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Ernst Reiling gestorben

Der „Bunte Hund“ sagt leise ciao

Greven/Reckenfeld

Von Ulrich Reske

Wenige Tage vor seinem 81. Geburtstag ist Ernst Reiling gestorben.  Foto: res

Sehen. Denken. Handeln – wenn er dann mal wieder allzu impulsiv gehandelt hatte, erinnerte er sich mit einem feinen Lächeln, dass er genau diesen logischen Dreiklang trefflich missachtet hatte. Ernst Reiling war nie der mathematische Logiker, aber stets der Mann des Handelns, des empathischen Handelns, der oft schneller als seine werten Kommunalpolitiker-Kollegen des Pudels Kern entdeckte. „Ernesto“, wie seine Freunde den italophilen Reckenfelder nannten, hat am Donnerstagabend den irdischen Kosmos verlassen, wenige Tage vor seinem 81. Geburtstag. Der Tod: Er sah ihn, dachte ihn und handelte.

Erinnern Sie sich? „Bunter Hund“, titulierte die Zeitung vor vielen Jahren den neuerlichen Fraktionswechsel des umtriebigen Kommunalpolitikers. Das konnte den so Gescholtenen nicht anfechten. Denn bunt zu sein war für ihn keineswegs ehrenrührig, eher Programm. Konnte er seine Ziele nicht erreichen, die mit „Chancengerechtigkeit in der Bildung“, „Kultur für alle“ und „Reckenfeld first“ wohl am besten charakterisiert sind, sagte Ernesto „Ciao“.

So verließ er Ende der 80er Jahre, die Grünen - trotz freundschaftlicher Beziehungen zur einstigen Grünen-Mitgründerin Petra Kelly. Der unabhängige Geist klopfte zwischenzeitlich bei Union und SDP an, gründete gar zwei Mal eine UWG, um dann schließlich politische Heimat in der eigenen kommunalpolitischen Neugründung „Reckenfeld direkt“ zu finden. Irrungen und Wirrungen, die er mit Vehemenz, aber auch einer gewissen Leichtigkeit bis hin zur feinen Selbstironie zu begründen wusste.

Sein Coup, ein „kleines Rathaus“ in Reckenfeld zu gründen, zeugt von feinem politischen Instinkt. Denn damit schuf er nicht irgendein Parteibüro, sondern eine Anlaufstelle für alle Bürger. Der Neid der politischen Konkurrenz war ihm gewiss, zumal er in seinem Ort als Einzelkämpfer locker das Direktmandat holte.

Egal mit welcher Formation Ernst Reiling in Grevens Rat agierte, die Kommunalpolitik bestimmte er mit, war oft das Zünglein an der Waage. Bürgermeister verdanken ihm Wahlsiege, aber auch Niederlagen. Dass harte politische Auseinandersetzungen und eine tiefe Freundschaft sich nicht ausschließen, darf der Autor dieser Zeilen mit Fug und Recht behaupten. Auch wenn politische Mitbewerber diese Allianz misstrauisch beäugten, focht dies weder den Freigeist noch seinen Journalistenfreund an.

Der bekennende Reckenfelder verspürte nie Ambitionen, den Weg in die vermeintlich große Politik einzuschlagen – trotzdem traf er sich mit eben den Großen der Politik auf Augenhöhe. Ein gemeinsames Foto von Kanzlerin Merkel und Kommunalpolitiker Reiling über seinem Schreibtisch zeugt davon, genauso wie die in seinem Verlag erschiene historische Rede des Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker zum 8. Mai, die das Kriegsende klar und deutlich als eine „Befreiung von der NS-Diktatur“ charakterisierte.

Die Anthologien, die Bücherfreund Reiling in den 80er und 90er Jahren als Herausgeber publizierte, ernteten deutschlandweit viel Anerkennung und führten zudem Prominente nach Greven, die den Weg hierhin ansonsten wohl nie gefunden hätten. Lew Kopelew, Peter Härtling und viele mehr lotste Reiling in seine Heimatstadt – die Kulturinitiative, aber auch der später von ihm gegründete Reckenfelder Treff profitierten von Reilings Kontakten. Bis zuletzt übrigens, denn der Corona-Bildungsgipfel mit Klaus Hurrelmann und Aladin El-Mafaalani trug seine Handschrift.

Lassen wir Ernst Reiling selbst aus seinem Buch „Hoffnung hab`ich sowieso“ den Schluss formulieren: „Zeit ist keine Rennstrecke zwischen Geburt und Tod, sondern ein Weg menschlicher Begegnungen.“

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