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Franziska Scheffler und Dragan Ribic besuchten mehr als 30 Pflegeeinrichtungen

Melodien gingen direkt ans Herz

Greven

Franziska Scheffler (32) ist Berlinerin, ihr Mann Dragan Ribic (33) stammt aus dem bosnischen Banja Luka. Mit ihren beiden Kindern legten die beiden Musiklehrer der Musikschule Greven/Saerbeck/Emsdetten die 1230 Kilometer zwischen ihren Heimatorten zurück. Eine Tournee mit einem Ziel: „Wir wollten den Menschen ein Lächeln ins Gesicht zaubern.“

Musik im Klosterhospiz in Schwäbisch-Gmünd. Foto: Scheffler

Franziska Scheffler (32) ist Berlinerin, ihr Mann Dragan Ribic (33) stammt aus dem bosnischen Banja Luka. Mit ihren beiden Kindern legten die beiden Musiklehrer der Musikschule Greven/Saerbeck/Emsdetten die 1230 Kilometer zwischen ihren Heimatorten zurück. Eine Tournee mit einem Ziel: „Wir wollten den Menschen ein Lächeln ins Gesicht zaubern.“

Franziska Scheffler berichtet selbst von dieser Reise:

„Die Musik im Herzen, zwei Kinder an der Hand, ein Akkordeon auf dem Rücken und den Musikkoffer gefüllt mit Operette und Musik alter Zeiten, so sind wir vor einem Monat mit Auto und Wohnwagen aufgebrochen. Was wir erlebten, ist unbeschreiblich.

Einen Monat lang quer durch Deutschland, Österreich und Slowenien bis nach Bosnien: Das haben wir uns vorgenommen – doch nicht als Urlaub – nein, es sollte eine Konzertreise für jene Menschen sein, die keine Möglichkeit mehr haben, zu Konzerten zu gehen.

So besuchten wir mehr als dreißig Pflege- und Palliativeinrichtungen in nur einem Monat.

Für uns war es nicht relevant, wie groß oder renommiert diese Einrichtungen waren. Wir spielten auf Spendenbasis, für das, was für die jeweiligen Einrichtungen möglich war.

Viele Einrichtungen können sich Konzerte dieser Art wegen der Honorare gar nicht leisten. Unsere Motivation ist rein humanitär und wir freuten uns über die Vielfältigkeit unserer Gastgeber, Menschen und Orte, die wir auf diese Weise kennenlernen durften.

Wir hatten eine grobe Route mit vereinzelt geplanten Konzerten angelegt, der Rest ergab sich auf dem Weg. Wir kündigten uns ein bis zwei Tage vorher an. In den Einrichtungen, für die es möglich war, uns so spontan zu empfangen, spielten wir in ihrem Hause ein klassisches Konzert mit Gesang und Akkordeon. So, wie es eben möglich war, ob im Garten, auf der Terrasse, im Saal oder Speisesaal zu Kaffee und Kuchen, in der Küche, auf dem Flur oder in den Zimmern.

Wir scheuten nichts. Der Segen unserer Besetzung mit Gesang und Akkordeon ist, wir brauchten weder Verstärkung noch jegliches Equipment und konnten uns den jeweiligen Örtlichkeiten flexibel anpassen.

So zogen wir zum Beispiel in Melk (Österreich) in einer Einrichtung von Wohnbereich zu Wohnbereich und gaben viele kleine Mini-Konzerte. In Schmölln (Deutschland) wurden wir spontan Teil des Sommerfestes, bei Salzburg spielten wir unter Bäumen und Sträuchern im schattigen Garten oder in Schwäbisch Gmünd auf der Klosterterrasse.

Die Orte waren so verschieden, wie eben die Bewohner einer Einrichtung. Und diese dankten uns am meisten mit ihrem Lächeln, Applaus und Mitsingen.

Wie soll man in Worte fassen, was einen ergreift, wenn man eine Dame von rund 80 Jahren, die im Rollstuhl zum Konzert geschoben wird, eingefallen und lethargisch, plötzlich zu „Du sollst der Kaiser meiner Seele sein“ von Robert Stolz anfängt, das Lied mit zu mimen.

Eine andere hat die Augen geschlossen, den Kopf träumerisch zum Himmel geneigt, ein Mann nimmt seine Brille ab und wischt sich die Augen trocken. Viele Menschen dieser Generation kennen die Operettenlieder aus ihrer Jugend, Erinnerungen werden wach und auch wir Musiker merken, wie diese Erinnerungen den Raum erfüllen.

„Lippen schweigen“ von Franz Lehar war stets unser Highlight. Hier sangen die meisten mit, viele textsicher, obwohl bei einigen Demenz weit fortgeschritten war.

Eine Dame in Mureck (Österreich), ehemals Musiklehrerin, strahlte vor uns über beide Ohren, sang lauthals mit und dirigierte uns sogar mit.

Es ist ein Liebeslied seit mehr als 100 Jahren, doch seine Botschaft aktueller denn je und auf viele Ebenen unsere heutige Zeit übertragbar ,Jeder Druck der Hände, deutlich mir’s beschrieb, er sagt klar, s’ist war, s’ist wahr, du hast mich lieb.‘

So kündigten wir dieses Stück an: ,Ein Händedruck, eine Umarmung, ein Streicheln, bedeutet tausendmal mehr als hundert Worte.‘

Zwei Seniorinnen in Graz griffen einander die Hände und sangen gemeinsam mit, Vater und Sohn im Hospiz in Kempten hielten sich an der Hand, ein Ehepaar in Maribor (Slowenien) schwelgte Wange an Wange und ein Mann streichelte zärtlich die Hand seiner sehr pflegebedürftigen Frau.

Es gab kein einziges Konzert, wo das Publikum uns Musiker nicht in den Bann zog. Ja, unser Publikum zog uns in seinen Bann! Wir sahen PflegerInnen, die mit einem Lächeln zwischen den Bewohnern hindurchliefen, sie umarmten, streichelten, mit ihnen schunkelten.

Eine Pflegerin war selbst zu Tränen gerührt. Dieses Lied habe ihre Oma immer gesungen. Was für ein Geschenk, diese Freude teilen zu dürfen, mit allen und schließlich auch mit unseren Kindern, die immer mit dabei waren.

Unsere Tochter in der Trage, schlief, zappelte rhythmisch mit oder probierte sich schon an den ersten Tönen. Bei ,Probier’s mal mit Gemütlichkeit‘, aktuell ihr Lieblingslied, gluckste sie freudig und lachte und zauberte damit einer jungen Frau im Hospiz in Erlabrunn (Deutschland) endlich ein so schönes Lächeln ins Gesicht.

Unserem Sohn, mit seinen lebendigen drei Jahren nahm man sich ebenfalls immer herzlich an, ob er nun mit dem Gärtner gießen durfte, ein Eis bekam, den Snackautomaten mit einräumen durfte, auf der Sitzbank ein Schläfchen hielt oder ein Stück Kuchen bekam, er war mit im Geschehen und begeisterte ebenso viele Bewohner.

Es ist ein Projekt von Menschen für Menschen, die Liebe und Musik verbinden. ,Klangbrücken Akademie‘, so heißt der Verein, mit dem wir dieses besondere Projekt realisieren dürfen.

Viele wunderbare Menschen haben uns unterstützt, einen Wohnwagen zu finanzieren, um überhaupt diese erste Reise zu realisieren. Viele weitere Reisen werden folgen, das wissen wir bestimmt und planen bereits die nächste.“

Mehr Informationen unter www.klangbruecken-akademie.com, hier finden Sie auch ein Tagebuch unserer ersten Reise von Berlin nach Banja Luka.

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