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Hausbau wird immer teurer

Deutschland ist im Bauboom – und das trotz der Pandemie. Im letzten Jahr erzielte die deutsche Baubranche einen Rekordumsatz. Für viele zukünftige Hausbauer könnte es dennoch teuer werden. Die Gründe dafür sind vielseitig und haben nur teilweise mit Corona zu tun. Der ein oder andere Hausbauplan muss aufgrund der schwierigen Lage aber wahrscheinlich noch einmal verschoben werden.

Aschendorff Medien

Foto: Colourbox

2020 wurden etwa 288.000 neue Wohnungen in Deutschland genehmigt. 59 % dieser Wohnungen sind Mehrfamilienhäuser, 38 % Ein- und Zweifamilienhäuser. Die übrigen Genehmigungen betreffen Wohnheime. Durch die vielen neuen Aufträge verzeichnete die Baubranche einen Rekordumsatz von 98,3 Milliarden Euro. Im Vergleich zum Vorjahr ist dies ein Plus von 6,6 %, wie das Statistische Bundesamt mitteilte. Auch die Anzahl der Beschäftigten wuchs. Beim gewerblichen Bau sank der Auftragsumsatz allerdings um 4,8 %, da viele Unternehmen größere Investitionen erst einmal verschoben. Beim Wohnungsbau gab es hingegen ein Plus von 7,6 %.

Warum so viele Deutsche plötzlich bauen, ist schwer zu sagen. Zum einen sind viele Wohnungsgesellschaften daran interessiert, mehr Wohnraum zu bauen, um damit steigende Mieten auszugleichen. Und viele deutsche Städte wachsen momentan schneller als je zuvor. Hinzu kommen zahlreiche Projekte zu erneuerbaren Energien und viele alte Wohnungen werden momentan saniert. Privateigentümer haben den Lockdown im letzten Jahr teilweise genutzt, um das eigene Haus auf Vordermann zu bringen, oder bringen zu lassen. Die Zahl der Renovierungen ist wie die Zahl der Neubauten angestiegen. Auch hat der Trend zum Homeoffice den Wunsch nach einem angenehmen Arbeitsplatz in den eigenen vier Wänden bestärkt.

An Geld fehlt es (noch) nicht

Die Entwicklung zeigt, dass ein Großteil der Deutschen bereit ist, größere Summen in das eigene Haus zu investieren. Und auch das Bausparen ist weiterhin sehr beliebt, da so Geld gespart und günstige Zinsen für eine Baufinanzierung gesichert werden können. Auch Forward-Darlehen werden zur Sicherung günstiger Zinsen immer beliebter und fast jede Bank stellt mittlerweile ausführliche Informationen zu Forward Darlehen und Anschlussfinanzierung bereit. Überhaupt sind Deutsche hervorragende Sparer und sparten 2020 mehr als 388 Milliarden Euro an privatem Geldvermögen. Das ist europaweiter Rekord. Im letzten Jahr kamen zudem mehr als 1,5 Millionen Neuverträge bei privaten und öffentlichen Bausparkassen hinzu.

Bauen wird zunehmend teurer

Wie lange das Geld aus Bausparverträgen und Co. noch reicht, ist allerdings schwer zu sagen. Denn der Hausbau wird immer teurer. Der Hauptgrund dafür ist, dass nicht nur Deutschland, sondern die ganze Welt momentan im Baufieber ist. Auch deshalb sind Holz, Stahl und Dämmmaterialien momentan so gefragt wie nie zuvor. Einige Holzarten sind seit Beginn der Pandemie um bis zu 500 % teurer geworden. Im Durchschnitt stieg der Holzpreis um 200 %. Einer der Gründe dafür ist, dass die Holzproduktion in den wichtigsten Exportländern, Russland und Kanada, momentan noch nicht wieder vollständig angelaufen ist.

Doch besonders in den Vereinigten Staaten wird mittlerweile mehr gebaut als je zuvor. Präsident Joe Biden hat hier mehrere Verordnungen beschlossen, durch welche ein Großteil der amerikanischen Infrastruktur in den nächsten Jahren aufgerüstet oder verbessert werden soll. Und da das liebste Baumaterial der USA Holz ist, ist dieses dort entsprechend stark gefragt. Doch der Nachbar Kanada kann nicht genug liefern und selbst der eigentliche Erzfeind Russland hat momentan nur wenig Holz anzubieten. Viele amerikanische Händler greifen deshalb auf den europäischen Markt zurück und kaufen die Lager leer. Auch deutsches Holz wieder über den Atlantik verschifft. Und als wäre dies nicht schon genug hat auch ein anderer Global-Player momentan viel Spaß am Bauen: China. Europäisches Holz wird also an beide Enden der Welt geliefert, wodurch nichts für die heimischen Hausbauer übrigbleibt.

Handwerkermangel kommt hinzu

Doch selbst wer über genug Baumaterialien verfügt, steht momentan oft vor einem Problem: Es gibt zu wenig Handwerker. Und die vorhandenen leiden teilweise selbst unter dem Materialmangel. Doch das betrifft nicht nur Tischler und Dachdecker, sondern auch Elektriker. Der weltweite Ressourcenmangel führt dazu, dass es an zahlreichen elektrischen Bauteilen fehlt. Metalle, Kunststoffe, Computerchips und sogar Schrauben: alles ist momentan Mangelware. Teilweise kommt es zur Materialverteuerung von 20 bis 30 Prozent. Doch einige Güter haben sich einen Preisanstieg von über 300 %. Auf lange Zeit wird sich dies erheblich auf die Kosten beim Wohnungsbau oder bei Renovierungen auswirken.

Für viele Hausbauer heißt es deshalb entweder selbst Hand anlegen, zwei bis vier Monate auf einen Handwerker warten oder das Bauprojekt verschieben. Und eine Besserung der Lage ist momentan nicht in Sicht. Seit Jahrzehnten fehlt es in Deutschland an Handwerkern und der Materialmangel wird selbst mit einer Produktion wie vor der Pandemie noch eine Weile anhalten. Im schlimmsten Fall bleiben die höheren Kosten beim Hausbau permanent bestehen und die ein oder andere Familie muss den Traum von Eigenheim noch um ein paar Jahre nach hinten verschieben

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