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Sonderveröffentlichung

Bald mehr Deutsche ohne Krankenversicherung?

In Deutschland hatten 2019 laut Daten des Statistischen Bundesamts (Destatis) etwa 61.000 Menschen keine Krankenversicherung. Bezogen auf die Gesamtbevölkerung lag der Anteil nicht krankenversicherter Personen damit bei 0,1 Prozent. 2015 waren noch 79.000 Personen in Deutschland nicht krankenversichert, obwohl bereits seit dem 01. Januar 2009 eine allgemeine Krankenversicherungspflicht (VVG § 193) gilt. Ermittelt wurden die Daten im Rahmen des Mikrozensus, einer repräsentativen Befragung von Haushalten, an der etwa ein Prozent der Gesamtbevölkerung teilnahm.

Aschendorff Medien

Foto: Colourbox

Geschiedene, Ausländer und Selbstständige mit kleinen Einkommen betroffen

Eine Studie der Hans-Böckler-Stiftung (HBS) zeigt, dass Menschen ohne Krankenversicherung in der Bundesrepublik größtenteils Geschiedene, Ausländer und Selbstständige mit kleinen Einkommen sind. Wie die Wissenschaftler erklären, gefährden diese Menschen nicht nur ihre Gesundheit, sondern auch die Gesundheit ihrer Mitmenschen, weil sie es in der Regel vermeiden, ohne Krankenversicherung zum Arzt zu gehen. Dies führt dazu, dass auch ansteckende Erkrankungen wie zum Beispiel Covid-19 nicht erkannt und behandelt werden können. Auch die Impfquote ist bei Personen ohne Krankenversicherung laut der Studie signifikant geringer.

Die Schuld, für die noch immer vielen Menschen ohne Krankenversicherung sehen die Gesundheitsökonomen im System der Krankenkassen, das laut ihnen nicht flexibel bei Veränderungen in den Erwerbsbiografien ist. „Besonders bei Selbstständigen sind die Hürden für den Eintritt in die gesetzliche Krankenkasse sehr hoch. Bei privaten Krankenkassen gibt es zu viele Risiko-gebundene Prämien“, erklären die Autoren.

Covid-Pandemie könnte Situation verschlimmern

In den kommenden Monaten wird sich die zuletzt gesunkenen Anzahl an Personen ohne Krankenversicherung laut Prognosen von Experten für Gesundheitsökonomie wieder deutlich erhöhen. Verantwortlich sind dafür die wirtschaftlichen Auswirkungen der Covid-Pandemie, die besonders bei Selbstständigen ohne große finanzielle Polster dafür sorgen, dass diese die Beiträge für ihre private Krankenversicherung (PKV) nicht länger zahlen können.

Auch die staatlichen Hilfen waren, wie Deutschlandfunk Kultur berichtet, bei vielen Betroffenen nicht ausreichend, um ihr Unternehmen zu retten und gleichzeitig die PKV zu bezahlen. Dies führt dazu, dass zuvor privat versicherte Personen ihren Versicherungsschutz verlieren und nur noch bei akuten Erkrankungen und starken Schmerzen medizinisch versorgt werden.

„Es war vor Corona schon schwierig, die hohen Summen zu zahlen. Ich lag bei weit über 400 Euro, und seit Corona, als ich schließen musste, ging gar nichts mehr. Ich habe zwar die Förderung bekommen, aber damit musste ich erst einmal die Kosten decken, damit ich weiterarbeiten konnte, und da war erst einmal Krankenversicherung nicht mehr drin“, erklärt eine selbstständige Kosmetikerin dem Magazin.

Ehrenamtliche Projekte sollen helfen

Hilfe finden Betroffene in meist ehrenamtlichen Anlaufstellen. In einigen Städten gibt es aber auch Vereine wie den Anonymen Krankenschein Thüringen (AKST), die finanzielle Mittel vom Staat erhalten. Diese Initiativen haben sowohl das Ziel Menschen wieder in ein reguläres Krankenversicherungsverhältnis zu bringen als auch bei akuten medizinischen Problemen zu helfen.

„Weil es immer Leute geben wird, die aus einem System rausfallen. Und wir sind der Meinung, dass der Zugang zu medizinischer Versorgung eine staatliche Aufgabe ist. Das ist ja auch in der Menschenrechtscharta festgelegt, dass der Zugang zu medizinischer Versorgung ein Grundrecht ist. Und das muss eben auch staatlich umgesetzt werden“, erklärt Projektkoordinatorin Carola Wlodarski-Simsek gegenüber Deutschlandfunk Kultur auf die Frage warum es ein Projekt wie den AKST gibt.

„Wir haben ein Netz aus Kooperationspartnern und -partnerinnen, über ganz Thüringen circa 40 Stück, das sind in der Regel niedergelassene Praxen, und wer keine Krankenversicherung hat, kann in eine dieser Stellen gehen, und sagen: Ich brauche einen anonymen Krankenschein, bekommt den dann ausgestellt mit einem Pseudonym und kann dann zu einem Arzt oder Ärztin der eigenen Wahl gehen; In ganz Thüringen“, so Wlodarski-Simsek.

Im Jahr 2020 hat der AKST etwa 200 Krankenscheine ausgegeben, die Behandlungen im Wert von 150.000 Euro ermöglicht haben. Lange stationäre Behandlungen und große Operationen kann der Verein aufgrund fehlender finanzieller Mittel aber nicht übernehmen.

Abhilfe durch die Politik

Die HBS fordert deshalb Abhilfe durch die Politik, die durch Gesetzesänderungen einen vereinfachten Zugang in die gesetzlichen Krankenkassen (GKV) ermöglichen könnte. Denkbar ist laut den Gesundheitsökonomen aber auch ein einheitliches Versicherungssystem, in dem alle Personen unabhängig von ihrem Einkommen Mitglied werden müssten.

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