum Frühstück oderSpinat, Kartoffeln und Ei als Mittagessen. «Manche Rezepte sind aberauch grenzwertig», so die Expertin. Aus ihrer Sicht fehle es zum Teilan Eiweiß, das der Körper brauche. Am Ende müsse man aber immerschauen, was man über einen Tag oder die Woche isst.

«Ich finde es sowieso schwierig, sich auf den ganzenSocial-Media-Kanälen etwas Sinnvolles herauszusuchen, weil es nichtunbedingt Ernährungsfachkräfte, sondern Laien sind», so die Beraterinüber Influencer. Aus ihrer Sicht wäre eine Abstimmung mit einerErnährungsberaterin sinnvoll. 

Auch das Berliner Portal Kitchen Stories setzt derzeit besonders aufSpartipps: «Großer Genuss für kleines Geld» - heißt etwa ein Artikelmit Rezepten wie Dinkelrisotto, Hummussuppe mit Spinat oder auch eineschnelle Tomatensuppe. Darüber hinaus sind dort auch andere Beiträgeund Videos mit Alltagstipps rund ums sparsame Einkaufen und Kochen zufinden. «Diese Artikel haben alle überdurchschnittlich hoheZugriffszahlen und werden immer wieder gesucht und geklickt», soSprecherin Luise Linne. 

Viele der Nutzer seien berufstätig und hätten zum Teil auch einhöheres Einkommen als die Durchschnittsbevölkerung. «Wir sehen aber,dass alle sparen möchten». Trotz eines überschaubaren Geldeinsatzesgehe es darum, dass die Gerichte gesund sind und eine bestimmteQualität haben, betont Linne. 

Selbst kochen als bleibender Trend

«Die Krisenzeit hat ja schon mit der Corona-Pandemie angefangen. DieLeute machen mehr selbst und kochen mehr, das hat einen richtigenSchub bekommen und dieser Trend bricht nicht ab. Das Thema 'Günstigund preisbewusst kochen' wird nach wie vor sehr, sehr gutangenommen», sagt auch David Breul, Vorstandsmitglied bei Chefkoch.Günstige, saisonale Gerichte würden immer wieder gern geklickt. 

Seit Monaten treiben hohe Energie- und auch Lebensmittelpreise die Inflation in Deutschland an. Im September erreichte dieJahresteuerungsrate mit 10,0 Prozent den höchsten Stand seit etwa 70Jahren. Besonders knapp sitzt das Geld bei Arbeitslosen. «Mit demHartz-IV-Regelsatz kann man kaum noch auskommen», weiß Kochbuch-AutorKurt Meier aus Brietlingen in Niedersachsen. Doch derGeldmangel sei gar nicht immer unbedingt das einzige Problem.

«Das große Übel ist, dass viele gar nicht kochen können. Dann kaufensie Fertigprodukte oder gehen zu dem Amerikaner», so Meier, der mitUwe Glinka Sparkochbücher und -broschüren für Arbeitslose geschriebenhat. Letztere werden laut Meier von Jobcentern bundesweit verteilt.Im Netz betreiben die beiden die Seite «Die Sparratgeber».

Kochkurse für Arbeitslose

Außerdem bietet der Rentner Kochkurse für Arbeitslose an. «Vielesagen sich so lange, dass sie nicht kochen können, bis sie esselbst glauben», so Meiers Erfahrung. «Man muss die Leute an die Handnehmen. Am Ende sind viele erstaunt, wie einfach Kochen ist», soMeier. Die Rezepte stammen von Landfrauen, die diese den Autoren zuTausenden nach einem Aufruf zugeschickt haben. Einer von MeiersLieblingsklassikern: Bauernauflauf mit Gemüse und Mettenden. 

Zwei der drei Sparkochbücher seien bis auf einen geringenLagerbestand vergriffen und müssten nun nachgedruckt werden, sagtSusann Jaensch, Sprecherin des Buchverlags für die Frau. Die Bücherseien zwar schon seit Jahren auf dem Markt, aber: «Seitdem durch diehohen Preise Krisenstimmung herrscht, schauen sich die Leute auchwieder verstärkt nach entsprechender Literatur um». 

Auf dem Büchermarkt gibt es zahlreiche weitere Titel zum günstigenKochen. Sie tragen Titel wie «Minimal Budget, maximal lecker», «Das1-Euro-Kochbuch» oder «Nachhaltig kochen unter 1 Euro» und dürftenmomentan ebenfalls sehr gefragt sein. Möglicherweise reiht sichdemnächst auch ein Kochbuch der Influencerin Jenny Kuschel in diesenReigen ein. «Ich würde gern ein Buch mit meinen Rezepten schreiben»,so Kuschel. Viele ihrer Follower hätten bereits danach gefragt.

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