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Achim Amme erinnert an den Dichter Joachim Ringelnatz

Leichtfüßig, grüblerisch, philosophisch

Saerbeck

An den Dichter Joachim Ringelnatz erinnern sich noch heute viele Menschen. Am Sonntag kamen 90 Besucher in den Bürgersaal und erfreuten sich an Gedichten, Prosatexten und Liedern.

Von Brigitte Striehnund

Achim Amme (li.) und Ulrich Kodjo Wendt gestalteten in Saerbeck ein abwechslungsreiches literarisch-musikalisches Programm. Foto: Brigitte Striehn

An den Dichter Joachim Ringelnatz erinnern sich noch heute viele Menschen. Da sein Werk auch fast einhundert Jahre nach seinem Tod geschätzt wird, kamen am Sonntag 90 Besucher entsprechend der 3G-Regel in den Bürgersaal der Gemeinde. Sie erfreuten sich an einem heiteren Nachmittag mit Gedichten, Prosatexten, Liedern und biografischen Notizen, die Bezüge zu weltgeschichtlichen Ereignissen herstellten.

Zu dem literarisch-musikalischen Programm „Echt verboten!“ mit Achim Amme und Ulrich Kodjo Wendt hatte der Verein Deutscher Sprache (VDS) in enger Zusammenarbeit mit der Gemeinde eingeladen. Günter W. Denz, Vorsitzender des Regionalverbands Münsterland des VDS, begrüßte die Gäste und stellte die Künstler vor. Bürgermeister Dr. Tobias Lehberg wünschte ebenfalls ein vergnügliches Erlebnis. Der Sprachwitz von Gedichten komme beim Zuhören noch besser zur Geltung als beim Lesen, stellte er fest.

„Als ich 2009 gebeten wurde, zum 75. Todestag von Joachim Ringelnatz ein unterhaltsames und dennoch anspruchsvolles Programm vorzulegen, habe ich zunächst einmal acht Bände seiner Werke gelesen“, erzählte der Autor, Schauspieler, Sänger und Komponist Achim Amme. Als musikalischen Begleiter suchte er Kontakt zu Ulrich Kodjo Wendt, der über Erfahrungen mit ähnlichen Projekten verfügte. Zudem spielt er ein selbst entworfenes diatonisches Knopfakkordeon, dessen vielfältige Klangwelten wunderbar mit den Gedichten harmonieren. Als Produzent hat er bei den Arrangements von Achim Ammes Eigenkompositionen und Vertonungen mitgewirkt. Derzeit schreibt er die Filmmusik für den Stummfilm „Wellen der Leidenschaft“.

Das Talent zum Schreiben und Malen hatte Hans Gustav Bötticher von seinem Vater geerbt. Das Pseudonym Joachim Ringelnatz legte er sich 1919 zu. Die Familientradition in der sächsischen Provinz empfand er als Bürde, sodass er dem bürgerlichen Leben zu entfliehen suchte. Nach dem Schulabschluss begann er seine Wanderjahre als Matrose.

Die Erfahrungen von schwerer körperlicher Arbeit bei kargem Lohn hatten nachhaltigen Einfluss auf sein künstlerisches Wirken. Die ersten Erzählungen über den mürrischen Seebären „Kuttel Daddeldu“ erschienen 1920 und waren auch in Saerbeck ein Publikumserfolg – trotz einiger makaberer Begebenheiten.

In dem Band „Mein Leben bis zum Kriege“ verarbeitete Ringelnatz frühe Kindheitserinnerungen. Die waren mitunter gruselig anzuhören, denn der kleine Hans war kein braves Kind. Achim Amme spielte sein darstellerisches Talent voll aus, gestikulierte wild herum, bohrte sich als Holzwurm in den Tisch oder unterstrich mit zarten Handbewegungen das Gesagte. Seine Mimik sprach ebenfalls Bände – er lachte, wütete oder verwandelte sich gar in einen Karpfen.

Die poetischen Texte der Lieder des ersten Programmteils hatte Amme selbst geschrieben und die Musik dazu komponiert. Nach der Pause trug er zudem eigene Vertonungen bekannter Ringelnatz-Gedichte vor. Lustige Leibesübungen unterstrichen die „Turngedichte“, in denen Ringelnatz über Nationalismus und Männlichkeitswahn spottete. Die Hamburger Künstler wandelten leichtfüßig, heiter, manchmal betrunken, grüblerisch oder philosophisch durch die ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts und brachten literarische und musikalische Schätze zu Gehör. Bekannte Werke wie „Der Briefmark“ oder „Die Ameisen“ konnten einige Zuhörer mitsprechen. Entsprechend langanhaltend war der Beifall, den die Vortragenden mit mehreren Zugaben honorierten.

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