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Neuer Bürgermeister Dietrich Aden über seinen Start in Greven und die kommenden Herausforderungen

Großes Entwicklungspotenzial

 Greven

Die neuen Stationen mit 5G-Antennen in Altenberge, Westerkappeln (2x), Nordwalde, Greven und Recke versorgen erste Bewohner der Orte und ihre Gäste mit der mobilen Breitbandtechnologie 5G.

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Dietrich Aden im Besprechungszimmer hinter dem Bürgermeisterbüro. Gespräch finden derzeit auf Distanz statt. Foto: Günter Benning

Dietrich Aden, 32, ist neuer Bürgermeister Grevens. Seine Amtszeit begann mitten in der größten Gesundheits- und Wirtschaftskrise seit Jahrzehnten. Mit Aden sprach unser Redaktionsmitglied Günter Benning.

Sie sind mitten in der Coronakrise Bürgermeister geworden. Das wünscht man sich nicht?

Aden: Nein. Das stellt man sich nicht so vor. Man hat doch eher hochfliegende Pläne, wenn man so ein Amt übernehmen will. Aber ich kam in ein laufendes System herein, das gut funktioniert.

Eine funktionierende Verwaltung erweist sich als hohes Gut?

Aden: Das habe ich schon früher beim Kreis Coesfeld feststellen können. Und jetzt merke ich erst mal, wie wichtig es ist, dass man eine professionelle Verwaltung hat. Ich habe in meiner Haushaltsrede bewusst die Zahl von 4000 Quarantäneverfügungen genannt, die die Ordnungsverwaltung zugestellt hat.

Das ist nicht einfach nur ein Brief vom Amt?

Aden: Nein, und es ist auch egal, ob es in der Woche oder am Sonntag zugestellt werden muss. Auch über die Feiertage sind unsere Mitarbeiter im Dienst. Gesundheitsschutz geht vor.

Wie ändern sich die Arbeitsweisen?

Aden: Wir haben viele Mitarbeiter im Homeoffice. Und wenn wir große Dienstbesprechungen haben, dann als Videokonferenz, obwohl alle Mitarbeiter im Rathaus sind. Das funktioniert gut.

Sind Videokonferenzen für Sie effektiv?

Aden: Ein klassisches Jein. Man konzentriert sich auf das Wesentliche. Aber da kein Small-Talk stattfindet, entgeht auch etwas. Nonverbale Kommunikation findet nur eingeschränkt statt. Aber gut ist, dass man sich für einen Zehn-Minuten-Termin im Kreisgebiet nicht gleich ins Auto setzen muss. Corona ist ein Katalysator für die Digitalisierung.

Was liegt vor dem Bürgermeister im kommenden Jahr?

Aden: Wir werden 2021 mit Corona leben müssen. Aber wir müssen trotzdem die wichtigen Themen für Greven voranbringen. Das ist ein schöner Batzen.

Schwerpunkte?

Aden: Ein großes Thema ist alles rund ums Rathaus. Da warten wir täglich auf die Ergebnisse der RWTH Aachen über die Schadstoffbelastung. Die Rathausfrage ist gekoppelt mit einer neuen Stadtentwicklung. Ein neues Rathaus böte die Chancen, das Stadtbild mitgestalten zu können. Das ist ein Multiprojekt, das viele Kräfte binden wird. Da spielt auch die Neugestaltung der Rathausstraße mit hinein.

Rathaus, Rathausplatz und Rathausstraße sind ein Gesamtkomplex?

Aden: Wir reden von Multiprojekten. Das Wichtigste ist im Rathaus die PCB-Belastung und der Mitarbeiter-Schutz. Dann muss man sich fragen, was wird mit dem jetzigen Gebäude. Von der Brockkötter-Passage bis hinunter zur Ems kann man Greven ganz neu gestalten: Das ist eine historische Chance, unseren Stadtkern wirklich schön weiterzuentwickeln.

Ein Überschlag über der ehemaligen Bundesstraße ist eine Option dabei?

Aden: Ja, das ist eine Option. Aber ich sage auch ganz deutlich, dass wir im nächsten Jahr in einen stadtweiten Dialog treten müssen. Es gibt die große Chance, Greven näher an die Ems heranzubringen.

Wachsen damit Greven rechts und links mehr zusammen?

Aden: Mich stört diese Unterscheidung zwischen Greven rechts und links der Ems. Da schwingt Historie mit. Gedanklich müssen wir näher zusammenrücken, das kann durch Städtebau gelingen.

Wo kann Greven wachsen?

Aden: Das ist eine schwierige Frage. Greven ist durch die Bundesstraßen eingenordet. Im Grunde muss man sich entscheiden, ob man die große Entscheidung, den Sprung über die Bundesstraße 481, nimmt. Das habe ich ausgeschlossen. Ich habe aber auch gelernt, dass ich in der Anfangsphase erst mal zurückhaltend sein muss mit Voraussagen. Es geht da ja auch um Eigentumsverhältnisse. Ich glaube nicht, dass wir neue Riesenflächen ausweisen werden.

Also mehr Innenraumverdichtung?

Aden: Vermutlich ja.

Hat Corona die politische Arbeit ausgebremst?

Aden: Es kommen zwei Dinge zueinander. Die Pandemie, die es nicht erlaubt, viele Sitzungen zu machen. Und: Zwischen Kommunalwahl und Amtsbeginn vergeht viel Zeit. Für die Besetzung der Ausschüsse brauchten wir allein zwei Ratssitzungen. Hausintern war es für mich wichtig, alle Projekte kennenzulernen. Was ist in der Pipeline? Und wie priorisieren wir das? Ich habe noch nie so viele Gespräche in meinem Leben geführt wie in den letzten sechs Wochen.

Kennzeichnend für Rathausprojekte war bisher die intensive Bürger-Mitgestaltung. Grünflächen- und Mobilitätsprogramm, die Innenstadtgestaltung, das alles kann im Moment nicht stattfinden.

Aden: Ein schwieriges Thema, das mich umtreibt. Nehmen Sie den Schulentwicklungsplan. Wir müssen verhindern, dass solche Prozesse durch Corona unterbrochen werden. Deshalb überlegen wir, ob es digitale Möglichkeiten gibt oder wir auf bestimmte Prozessabschnitte verzichten müssen, um vorwärtszukommen. Wir hoffen, dass im Frühjahr die Beteiligungsprozesse wieder stattfinden können.

Digitales Arbeiten hat einen Riesenschub bekommen. Was bedeutet, dass viele Menschen, die sonst in Münster gearbeitet hätten, heute in Greven arbeiten. Ist das eine Chance für Orte wie Greven?

Aden: Ich sehe schon seit Jahren, dass der ländliche Raum unglaublich von der Digitalisierung profitieren kann. Wir leben noch im Glauben, man fährt von seinem Wohnort in die große Stadt zum Arbeiten. Das muss nicht mehr so sein. Das Corona-Jahr hat uns gezeigt, wie sehr Homeoffice möglich ist. Eine große Chance: Die Leute müssen nicht pendeln.

Aber was ist, wenn sie auch nicht Zuhause arbeiten können?

Aden: Da kommen wir zum Thema Coworking-Spaces. Viele Leute wollen gar nicht zuhause arbeiten, weil die Räumlichkeiten zu klein oder ungeeignet sind. Aber die Vorstellung, vor Ort Arbeitsmöglichkeiten anzubieten, das wäre eine Chance. Wir müssen uns überlegen, wie wir das strategisch angehen können. Wenn ein neues Rathaus kommen sollte, wird sich das auch dort zeigen. Die Bedarfe werden andere sein, als wir das in den 70gern gedacht haben.

Die Wirtschaftsförderung war vor ihrer Zeit umstritten. Muss da etwas verbessert werden?

Aden: Wir werden im kommenden Jahr einen Beteiligungsprozess anstoßen, um zu überlegen, wie die Wirtschaftsförderung aufgestellt werden soll. Da ist es gut, dass wir das mit externen Beratern angehen. Ich würde mir wünschen, dass wir für Greven überlegen, wie wir uns als Stadt präsentieren wollen. Mir fehlt manchmal das Zusammenspiel zwischen Marketing und Wirtschaftsförderung. Da hoffe ich, bessere Ansätze zu finden.

Wie sollte sich Greven verkaufen?

Aden: Greven muss sich nach außen hin als Marke aufstellen. Münsterlandweit findet ein Markenbildungsprozess statt. Im Kleinen muss das auch Greven machen. Zum Beispiel: Wollen wir als Kulturstadt wahrgenommen werden? Ich würde das begrüßen. Wir wollen keine Schlafstadt von Münster sein. Wir müssen für uns einen eigenen Weg definieren. Greven ist eine der Städte mit dem größten Entwicklungspotenzial im Kreis. Da spielen Greven Marketing und die Wirtschaftsförderung eine große Rolle.

Sie sind jetzt ein Stadtflüchtling und ziehen nach Greven. Rechts oder links der Ems?

Aden: Ich wusste, dass die Frage kommt. Ich bin vor Weihnachten umgezogen. In eine Wohnung, die sich im Stadtgebiet von Greven befindet.

Fühlen Sie sich schon als Grevener?

Aden: Mit jedem Tag mehr. Ich hoffe, dass bald wieder die Feste stattfinden, Karneval oder Schützenfeste. Dann kommt man besser rein. Aber ich habe in Greven auch jenseits der Politik schon gute Kontakte geknüpft und Freundschaften haben sich gebildet. Das hilft sehr, sich wohlzufühlen.

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