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Bewegte Feierlichkeiten mit kleinen Hindernissen

Ein Sechser legt den Aufzug lahm

Montargis

50 Jahre Städtepartnerschaft zwischen Greven und Montargis. Am Wochenende fuhren 30 Grevener nach Frankreich, um zu feiern. Nämlich das 50-Jährige des Comité de Jumelage.Ein buntes Potpourri von Eindrücken.

Von Günter Benning

Christine Turpin (vorne links), die Vorsitzende des Comite de Jumelage von Montargis mit ihrem Pendant Dirk Pomplun aus Greven, aktuellen und ehemaligen Miss Jumelage und den Darstellern des venezianischen Karnevals vor dem Salle des fêtes der Partnerstadt.

Bürgermeister Benoit Digeon aus Montargis ist ein Mann der Gesten. Er zeigt sechs Finger. Und dann vier. In Fingersprache hieß das: Vier passen in den Aufzug. Sechs sind zuviel.

Weil sich sechs Ehrengäste in den Aufzug des Rathauses gezwängt hatten, um zum Jubiläums-Festakt zu kommen, musste die Feier am Samstag erst einmal verschoben werden. Der Aufzug steckte fest. Digeon: „Die Handwerker kommen.“

Sonst klemmte aber nichts an dem Festwochenende in Grevens Partnerstadt, bei dem das 50-jährige Jubiläum des Comité de Jumelage, des französischen Partnerschaftskomitees gefeiert wurde.

Dessen neue Vorsitzende ist Christine Turpin, die Partnerschaft im Blut hat. „Mein Team ist klasse“, sagt sie irgendwann am Abend, als nach einem längeren Biwak Tische und Bänke ruckzuck abtransportiert werden. Jeder packt zu, Grevener und Franzosen. Daran erkennt man Teamgeist.

Wie sah das eigentlich vor 50 Jahren aus? Nelly Dury, damals Schönheitskönigin, Frau des langjährigen Comité-Chefs Michel Dury und heute stellvertretende Bürgermeisterin von Montargis, erinnert sich an ihren ersten Besuch an der Ems. „Alles nette Leute“, sagt sie, „und süße Salatsoße.“

Süße Soße

Süße Salatsoße, am besten noch auf Kondensmilchbasis, die kommt ja auch in Greven heute selten auf den Tisch. Die Vinaigrette hat gewonnen. Aber, auch der internationale Austausch sorgt mitunter dafür, dass liebgewordene Annahmen über die Freunde gepflegt werden. Wie das von der süße Soße. Oder vom typisch deutschen Liedgut, das abends zur Diashow über die Partnerschaft abgespielt wird: Bayrische Schrammelrhythmen. Und danach die Wiesenbuam mit dem unverzichtbaren: „Ein Prosit der Gemütlichkeit.“ Da sträubt sich des Westfalen Hörorgan.

Wenn gefeiert wird, zeigen die Leute von Montargis gern, wo die Kochkunst herkommt. Da gibt es im Rathaus exquisite Häppchen zum Aperitif. Und am Abend werden im Festsaal fünf Gänge aufgetischt, vom hübsch dekorierten Gemüsegazpacho über das Häppchen Eis an Calvados, den kleinen Hauptgang mit Braten bis zur verführerischen Torte.

Man merkt, der 15 000 Einwohner-Ort, der allerdings das Verwaltungszentrum der Region ist, hat schon Könige satt gemacht. Und seine Pralinen gelten seit dem 17. Jahrhundert als Spezialitäten.

Bürgermeister Benoit Digeon, ein Republikaner wie aus dem Bilderbuch, hat sein Geld eben mit diesen Pralinen gemacht. Das berühmte Maison de la Prasline Mazpot, in dem man der Leckerei-Produktion zugucken kann, hat Digeon verkauft. Der 69-Jährige ist noch bis 2026 gewählt. Da ist genug zu tun.

Bis 2001 gab es hier auch kommunistische Bürgermeister, erinnert man sich unter den Grevener Mitgliedern des Partnerschaftskomitees. Egon Koling kann sich da noch an Jacques Reboul erinnern: „Eigentlich ein ganz netter.“

Door geht

Danach kam Jean-Pierre Door, ein Kardiologe, der bis 2018 Marie und Abgeordneter in Paris war. Bis solche Doppelspitzen gesetzlich verhindert wurden. Auch er ist bei der Festveranstaltung im Rathaus dabei, erinnert an die Rolle der zahlreichen Partnerschaften, die nach dem Elysee-Vertrag vor 50 Jahren zwischen deutschen und französischen Stadt geschlossen wurden. Adenauer und de Gaules warn die Wegbereiter dieser friedlichen Begegnung. Grevens Bürgermeister Dietrich Aden trug im Rathaus einen Teil seiner Rede sogar auf Französisch vor: „In dieser Partnerschaft lebt im Kleine das große Ideal eines Vereinigten Europa.“

Damit so eine Partnerschaft lebt, braucht es natürlich auch junge Leute. Schüler des Augustinianums waren mit nach Frankreich gefahren und demonstrierten auf der Bühne mit ihrer Lehrerin Astrid Pipperger-Schulz, was in jüngster Zeit im Rahmen eines coronagerechten Austausches passiert war. Um niemanden zu gefährden, hatten sich deutsche und französische Schüler an einem Drittort, in Karlsruhe getroffen.

Ein Problem für die Partnerschaft ist, dass Französisch in Deutschland und Deutsch in Frankreich nicht mehr gerne gewählt werden. Spanisch ist im Kommen. Vielleicht, glaubt Astrid Pipperger-Schulz, „weil man die Sprach mehr mit Urlaub verbindet.“ Auch Andrea Laborde, Österreicherin, die am Lycée in Montargis Deutsch unterrichtet, kann vom gleichen Trend berichten. Lisa Loh ist eine der wenigen Deutsch-Schülerinnen: „Spanisch ist für uns einfacher.“

Malerische Kleinstadt

Was bleibt: Der Eindruck von einer malerischen, typisch französischen Kleinstadt. Mit vielen individuellen Modeläden, schönen Parks und ausladendem Blumenschmuck. An jeder Straßenecke hängen Körbe mit Blüten. Rund ums Rathaus sind Rosensträuche gepflanzt. Seit Benoit Digeon hier regiert, sagt man, wird die Stadt herausgeputzt.

Der Bürgermeister renoviert gerne, in seiner Stadt werden Plätze umgekrempelt, Fassaden erneuert, Straßen instand gesetzt. „Unser Problem“, sagt er, „ist das Geld.“ Die Kommunen würden von der Regierung in Paris zu wenig bekommen. Viele wünschen sich ein Verwaltungssystem wie in Deutschland – näher an den Städten. Aber ganz leer kann das Stadtsäckel nicht sein. Der Abschied für die deutschen Gäste findet auf einem zum Restaurant umgebauten Kanalschiff statt, Die Stadt hat es gekauft – und sucht jetzt einen Wirt.

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