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Accessoire mit Nutzen

Trend Men's Bag: Das Revival der Herrenhandtasche

Berlin (dpa)

Setzt sich tatsächlich ein geschlechterneutraler Look durch - oder hat der Trend zur Männertasche einen ganz anderen Grund? Sind Taschen die neuen Sneaker? Warum junge Typen heute wieder Handtasche tragen.

Von Gregor Tholl, dpa

Nic Kaufmann kommt mit einer Umhängetasche zur Adidas-Modenschau ins Kraftwerk. Foto: Gerald Matzka/dpa

Männer im Rock, in Organza-Bluse, mit Puffärmeln, Rüschen, Perlenohrringen, lackierten Fingernägeln und Lippenstift: In der Mode ist es Megatrend, mit Geschlechterrollen zu spielen.

Doch so richtig Massenphänomen ist das dann alles doch noch nicht geworden bei Männern, auch wenn es Promis wie Harry Styles, Riccardo Simonetti oder Lars Eidinger vormachen. Was jedoch bei jüngeren Kerlen so gar kein Tabubruch mehr zu sein scheint, ist die Handtasche - das «Murse» (von «male purse») genannte Herrenhandtäschchen. Man sieht Men's Bags im Internet bei den Elevator Boys und auf der Straße bei Teens und Twens - egal, ob in Tallinn, Tirana, Toulouse, Triest oder Trier.

Aktueller Boom der «Murse»

«Wie auch die Sneaker verdankt die Tasche für Männer ihren aktuellen Erfolg der Streetwear und deren Designern», erklärt das Stil-Magazin «GQ». Die ersten Männertäschchen, die in diesem Millennium Wellen schlugen, seien Belt-Bags (Gürteltaschen) gewesen, die den Weg für weitere Varianten ebneten. «Besonders die Kollaboration zwischen Louis Vuitton und Supreme im Jahr 2017 verhalf der Tasche für Männer zu neuem Glanz.»

Nun sehen Herrenhandtaschen heute natürlich nicht mehr so trutschig aus wie einst bei Hape Kerkelings Kunstfigur Horst Schlämmer. Die meisten Männertäschchen kommen nicht als Handgelenktasche daher. Und es wäre darüber hinaus spießig, ein Unbehagen auszudrücken, weil mit der Handtasche angeblich ein Frauen-Accessoire Männerkörper schmückt. «Unisex» gab es schon in den 70ern, «metrosexuell» in den 90ern.

Doch warum erlebt die Herrenhandtasche ausgerechnet jetzt ein Comeback? In den USA habe «der Verkauf von Männer- und Unisex-Handtaschen innerhalb von drei Jahren um 700 Prozent zugenommen», sagt Carl Tillessen vom Deutschen Mode-Institut (DMI). Er betont jedoch: «Der aktuelle Boom der «Murse» hat nichts mit Genderfluidität zu tun. Ganz im Gegenteil: Es fällt auf, dass Männerhandtaschen gerade bei breitschultrigen, breitbeinigen Machos besonders beliebt zu sein scheinen.»

Stauraum für Schlüsselbund, Portemonnaie und Handy

Der DMI-Chefanalyst Tillessen führt aus: «Dass es in der Vergangenheit keine Handtaschen für Männer gab, ist genauso sinnlos, wie der Umstand, dass Frauenkleidung keine Innentaschen hatte. Denn: Wir alle brauchen in unserem Outfit Stauraum für Schlüsselbund, Portemonnaie und Handy, also alles, was wir mit uns herumtragen.»

Es gibt Tillessen zufolge gute Gründe, die den Boom der Männerhandtasche so dringlich machten und dazu geführt haben, dass Männer ihre kulturell bedingten Berührungsängste mit Handtaschen überwunden haben. Zum einen sei dies der Klimawandel, der viele Leute immer öfter ohne Jacke und damit ohne Stauraum am Körper unterwegs sein lasse. «Außerdem ist die Jogginghose als Standard in der Männergarderobe ein Grund dafür, dass sich die Herrentasche wieder etabliert hat. Im Gegensatz zu einer Jeans kann man in den Taschen einer Jogginghose wegen des nachgiebigen Stoffs keine schweren und scharfkantigen Gegenstände wie Schlüsselbund und Handy unterbringen.» Entsprechend seien genau die Männer, die gern in Jogginghosen herumlaufen, in jüngerer Zeit die ersten mit Täschchen gewesen.

Übrigens: Die Tasche als Raubzug der Männer in der Damenmode darzustellen, ist eigentlich ziemlicher Quatsch. Denn in der Geschichte trugen Männer oft Taschen. Gürteltaschen im Mittelalter, bestickte Jagdtaschen in der frühen Neuzeit. Erst im 20. Jahrhundert war der angebliche Ballast einer Extra-Tasche plötzlich tabu.

Gürteltasche besonders angesagt

In den 1970er Jahren führte dann die Mode mit schmalen Silhouetten und vor allem engen Hosen dazu, dass Herren Sachen wie den Geldbeutel in vergrößerte Brieftaschen mit Handgelenkschlaufe auslagerten. Doch schon ab den 80ern galt das wieder als «zu feminin». Akzeptiert waren vielleicht noch die Bauchtasche unter der Kleidung und der Rucksack.

Doch im Zeitalter der Digitalisierung und vor allem des Smartphones, das sich in der Hosentasche oft zu groß und unschön abzeichnet, stellt sich die Frage: Auf welche Art all das Zeug transportieren?

Die Corona-Pandemie mit dem neuen Alltagsaccessoire Gesichtsmaske (aka Mund-Nase-Schutz) machte die Frage noch einmal dringlicher. In den letzten Jahren trat deshalb die Gürtel- oder Bauchtasche ihren Siegeszug an, die früher lediglich Kellnern, Schaffnern oder den als peinlich betrachteten Ballermann-Touristen vorbehalten schien.

Heute ist die Gürteltasche - am besten lässig als Cross-Body-Bag, also diagonal über der Brust getragen - sowohl bei Männern als auch Frauen angesagt. Die eigentliche Tasche wird dabei frontal oder unterhalb der Achsel platziert. Um manche Tasche gibt es inzwischen genauso viel Hype wie um das Trend- und Kultobjekt Sportschuh, sprich Sneaker.

Auch Halskettchen bei Männern immer beliebter

Neben Herrenhandtaschen scheinen auch Halskettchen bei immer mehr Männern angesagt zu sein. «Die Nachfrage nach Männerschmuck ist allein im letzten Jahr um 150 Prozent gestiegen», sagt Carl Tillessen vom Deutschen Mode-Institut (DMI). «Der Jüngling, der sich die Perlenkette und Seidenbluse seiner Mutter ausleiht, und die Studentin, die den Staubmantel und die Bundfaltenhose ihres Opas aufträgt, sind im Straßenbild kaum zu übersehen.» Die sogenannte Gender-Agenda vieler junger Leute sei «sehr komplex», sagt der Mode-Experte. Der englische Begriff «gender» bezeichnet das soziale Geschlecht - im Unterschied zum biologischen Geschlecht.

US-Rapper Snoop Dogg trägt zwei große Ketten um den Hals bei seinem Auftritt in der Halbzeitpause des 56. Super Bowl. Foto: Tony Gutierrez/AP/dpa

«Wir leben in einer Gesellschaft, die so von Sexismus durchdrungen ist, dass wir bei jedem Kontakt mit anderen Menschen immer zunächst als Frau beziehungsweise als Mann gesehen werden und erst dann als Mensch. Die neue Generation will so nicht mehr leben», sagt Tillessen. Sie wolle stattdessen zuerst und vor allem als Mensch wahrgenommen werden. «Und sie hat verstanden, dass die einzige Möglichkeit, die eingefahrene binäre Geschlechterordnung der älteren Generationen aufzubrechen, darin besteht, flächendeckend für Verwirrung und Verunsicherung zu sorgen.»

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