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Ein Besuch in der Villa Nowa und bei ihren Bewohnern mit Einschränkungen

Beim Frühstück schon gute Laune

Greven

Selbstständig in der eigenen Wohnung leben. Das ist für Menschen mit Handycap immer noch ein Traum. In der Villa Nova an der Nordwalder Straße ist der Traum seit einem Jahr Wirklichkeit geworden. So unterschiedlich wie die Bewohner sind ihre Wohnstile. Ein Hausbesuch.

Deniz Cidik hat sein Apartment ganz nach seinem Geschmack eingerichtet – viel Schwarz und mit großen Avengers-Plakaten. Foto: Günter Benning

Deniz Cidik steht auf Schwarz. Schwarzes T-Shirt, schwarzes Sofa, schwarzer Heimtrainer. Die Arbeitsplatte in der Küche ist schwarz und die sechs Uhren über seinem schwarzen Fernseher passen sich dem Stil an. New York, London, Berlin, Moskau, Tokio, Sydney. An der Nordwalder Straße weiß er, wie die Uhren ticken. „Mein erster Tag hier“, sagt der 23-Jährige, „war gewöhnungsbedürftig. Vorher hatte ich ja noch bei meinen Eltern gewohnt.“

Wohnhaus für Menschen mit Behinderung an der Nordwalder Straße in Greven Foto: Günter Benning

Ein Apartment weiter in der Villa Nova, dem Haus für Menschen mit Behinderungen, wohnt Birgit Focke. Sie ist 54 Jahre alt und arbeitet in den Ledder Werkstätten in Riesenbeck. Auch sie hat bei ihren Eltern gewohnt, bevor es die Möglichkeit gab, in das Wohnprojekt zu ziehen, das von privaten Investoren verwirklicht wurde. Ihr Wohn-Stil ist schlicht und einfach: Ein kleiner Tisch, eine Tischdecke und ein paar Zeitschriften darauf. Draußen hat sie einen Balkon, große Fenster und freie Sicht auf die Mühlenstraße.

Frei sein. Das ist ein wichtiges Motiv dieses Projekts. Jeder der behinderten Bewohner richtet seine Wohnung ein wie er will. Die Apartments sind zwischen 38 und 48 Quadratmetern groß, jeder hat seinen Mietvertrag. Die meisten haben vorher bei ihren Eltern gewohnt, weil es keine andere Wahl gab.

So wie Maja Heilker, 20. Sie hat nach dem Termin mit der Zeitung noch etwas vor: „Ich muss einkaufen. Denn hier machen wir alles alleine.“

Klaus Knaup

Auch das Kochen und Backen. Jede Wohnung hat eine kleine Küche. Klaus Knaup, 33, muss heute noch backen: „Es gibt Muffins“, sagt er, „alleine wohnen ist echt cool.“

Man muss allerdings auch eine Menge dafür lernen. So wie Linus Uhlenbrock, 24, Sohn des Lebenshilfe-Kreisvorsitzenden Prof. Dr. Klaus Gellenbeck, der in das Haus mitinvestiert hat: „Was ich vermisse?“, sagt er, „dass meine Mutter meine Wäsche wäscht.“

Wohnhaus für Menschen mit Behinderung an der Nordwalder Straße in Greven Foto: Günter Benning

Die Bindung nach Hause ist sehr unterschiedlich. Manche der Bewohner sind noch jeden Tag bei den Eltern zu Besuch, wie der Saerbecker Jannik Klöcker. Er arbeitet in seinem Heimatort, pflegt dort sein Pferd: „Und meine Mutter wäscht mir auch noch die Wäsche“, sagt er, während er gerade Öl in seinen Roller füllt, mit dem der 23-Jährige immer unterwegs ist.

Miriam Kühlert ist nach einem Unfall auf den Rollstuhl angewiesen. Sie lebt in der Wohngemeinschaft, die von der Lebenshilfe ebenfalls in dem Haus an der Nordwalder Straße betrieben wird. Sie streichelt die Hand ihres Freundes, der neben ihr in seinem Rollstuhl sitzt: „Das Schönste ist, dass ich mit Marc zusammen sein kann.“

Die Stimmung im Gemeinschaftsraum des Wohnprojekts ist locker. An der Außenwand prunkt ein großes Wandbild mit Harry Potter und einem DeLorean DMC-12 aus dem Film „Zurück in die Zukunft“. Die Bewohner haben es gemeinsam mit dem Wandkünstler Chris Helmig entwickelt.

Wohnhaus für Menschen mit Behinderung an der Nordwalder Straße in Greven Foto: Günter Benning

Einen langen Tisch gibt es hier, dahinter ein Kicker und eine Küche. Hier trifft man sich, kocht gemeinsam und verbringt viel Zeit.

Damit alles problemlos läuft, gibt es eine Hausdame. Das ist Irmhild Berning, die bei der Lebenshilfe eingestellt ist: „Ich organisiere den Alltag, die Dienstpläne, die Feiern.“ Für die betreute Wohngemeinschaft sind immerhin 19 Mitarbeiter beschäftigt, viele nur für einige Stunden. Aber anders lässt sich ein 7x24-Stunden-Dienst nicht organisieren.

Wobei die Berufsqualifikationen sehr unterschiedlich sind. Da ist die Heilerziehungspflegerin Sarah Verhülsdonk, der dieser Job einfach „Spaß“ macht. Oder Michelle Butschkowski, die während ihres Studiums für Heilpädagogik im Haus arbeitet. Sie hat schon ihren Bundesfreiwilligendienst bei der Lebenshilfe absolviert. Das war wohl eine Werbung mit Haftwirkung.

Job mit Haftwirkung

Manchmal muss man genau hinhören, wenn die Bewohner des Hauses reden. Da ist es gar nicht schlecht, wenn man selbst schon Erfahrungen mit der schweren Sprache gesammelt hat. So wie Andreea Tofan, die erst vor acht Jahren aus Rumänien nach Deutschland gekommen ist. Sie studiert Soziale Arbeit bei der IU in Münster und will später im Migrationsbereich arbeiten: „Aber die Arbeit hier hat mir zu vielen Erfahrungen verholfen.“

Wohnhaus für Menschen mit Behinderung an der Nordwalder Straße in Greven Foto: Günter Benning

Häuser wie dieses gibt es auch anderswo. „Eins in Emsdetten und eins in Planung, eines in Saerbeck“, erklärt Lebenshilfe Vorsitzender Klaus Gellenbeck, „in Ladbergen soll es auch eins geben.“ Für ihn geht es nicht nur um Wohnen: „Es ist ein Lebensprojekt.“

Dass behinderte Menschen ihr persönliches Leben führen, ist gar nicht so selbstverständlich, denn ganz ohne Schützenhilfe geht es meistens nicht.

Ansonsten herrscht hier normales Leben – normale Freizeit: Linus Uhlenbruck ist am Wochenende bei einem Fußballcamp in Köln. Klaus Knaup fährt mit seiner Mutter für zwei Wochen nach England, zum Wandern. Lara Peppenhorst, die in einer Gärtnerei der Alexianer arbeitet, kickt am Wochenende bei den Kickerfreunden Greven.

Auch den Tod erfahren

Auch den Tod haben die Bewohner schon erfahren. Eine der ersten Bewohnerinnen der Wohngemeinschaft war Michelle Strothmann, die als „Prinzessin Philippa von Hagenstein“ ein Buch über ihrer Fantasiewelt geschrieben hatte. Sie war schwer mehrfach behindert, aber konnte noch in die WG einziehen. „Als sie starb“, sagt Birgit Focke, „waren alle sehr traurig.“ Michelles Foto steht auf einem Sideboard im Gemeinschaftsraum.

Das Leben mit den Behinderten ist auf besondere Weise erfreulich. Findet jedenfalls Heike Eßmeier. Eigentlich arbeitet sie in einem Bestattungsunternehmen.

Aber ihr Zweitjob ist es, morgens eineinhalb Stunden an der Nordwalder Straße das Frühstück vorzubereiten. „Da nehme ich die gute Stimmung von hier mit“, sagt sie, „ich habe hier noch nie schlechte Laune erlebt.“

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