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Missbrauchsstudie

Bischof Genn gibt einen Teil der Macht ab

Münster

Bischof Felix Genn zieht Konsequenzen aus der Missbrauchsstudie: Er wolle einen Teil seiner Macht abgeben, sagte er am Freitag. Dabei alleine soll es nicht bleiben – der Bischof kündigte weitere Veränderungen an.

Von Ralf Repöhler und Elmar Ries

Bischof Felix Genn hat am Freitag Stellung zur Missbrauchsstudie genommen. Foto: Matthias Ahlke

Der Bischof kündigte am Freitag in einer ersten Konsequenz aus der am Montag vorgestellten Missbrauchsstudie an, Macht abgeben zu wollen. Sexueller Missbrauch sei immer auch Missbrauch von Macht. „Ich möchte Macht abgeben und zugleich meine Rolle schärfen. Als Bischof bin ich Seelsorger und „Mitbruder“, zugleich aber auch Vorgesetzter und Richter. Das empfinde ich als problematisch“, sagte Genn. Wissenschaftler kritisieren eine Rollenüberfrachtung des bischöflichen Amtes.

Unabhängige Verwaltungsgerichtsbarkeit

Genns Konsequenz: Er will sich von einer Verwaltungsgerichtsbarkeit lenken lassen. „Manche von Ihnen wissen vermutlich, dass es seit vielen Jahren eine Diskussion über kirchliche Verwaltungsgerichte gibt. Ziel solcher kirchlichen Verwaltungsgerichte ist es, Menschen die gerichtliche Überprüfung ihrer Rechte gegen einen sie betreffenden kirchlichen Verwaltungsakt zu ermöglichen. Eine kirchliche Verwaltungsgerichtsbarkeit ist von daher keine Straf- oder Disziplinargerichtsbarkeit – gerade auch bei Fällen sexuellen Missbrauchs. Aber sie macht kirchliche Verwaltungsakte durchschaubarer, transparenter und rechtlich überprüfbar“, sagte Genn.

Der Bischof will sich freiwillig den Urteilen solcher Verwaltungsgerichte und damit einer unabhängigen Kontrollinstanz stellen. Den emeritierten Kirchenrechtler Prof. Klaus Lüdicke hat er um Prüfung gebeten, wie und unter welchen Umständen eine vorübergehende diözesane kirchliche Verwaltungsgerichtsbarkeit im Bistum Münster jetzt schon eingeführt werden könnte, obwohl es noch keine Festlegungen hierzu aus Rom und auf Ebene der Deutschen Bischofskonferenz gibt. Ende des Jahres sollen Ergebnisse dazu vorliegen.

Bischof Felix Genn hat am Freitag vor Medienvertretern Konsequenzen aus der Missbrauchsstudie angekündigt. Foto: Matthias Ahlke

Transparentere Personalentscheidungen

Genn kündigte zudem an, die Gremienstruktur in unserem Bistum neu zu ordnen. Die Planungen hierzu hätten mit dem sogenannten Prozess zur Entwicklung pastoraler Strukturen bereits begonnen. „Meine Perspektive ist dabei klar: Obwohl kirchenrechtlich die Letztverantwortung in vielen Fragen beim Bischof bleiben wird, bin ich bereit, mich im Rahmen einer Selbstverpflichtung an die Entscheidungen diözesaner Gremien zu binden und das auch verbindlich festzuschreiben“, sagte er.

Personalentscheidungen im Bistum Münster sollen in Zukunft transparenter, nachvollziehbarer und partizipativer getroffen werden. Die Wissenschaftler der WWU sprechen von „männerbündischen Strukturen“, die mit dazu geführt hätten, dass Missbrauchstäter von den früheren Personalverantwortlichen des Bistums Münster immer weiter eingesetzt wurden. „Wir müssen diese Strukturen aufbrechen. Wichtig scheint mir dabei die Zusammensetzung und Arbeitsweise der Personalkonferenz zu sein. In dieser sitzen bis heute im Bistum Münster nur Männer und überwiegend Priester. Es liegen bereits Vorschläge vor, wie das im Sinne von mehr Transparenz, mehr Beteiligung und auch mehr Geschlechtergerechtigkeit geändert werden kann“, sagte Genn.

Komplette Stellungnahme des Bischofs zum Missbrauchsgutachten

Studie kritisiert mangelnde Kontrolle

Die Studie kritisiert an vielen Stellen, dass es keine hinreichende Kontrolle der Auflagen gab, die Beschuldigten oder Tätern gemacht wurden. „Jedem Täter und Beschuldigten wird dabei ein so genannter „Fall-Manager“ zugewiesen. Die Bezeichnung müsste man vielleicht noch einmal überdenken. Diese Person soll unter anderem regelmäßig überprüfen, dass die Auflagen, die Beschuldigten und Tätern gemacht werden, eingehalten werden“, sagte Genn. Im Bistum Münster wird ab dem 1. Januar 2023 eine Person im Einsatz sein, die überprüfen wird, dass die Auflagen, die der Bischof Klerikern in Dekreten gemacht habe, eingehalten werden.

Ein unabhängiger Beraterstab soll dem Bischof zu Fragen des Umgangs mit sexuellem Missbrauch im Bistum Münster Empfehlungen aussprechen. „Ich verpflichte mich, diesen Empfehlungen zu folgen“, sagte Genn.

Aufarbeitung soll weitergehen

Die Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs im Bistum Münster gehe nach der Veröffentlichung der Studie der WWU weiter. Auch im Bistum Münster soll eine Aufarbeitungskommission eingerichtet werden. Eine entsprechende Vereinbarung gibt es in einer gemeinsamen Erklärung des früheren Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Johannes-Wilhelm Rörig, und des Missbrauchsbeauftragten der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Stephan Ackermann.

Inzwischen gibt es sieben Personen, die bereit seien, in einer solchen Kommission mitzuwirken. Diese Personen werden in Unabhängigkeit vom Bistum – aber mit der erforderlichen Unterstützung – arbeiten. Die Mitgliederinnen und Mitglieder werden nicht durch den Bischof berufen. „Das könnte erneut als Zeichen der Abhängigkeit verstanden werden. Ich werde vielmehr als Bischof das Angebot dieser sieben Personen annehmen, in der Aufarbeitungskommission mitzuwirken“, erläuterte Genn.

Dunkelfeld soll untersucht werden

Der Blick sollte laut Bischof systematisch auch auf sexuellen Missbrauch in Ordensgemeinschaften, Internaten und anderen kirchlichen Einrichtungen im Bistum Münster gerichtet werden. Dabei sollte die Aufarbeitung über den Kreis der Kleriker hinausgehen. Genn sprach sich dafür aus, das sogenannte Dunkelfeld sexuellen Missbrauchs wissenschaftlich abgesichert in den Blick zu nehmen.

Genn will sich dafür einsetzen, den Staat künftig stärker zu beteiligen und bei der Aufarbeitung mit in die Pflicht zu nehmen. „Vielleicht könnte diese Aufarbeitung im Amt der Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs gesetzlich verankert werden“, sagte er.

Personelle Konsequenzen

Genn machte deutlich, dass Priester und andere Seelsorger, die Kinder, Jugendliche oder Erwachsene sexuell missbraucht haben, nicht mehr in der Seelsorge eingesetzt werden. Einen Rücktritt lehnt Genn ab. „Ich glaube nicht, dass ich sexuellen Missbrauch vertuscht habe“, sagte er.

Den verstorbenen Amtsvorgängern Lettmann, Tenhumberg und Keller warf Genn vor, schwere Fehler im Umgang mit sexuellem Missbrauch gemacht zu haben. „Ich werde die Toten ruhen lassen, die Wahrheit aber muss ans Licht“, sagte Genn. Dem früheren Erzbischof von Hamburg, Werner Thissen, der zuvor Weihbischof und Generalvikar im Bistum Münster war, wird in der Studie ein deutliches Fehlverhalten nachgewiesen. Genn habe mit Thissen gesprochen. Er bekenne sich zu diesen schweren Fehlern.

Auch dem emeritierten Domkapitular Theodor Buckstegen, der Personalchef beim Bistum Münster war, werde in der Studie ein massives Fehlverhalten im Umgang mit sexuellem Missbrauch nachgewiesen. Buckstegen habe Genn gebeten, ihn als Domkapitular zu entpflichten.

Genn ist der Überzeugung, dass kirchliche Verantwortungsträger Kirche unter anderem zugewandt, veränderungsbereit, offen und sexuellen Missbrauch bekämpfend leben müssen. In Sachen Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs sei aus Genns Sicht noch viel zu tun.

Bischof entschuldigt sich bei Betroffenen

Bischof Felix Genn entschuldigte sich am Freitag zunächst als Reaktion auf die am Montag vorgestellte Missbrauchsstudie für das Bistum Münster persönlich bei den Betroffenen. Genn sagte zudem, dass er keinen Anspruch darauf habe, dass die Betroffenen seine Entschuldigung annehmen. Die Betroffenen hingegen hätten einen Anspruch auf eine unabhängige Aufarbeitung und auf ein verändertes Verhalten kirchlicher Verantwortungsträger.

„Ich war und bin Teil des Systems"

Genn übernimmt nach eigenen Worten am Freitag erneut die Verantwortung für die Fehler, die er selbst im Umgang mit sexuellem Missbrauch gemacht habe. „Ich war und bin Teil des Systems, das sexuellen Missbrauch möglich gemacht hat“, sagte Genn. Er räumte Fehler im Umgang als Bischof von Essen und Münster ein, vor allem in Sachen Transparenz. „Aus diesen Fehlern habe ich gelernt“, sagte er.

Priester in verantwortlicher Position, vor allem Bischöfe, Generalvikare und Personalverantwortliche, hätten laut Genn dafür gesorgt, dass Täter ihre Verbrechen ungehindert fortsetzen und weitere begehen konnten. „Es wurden weitere Menschen in Gefahr gebracht und Verbrechen ermöglicht“, so Genn.

So will der Bischof „Macht abgeben“

Bischofsgruft wurde gesperrt

Als unmittelbare Konsequenz ist mit Vorstellung der Studie bereits der Zugang zu den Gräbern von ehemaligen Bischöfen im Dom gesperrt worden. Der Besuch der Grablege ist derzeit „nicht möglich“. Eine Möglichkeit könnte es sein, dass ein Begleittext die Amtszeit der Bischöfe in den Kontext des veröffentlichten Gutachtens stellt, heißt es. In der Gruft unter dem Südturm liegen unter anderem die Gräber der Bischöfe Michael Keller, Heinrich Tenhumberg sowie Reinhard Lettmann. Forschende der Universität Münster werfen ihnen - und den weiteren beiden Bischöfen seit 1945 - vor, Fehler im Umgang mit Missbrauchsfällen gemacht zu haben. Der Domherrenfriedhof im Innenhof, wo unter anderem der ebenfalls in der Studie als ein Mitwisser genannte Weihbischof Dr. Josef Voß begraben liegt, ist weiterhin zugänglich.

Video in Kooperation mit dem WDR

Plätze und Häuser sind nach Auskunft des Bistums kaum nach den in der Studie genannten Bischöfen benannt, sodass sich an dieser Stelle keine Umbenennungsdebatten abzeichnen. Der angesehenen  Bischof-Tenhumberg-Stiftung, die sich für den Schutz des ungeborenen Lebens einsetzt, steht eine Namensdebatte ins Haus. Der Kardinal-Höffner-Kreis, ein Zusammenschluss christlicher Bundestagsabgeordneter, stellt seinen Namen bereits seit einem Kölner Gutachten infrage.

Studie bescheinigt Bistumsleitung Versagen

Bischöfe, Generalvikare und weiteres Spitzenpersonal der katholischen Kirche im Bistum Münster haben in den Jahren ab 1945 bei Verdachtsfällen von sexuellem Missbrauch gezielt Beschuldigte versetzt, so Fälle vertuscht und damit in der Leitung versagt. Neue und weitere Taten seien so ermöglicht worden. Das belegt die zu Wochenbeginn vorgestellte Studie zur sexualisierten Gewalt im Bistum Münster. Die fünf Historiker um Prof. Dr. Thomas Großbölting überreichten die beiden wissenschaftlichen Bücher nicht nur an Betroffenenvertreter, sondern im Anschluss auch an Bischof Genn. In dem knapp 600 Seiten dicken Hauptwerk ist konkret von mindestens 610 Betroffenen und mindestens 196 beschuldigten Klerikern die Rede. Die Hellfeldstudie geht bei den Opferzahlen von einem Dunkelfeld aus, „das acht bis zehn Mal so groß ist.“

Die schuldigen Hirten: PK mit Prof. Dr. Thomas Großbölting und Prof. Dr. Klaus Große Kracht und weiteren Historikern. Übergabe der Studie an Bischof Dr. Felix Genn und Betroffene. Einer der Betroffenen, er wollte seinen Namen nicht nennen, überreicht dem Bischof einen Dornenkranz. Foto: Oliver Werner

Generalvikar Klaus Winterkamp unterstreicht, dass die Wissenschaftler unabhängig bei ihren jahrelangen Forschungen waren. Personalakten aus den Jahren 1945 bis 2020 standen ihnen zur Verfügung. „Sie hatten ungehinderten Zugang zu allem Material“, sagt er. Die Akten vor 1945 waren allerdings im Krieg verbrannt.

Die Wissenschaftler klagen in ihrer Studie die Bistumsleitungen ab dem Jahr 1945 der Vertuschung an und nennen zahlreiche Fallbeispiele. Die Bischöfe Michael Keller (Amtszeit 1947 bis 1961), Joseph Höffner (1962 bis 1969), Heinrich Tenhumberg (1969 bis 1979) und Reinhard Lettmann (1980 bis 2008) hätten demnach Kenntnisse von Missbrauchstaten durch Kleriker gehabt und die mutmaßlichen Täter unter anderem in andere Gemeinden versetzt.

Bischof Genn selbst durch Missbrauchsstudie belastet

Auch Bischof Genn wird durch die Studie belastet. Zu Beginn seiner Amtszeit sei der Bischof mutmaßlichen Tätern kirchenrechtlich nicht immer mit der gebotenen Strenge begegnet und habe zum Beispiel Einzelfälle nicht in Rom gemeldet. Genn habe eingeräumt, gegenüber Beschuldigten „zu sehr als Seelsorger und zu wenig als Dienstvorgesetzter gehandelt zu haben". Die Historiker haben den Eindruck, dass auch nach dem Jahr 2010 „nicht immer konsequent gehandelt“ worden sei. Seit einigen Jahren sei ein Übergang zu sehen, der überwiegend den Richtlinien entspreche.

So kümmert sich im Bistum Münster seit dem Jahr 2019 ein weisungsunabhängiger Interventionsbeauftragter um die Missbrauchsfälle und Betroffenen. Zusätzlich gibt es zwei Präventionsbeauftragte und eine Referentin für Sexuelle Bildung. Das Bistum steht nach eigenen Angaben mit über 250 Betroffenen in Kontakt. In der Missbrauchsstudie ist von mindestens 610 Betroffenen die Rede, von denen manche inzwischen verstorben sind.

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