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Grevenerin wird heute 90 Jahre alt

Die gute Fee vom Landhaus

Greven

Ihr Leben bestand fast nur aus Arbeit, um anderen Menschen das Leben schön zu machen, vor allem als Wirtin des Landhauses Oeding. Urlaub war Luxus für sie, ihre Freude am Kochen, Backen, Kellnern und Gärtnern überwog. Generationen von Ausflüglern schätzten ihren bodenständigen Charme. Am heutigen Freitag (23. Juli 2021) wird Maria Theresia Oeding 90 Jahre alt.

Von Peter Sauer

Auch Sohn Andreas Oeding gratuliert Mutter Maria Oeding zum 90. Geburtstag. Foto: Peter Sauer

Ihre Vollkornkuchen, frischen Torten, selbst gebackenen Brote und Gerichte, ihre große Leidenschaft für Blumen und Gartengestaltung und ihre Bodenständigkeit haben im Landhaus Oeding über vier Jahrzehnte Generationen an Ausflüglern und Stammgästen begeistert. Auch als Seniorin macht sie ihre kultige Rinderkraftbrühe immer noch selbst, wenn auch inzwischen nur noch privat. Heute feiert Maria Theresia Oeding ihren 90. Geburtstag. Wir gratulieren mit einem Hausbesuch und einer Reise durch ihr Leben.

Kinderlandverschickung im Güterwaggon

Am 23. Juli kam Maria Oeding in Münster auf die Welt. Das prägendste Ereignis ihrer Jugend waren die Kriegsjahre. Im Alter von zwölf Jahren ging es von 1943 bis 1945 mit der Kinderlandverschickung nach Oberaudorf bei Rosenheim – mit anderen Kindern und einer Lehrerin aus Münster-Kinderhaus: „Sieben Tage und Nächte dauerte die Reise in einem Güterwaggon. Das vergesse ich nie.“

Maria Oeding als Kind. Foto: Peter Sauer

Nach Kriegsende machte sie in Handorf eine Lehre zur Bäckereiverkäuferin. Danach arbeitete Maria Oeding in einem Lebensmittelgeschäft in Berg Fidel als Verkäuferin. Dort kam regelmäßig ein Vertreter für Eier, Butter und Käse vorbei, mit Namen Helmut. Es knisterte zwischen den beiden und 1953 läuteten die Hochzeitsglocken.

„Pommes und mehr“

Maria Oeding stieg in sein Vertretergeschäft mit ein. Nach ein paar Jahren wurde es Helmut Oeding leid, immer durch die Gegend zu fahren, und er wurde Bademeister im Freibad Sudmühle. Maria machte dort „Pommes & alles“, wie sie heute sagt, „damit keiner verhungerte“, und dass so gut, dass daraus eine Grillstube entstand: „Damals hatte ein Bademeister noch richtig viel zu tun, denn in Stapelskotten kam das Wasser aus der Werse und die Wasseraufbereitung war sehr aufwendig“, erinnert sich Maria Oeding.

Anzeige beim Roastbeef braten

„Im März 1973 stand plötzlich ein Inserat in der Gaststättenzeitung“, blickt Maria Oeding zurück, „Helmut las es mir vor, während ich beim Roastbeef braten war.“ Familie Jaebges wollte ihr Waldcafé „Helmers Kotten“ in Guntrup verkaufen. „Wir schlugen zu“, sagt Maria Oeding. Beide baute das Anwesen zum „Landhaus Oeding“ um. Mit großem Erfolg – schnell wurde es ein beliebtes Ausflugsziel mit bis zu 800 Gästen in der Spitze, auch weil der neue Freizeittrend aufkam; „Wochenendschmaus im Wald, mit Mann und Maus“, wie es ihr Sonn Andreas Oeding (54) passend formuliert.

Die Eigenständigkeit des Landhauses Oeding machte seinen Erfolg mit aus. Eigene Wasserversorgung, eigene Backstube: „Wir lagerten bis zu 40 Kuchen im eigenen Gefrierkeller, wir haben auch selbst Wurst gemacht“, erinnert sich Maria Oeding. Auch ökologisch war sie ihrer Zeit voraus, bot früh ihre Vollkornkuchen an, mit Mandeln, Nüssen, Rhabarber und Äpfeln.

Hand in Hand – damals – : Helmut und Maria Oeding schneiden den frischen Kuchen an Foto: privat

Ihr schönstes Erlebnis? „Bei uns kam eine Dame aus Münster regelmäßig vorbei, wegen unseres guten Kaffees, wie sie sagte. Immer mit der Taxe aus Münster. Und der Taxifahrer stellte das Taxameter aus, speiste mit und fuhr die Dame wieder nach Münster zurück. Über 15 Jahre ging das so!“

Mal zu viel Salz in der Suppe war kein Problem. „Dass konnte man schnell beheben.“ Schlimmer war etwas anderes. „Die letzten Gäste waren eines Abends gegangen, Personal noch da, wir wollten gerade den Feierabend einläuten. Da kamen plötzlich Leute mit einem Blumenstrauß zielstrebig aufs Landhaus zu.“

Maria Oeding wurde plötzlich alles klar. „Wir hatten eine Silberhochzeit vergessen! Diesen Schock vergisst man nicht. 20 Leute waren plötzlich da.“ Und die hatten auch Hunger mitgebracht und fragten, ob sie noch etwas zu Essen kriegen könnten. „Zum Glück hatte ich noch selbst gemachte Rindfleischsuppe in der Reserve und schnell den Rinderbraten angetaut und gebraten.“

Dramatischer Unfall im Hochwasser

Alles ging gut aus. Auch als sich, inmitten eines Hochwassers, ein Unfall ereignete. „Zwei Paare kamen mit ihrem Auto vom Weg ab, landeten in der Ems, konnten sich selbst befreien und standen triefend nass vor unserer Tür. Wir haben sie vorm Herdfeuer aufgewärmt.“ Andreas Oeding ergänzt: „Wir riefen die Feuerwehr und ein Nachbar auch.“ So kam gleichzeitig die Feuerwehr aus Münster und aus Greven. Auch weil der Unfall genau auf der Ortsgrenze passiert war. Doch mittlerweile war der Unfallwagen von der Münster-Seite vom Hochwasser auf Grevener Hoheitsgebiet geschwemmt worden.“ Da konnte die Wehr aus Münster wieder abrücken.

Und sonst? „Ich habe unsere Mutter so gut wie nie im Urlaub gesehen“, sagt Andreas Oeding. „in all den Jahren war sie nur einmal in Schweden und in Niedermarsberg.“ Maria Oeding ergänzt: „Arbeit und Familie gingen vor. Außerdem habe ich Sommersprossen. Da werde ich nicht braun.“ Früher ging sie gerne schwimmen. Mit 90 schaut sie gerne Kochsendungen und Gartendokus im Fernsehen und „schöne alte Spielfilme“.

Aus familiären und gesundheitlichen Gründen schloss das Landhaus Oeding im Januar 2017. Im Februar 2020 verkauften es die Oedings, vier Wochen vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie, an einen neuen Besitzer.

Maria Theresia Oeding wird am 23. Juli 2021 genau 90 Jahre alt. Foto: Peter Sauer

Feiern wird Maria Oeding ihren 90 Geburtstag im kleinen Kreis, mit ihren Nachbarn, von denen überraschend viele aus der Gastro-Szene stammen. „Ich freue mich, dass ich mit 90 Jahren ganz klar im Kopf bin.“ Was mir fehlt, ist der Trubel mit den Gästen. Von meinen Freunden kommt keiner zu Besuch vorbei, aus Angst vor Corona.“

Und was ist ihr Erfolgsrezept? „Arbeit hält jung. Immer in Bewegung bleiben. Bis ich 86 Jahre war, stand ich in der Küche, fast jeden Tag. Ich habe immer frisch gekocht und wenig Alkohol getrunken.“

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