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Friedensaktivist

Zen-Meister Thich Nhat Hanh wird 95

Hanoi/Hue (dpa)

Zen-Meister und Friedensaktivist: Thich Nhat Hanh hat Millionen Menschen gezeigt, wie wichtig Achtsamkeit für ein glückliches Leben ist. Neben dem Dalai Lama ist er der bekannteste buddhistische Lehrer im Westen.

Von Carola Frentzen, dpa

Der Zen-Meister und Friedensaktivist Thich Nhat Hanh(2013). Foto: Handout/epa/dpa

An seinem 95. Geburtstag ist Thich Nhat Hanh genau da, wohin er lange zurück wollte: Hue in Zentralvietnam, in jenem Kloster, in dem er einst zum Mönch ordiniert wurde.

Weil er sich in den 1960er Jahren vehement gegen den Vietnamkrieg eingesetzt hatte, musste er vier Jahrzehnte im Exil verbringen. Erst 2018 kehrte der weltbekannte Achtsamkeitslehrer und Friedensaktivist endgültig in das Land am Mekong zurück.

«Es war ihm wichtig, seine letzten Lebensjahre in jenem Tempel zu verbringen, in dem seine Wurzeln liegen», sagt Thay Phap An, der Leiter des von Thich Nhat Hanh in Waldbröl (Nordrhein-Westfalen) gegründeten «Europäischen Instituts für Angewandten Buddhismus» (EIAB). Seit einem Schlaganfall 2014 kann Thich Nhat Hanh nicht mehr sprechen, seine rechte Körperseite ist gelähmt. Aber wenn er am Montag (11. Oktober) seinen Ehrentag begeht, wird er von Mitgliedern seines Ordens umgeben sein, die ihn lieben und verehren - so wie Millionen Menschen in allen Teilen der Welt.

«Thay» nennen sie ihn, vietnamesisch für «Lehrer». «Thay ist schwach, doch das ist ja normal in seinem Alter», sagt Schwester Dinh Ngiem, die sich in Hue um ihn kümmert, der Deutschen Presse-Agentur am Telefon. «Aber er spricht mit seinen Augen - und wir alle genießen seine Nähe, seine Präsenz.»

Die Kunst eben jener Präsenz, aber auch Mitgefühl für alles Lebende und ein glückliches Leben im gegenwärtigen Augenblick - das sind Thich Nhat Hanhs Themen, über die er bis zu seinem Schlaganfall regelmäßig mit sanfter Stimme und verschmitztem Lächeln dozierte. Mit inspirierenden Worten erklärte er, dass Meditation immer und überall möglich ist. Auch beim Essen, beim Spazierengehen, ja beim Putzen.

«Wenn wir wirklich lebendig sind, ist alles, was wir tun oder spüren, ein Wunder. Achtsamkeit zu üben bedeutet, zum Leben im gegenwärtigen Augenblick zurückzukehren», sagte er einmal. Und: «Unsere Verabredung mit dem Leben findet immer im gegenwärtigen Augenblick statt. Und der Treffpunkt unserer Verabredung ist genau da, wo wir uns gerade befinden.» So einfach und doch so kompliziert, wie seine Anhänger wissen. Einer seiner poetischsten Sätze bringt es auf den Punkt: «Gehe so, als würdest Du die Erde mit deinen Füßen küssen.»

Die «New York Times» beschrieb ihn einmal als «kleinen, schlanken Mann, der eine Aura der Stille und einen Fokus besitzt, die Aufmerksamkeit erregen». Praxisnah erläuterte Thich Nhat Hanh, wie ein glückliches Leben gelingen kann, setzte sich aber auch mit der Tatsache des menschlichen Leidens und Gefühlen wie Wut und Angst auseinander. «Wer keinen Frieden in sich selbst gefunden hat, kann nicht zum Friedenswerkzeug werden», so sein Credo.

Thich Nhat Hanh selbst hat derweil versucht, mit seinem politischen Engagement genau das zu sein: ein Werkzeug des Friedens. Bei Papst Paul VI. und amerikanischen Spitzenpolitikern machte er sich in den 1960er Jahren für ein Ende der Kriegshandlungen in Vietnam stark und hinterließ viel Eindruck. In Chicago traf er den US-Bürgerrechtler Martin Luther King Jr., der den Mönch später als «Apostel des Friedens und der Gewaltfreiheit» würdigte.

Kings Bewunderung ging so weit, dass er Thich Nhat Hanh in einem Brief für den Friedensnobelpreis 1967 vorschlug. Aber dazu sollte es nicht kommen: Sowohl 1966 als auch 1967 wurde die renommierte Auszeichnung letztlich nicht vergeben. Stattdessen erklärte Vietnam den Buddhisten Ende der 1960er Jahre zur unerwünschten Person. Seine Bücher wurden verboten, Thich Nhat Hanh musste ins Exil. Aber sein lebenslanger Einsatz für gewaltfreie Konfliktlösungen ging weiter.

Mehr als 100 Bücher hat er in englischer Sprache veröffentlicht, die in 22 Sprachen übersetzt wurden. Rund 30 sind auch auf Deutsch erschienen. Es gibt kaum eine Buchhandlung, von Hugendubel in München bis zum kleinen Straßenshop in Thailand, wo keine Werke des Vietnamesen im Regal stehen. 2017 kam eine gefeierte Dokumentation mit dem Titel «Walk with me» über seine friedliche Welt und die Kunst der Achtsamkeit heraus. Erzähler ist der britische Schauspieler Benedict Cumberbatch («Sherlock», «12 Years a Slave»). Die Filmemacher hatten die Gemeinschaft des Mönchs zuvor mehrere Jahre begleitet.

Während seines Exils verbrachte Thich Nhat Hanh viel Zeit in Frankreich, wo er 1982 in der Nähe von Bordeaux das berühmte Meditationszentrum «Plum Village» gründete. Tausende Menschen aus aller Welt reisen jedes Jahr an. Dort, so wie auch im EIAB in Waldbröl und anderen Gemeinschaften des Mönchs, wollen die Menschen seinen Geburtstag unter anderem mit Meditationen feiern - über Themen wie Geschwisterlichkeit und Menschenliebe. «Denn Liebe, das ist letztlich seine Botschaft», sagt Thay Phap An.

In Hue werden die Brüder und Schwestern hingegen - wie jeden Tag - Thich Nhat Hanhs Hütte mit Blumen dekorieren und sich hingebungsvoll um ihn kümmern. «Sie werden ihm wie so oft Briefe seiner Anhänger aus aller Welt vorlesen» erzählt Schwester Dinh Ngiem. «Und es wird ihm sicher jemand einen Apfelkuchen backen. Denn Thay liebt Apfelkuchen.»

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