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Corona beschäftigt Verwaltung und Feuerwehr jetzt seit einem Jahr

„Ich bin dünnhäutig geworden“

Greven

Sie haben das Corona-Jahr von Anfang an an aktiver Stelle miterlebt. Wir sprechen mit Uwe Kunze und Michael Koordt. Einblicke in die Verwaltung und die Feuerwehr.

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Uwe Kunze (l.) und Michael Koordt berichten über ein Jahr mit Corona. Foto: Stadt Greven

Der erste Corona-Fall in Deutschland tauchte Ende Januar 2020 auf. Im März gab es den ersten Kranken in Greven. Uwe Kunze, Fachbereichsleiter für Bürgerdienste und Recht im Rathaus, hat die Entwicklung von Anfang an ganz nah erlebt. Kunze ist seit 31 Jahren im Rathaus tätig. Michael Koordt, Leiter der Feuer- und Rettungswache, war da noch gar nicht auf der Welt. Mit beiden sprach unser Redaktionsmitglied Günter Benning.

Am 27. Januar gab es den ersten Corona-Kranken in Deutschland. Im März den ersten in Greven. Was war ihre erste Reaktion auf Corona, Herr Kunze?

Kunze: Im Februar hab ich es ganz gelassen gesehen. Wir waren im Skiurlaub in Ruhpolding. Da hieß es auf einmal, es ging los, Lieferketten waren unterbrochen. Meine Kinder waren in Südtirol und sind am Karnevalswochenende gerade noch rausgekommen. Aber was für Auswirkungen Corona für das Münsterland haben sollte, konnte ich mir nicht vorstellen. Anfang März war ich wieder im Dienst und seitdem gab es kein freies Wochenende. An Urlaub war nicht zu denken, weil ständig etwas zu regeln war.

Koordt: Dr. Karl-Heinz Fuchs, damals ärztlicher Leiter vom Rettungsdienst des Kreises, hatte relativ frühzeitig Maßnahmenkataloge erarbeitet und die Wachleiter informiert, was im Fall der Fälle passieren könnte. Wir haben schon Ende Januar ein sehr detailliertes Hygienekonzept geschrieben. Wir haben ja Hygienefachpersonal, die Desinfektoren. Die Kollegen in unseren zwei Schichten sehen sich gar nicht. Wir haben keinen Personaltausch, damit wir keinen Totalausfall bekommen können. Auch Schichttausch ist daher nicht möglich.

Erster Alarm im Februar

Und wann war der erste Alarm?

Koordt: Ende Februar, an einem Sonntagvormittag bekam ich einen Anruf von der Leitstelle, in einem Flieger am FMO gebe es einen Verdachtsfall auf Corona. Wir hatten einen Rettungswagen vor Ort. Da ging es los.

Gehört Seuchenvorbeugung zur Ausbildung?

Koordt: Ja, es geht darum, wie kann man Ansteckungsgefahren im Rettungswagen in den Griff bekommen. Es gibt noch andere gefährliche Krankheiten. Tuberkulose oder Aids zum Beispiel. Auf den Umgang mit Viren und Bakterien sind wir schon immer vorbereitet. Wir haben einen sehr guten Standard im Kreis Steinfurt.

Immer freitags

Herr Kunze, warum hatten Sie so viel zu tun.

Kunze: Grundsätzlich wurden von der Landesregierung freitagnachmittags die neuen Spielregeln bekannt gegeben. Da musste jede Kommune Allgemeinverordnungen erlassen. Da musste man am Wochenende etwas erarbeiten, was den eigenen Qualitätsansprüchen entspricht. Auch als es später Rechtsverordnungen gab, fanden mittwochs die Regierungsgespräche statt, die Verordnungen kamen dann meist freitags, aber auch samstags oder sonntags. Wir mussten sie aber schon montags umsetzen.

Das sind Verordnungen mit vielen Folgen?

Kunze: Die Verordnungen hatten und haben weitreichende Auswirkungen auf viele Menschen und Betriebe. Daher hatten wir dann das Problem, wenn mittwochs die Konferenz war, riefen donnerstagmorgens die Friseure, Einzelhändler, Hundeschulbesitzer und Tätowierer an, die wissen wollten, ob es sie betrifft. Wir mussten sie erstmal bis zum Wochenende vertrösten.

Verwaltung beansprucht

Wie wirkt sich das auf den Gemütshaushalt einer Stadtverwaltung aus?

Kunze: Die Verwaltung ist ja nicht homogen. Die Ordnungsverwaltung ist stark von Corona betroffen. Aber auch der Fachbereich Soziales, Jugend und Bildung. Dort wurden viele zusätzliche Anträge auf Grundsicherung gestellt. Natürlich war auch der Schul- und Kitabereich besonders betroffen. Und wir mussten als Gesamtverwaltung dafür sorgen, dass keine Abteilungen oder Betriebe ausfallen.

Herr Koordt, hatten Sie selber Coronafälle?

Koordt: Unter 36 Beschäftigten hatten wir einen Fall, das war im privaten Bereich, der Kollege hatte dienstfrei.

Hätte es die Möglichkeit gegeben, dass die Feuerwehr oder der Rettungswagen ausfällt?

Koordt: In Greven sind wir multifunktional ausgebildet, sodass wir alle den Rettungsdienst übernehmen können. Wir hätten immer funktioniert, auch durch die starke freiwillige Feuerwehr.

Es sind die Mitarbeiter des Ordnungsamtes, die Coronakranken oder Menschen in Quarantäne die Verordnungen übergeben. Wie läuft das?

Kunze: Der Erstkontakt läuft über das Gesundheitsamt des Kreises. Von dort wurde mündlich die Quarantäne mitgeteilt. Wir haben im Anschluss 5500 bis 6000 Verfügungen erlassen, nicht nur für Infizierte, sondern auch für alle Kontaktpersonen. Der Kreis hat darum gebeten, dass wir da, wo es Sprachprobleme gab oder andere Schwierigkeiten auftraten, die Verfügungen persönlich zustellten. Das war aber die große Ausnahme.

Jeder musste mithelfen

Klingt nach viel Arbeit?

Kunze: Wir haben für die Zustellung und Kontrollen auch Schwimmmeister, die in Kurzarbeit waren, eingespannt. Oder die Kollegen, die sonst die Falschparker kontrollieren. Aber wir haben nicht gezielt nach Quarantänebrechern gesucht.

Herr Koordt, gab es uneinsichtige Kranken?

Koordt: Die meisten Kunden waren sehr einsichtig, viele sind sehr vorsichtig damit umgegangen. Natürlich konnte es sein, dass es einfach vergessen wurde, weil man wegen einer anderen Krankheit gerufen wurde.

Wie ist die Situation im Ordnungsamt?

Kunze: Unser Ordnungsamt hat drei Mitarbeiter. Das ist eine überschaubare Größe. Die hatten neben Corona noch weitere große Themen zu klären und zu bearbeiten, beispielsweise die Kommunalwahl. Und die Kampfmittelräumung.

Gesellschaftliche Prüfung

Was haben Sie aus dieser Krise gelernt?

Koordt: Man kann sagen, die Pandemie ist eine gesellschaftliche Prüfung. Was ich feststellen kann: wir sind eine sehr verantwortliche Gruppe, man kann sich auf jeden verlassen.

Kunze: Durch Corona habe ich nichts Spezielles gelernt. In den letzten Jahrzehnten gab es ständig irgendwelche Herausforderungen. 2015 hatten wir zum Beispiel das Hochwasser in Greven. Aber ich habe gemerkt, dass ich zwischenzeitlich dünnhäutig geworden bin.

Wenn Sie von 5000 bis 6000 Quarantäneverfügungen sprechen, um wie viele Menschen geht es?

Kunze: Etwa die Hälfte. Es gibt am Anfang und am Ende der Quarantänezeit eine Verfügung.

Gibt es Situationen, an die Sie sich besonders erinnern?

Kunze: Ich wurde mal am Wochenende rausgerufen, weil in einem Zweifamilienhaus die erwachsenen Kinder oben unter Quarantäne standen und darunter wohnten die Eltern. Man musste durch den Flur, um die Wäsche im Keller zu waschen. Da fand ein Familienzwist statt und der wurde über Corona ausgetragen. Da haben wir vor Ort einfach Zwischentüren abgeschlossen. Und natürlich gibt es immer wieder Geschäftsleute, die die Maßnahmen nicht einsehen. Aber die allermeisten, insbesondere unsere Wirte, haben sich sehr einsichtsvoll verhalten. Obwohl die Situation für sie richtig bitter ist.

Sicher waren nicht alle so einsichtig?

Reaktionen der Wirtschaft

Kunze: In einigen Bereichen gab es weniger Einsicht, insbesondere in Läden mit gemischtem Sortiment. Es dürfen ja Geschäfte öffnen, wenn der Schwerpunkt in Richtung Lebensmittel oder Drogerie geht. Da haben die Ordnungsämter nicht immer einheitlich entschieden und es ist schwer nachvollziehbar für Inhaber mehrerer Filialen, wenn an unterschiedlichen Orten unterschiedliche Entscheidungen getroffen werden.

Aber es gab auch unklare Situationen?

Kunze: Ja, Fahrschulen durften öffnen, Flugschulen ebenfalls. Hundeschulen sind geschlossen, da ist nicht mal Einzelunterricht zulässig. Die Kasuistik ist vor Ort nicht immer nachvollziehbar. Die Corona-Schutzverordnung hat inzwischen 20 Seiten, das kann man nicht alles im Kopf haben.

Wie lange dauert der Ausnahmezustand noch?

Kunze: Ich habe keine Glaskugel. Entscheidend ist die Impfsituation und die Gefährlichkeit der mutierten Viren.

Koordt: Ich hoffe, dass wir in diesem Jahr ein Stück weit Normalität zurückbekommen werden.

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