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Roxana Chegini – ein vertriebener Star aus dem Iran

Plötzlich war das Singen „teuflisch“

Greven

Sie war ein Kinderstar im Iran vor der Mullah-Revolution. Jetzt beobachtet die Weltbürgerin Roxana Chegini die Unruhen in ihrer Heimat mit Hoffnung und Sorge. Sie lebt in Greven und in Angst vor einem Bürgerkrieg.

Roxana Chegini in einer Pop-Band nach der Flucht nach Deutschland. Foto: Chegini

Mit sechs Jahren sang sie im iranischen Radio. Mit 19 Jahren war sie ein Star in Film und Fernsehen. Sie trat bauchfrei und in kurzen Röcken auf und sang westliche Popsongs. Dann kam die islamische Revolution. Roxana Chegini, die junge Künstlerin aus Teheran, erlebte 1979 die Umkehr aller ihrer Werte: „Plötzlich nannte man meine Kunst teuflisch.“

Roxana Chegini Foto: Günter Benning

Der Iran der Mullahs ist aktuell in allen Medien. Männer und Frauen kämpfen gegen religiöse Verbohrtheit und politischen Klüngel. Roxana Chegini fiebert mit ihnen. „Es ist eine große Chance für die Freiheit“, sagt sie, „aber ich habe Angst vor einem Bürgerkrieg.“

Roxana Chegini als Jungstar. Foto: Chegini

Sie hat schon einen erlebt. Während der islamischen Revolution wurde ihr Vater hingerichtet. Der Ingenieur, sagt sie, sei ein „Freiheitskämpfer“ gewesen. Ihr Onkel war Parlamentsmitglied im Schah-Regime. Auch er ging in den Untergrund. Die Familie lebte in Angst und Schrecken.

Niemals Hijab

Treffen im Café Liesenkötter am Marktplatz. Roxana Chegini bestellt einen „sehr leckeren Café au lait“. Sie ist eine elegante Frau. Auf ihrem Handy zeigt sie ein Foto ihrer Urgroßmutter: „Auch sie trug niemals einen Hijab.“ Ihre Familie legte keinen Wert auf islamische Tradition, sie war westlich orientiert. So wie die Welt ihrer Jugend, in der junge Frauen auf der Bühne auftreten, singen und tanzen konnten. Sie wuchs mit Musik auf – und die Musik blieb ihr Leben.

Roxana Chegini als 13-jährige bei einem Auftritt in Teheran. Foto: Chegini

Nach dem Sieg der Mullahs über das Schah-Regime floh Roxana Chegini nach Dänemark. Allein mit ihrer Tochter. In Tønder auf Jütland fühlte sie sich „mit offenen Armen empfangen“. Sie lernte Dänisch, erhielt nach kurzer Zeit Asyl und dann die dänische Staatsbürgerschaft. „Ich bin stolze Dänin“, sagt sie, „aber ich glaube nicht an Staatsgrenzen.“

Roxana Chegini hat es sich abgewöhnt, Daten zu notieren oder Orte, an denen sie war. Sie ist eine Wanderin. Seit zwei Jahren lebt sie in Greven, „eine schöne kleine Stadt“.

Zwischenheimat Greven

Ihre Tochter wohnt hier, ihre Enkelkinder auch. Zum ersten Mal, erzählt sie, haben sie im letzten Jahr die Geburtstage ihrer Enkel, ihrer Tochter und ihren eigenen gemeinsam feiern können. Das ist fast wie Heimat.

Lange Zeit war Köln ihre Heimat. Für die Musik gebe es in Europa nur zwei wichtige Städte: Paris und Köln. Sie zog, gerade Dänin geworden, mit ihrer Tochter an den Rhein. Dort studierte sie Film- und Media-Management. Und sie machte weiter iranische und Welt-Musik. Im ersten Video in iranischer Sprache, das jemals bei Viva gezeigt wurde, sieht man Roxana Chegini. Laszive Stimme, psychedelische Bilder, Bauchtanz. Eine orientalische Verführung. „Djadu“, hieß die Band, der Song „Brother to Brother“.

Später zieht es die Iranerin, die seit der islamischen Revolution nie wieder iranischen Boden betreten hat, nach Dubai.

Roxana Chegini bei einem Konzert in Deutschland. Foto: Chegini

In den Vereinigten Emiraten, in denen 600 000 Iraner leben, bekommt sie die Chance, im Arabian Radio Network das erste und einzige Musik-Programm in der persischen Hauptsprache Farsi zu starten. Sie ist Gründerin. Programmdirektorin und Moderatorin bei „Radio Shoma 93.4 FM“.

Und sie lebt ihr Leben. Man sieht sie als Marathonläuferin, sie interviewt internationale Stars. Und sie singt weiter. Sieben Mal in der Woche, abends in einem Club. 40 Minuten Songs, die man in ihrer persischen Heimat nicht singen darf.

Toleranz in Dubai

Die Vereinigten Emirate sind für sie ein Ort der Toleranz. „Niemand muss einen Hijab tragen“, sagt sie. Alle Religionen seien akzeptiert. Und es gebe sogar den weltweit ersten Toleranzminister. Chegini gibt Seminare für Radio-Storytelling an der Uni von Dubai. Sie hat, sagt sie, „16-Stunden-Tage.“

Die Radiochefin bei einem Kongress in Dubai. Foto: Chegini

Dann kam Covid. Konzerte waren nicht mehr möglich. Und Roxana Chegini fand, sie müsse etwas anderes tun. „Meine Tochter fand das auch“, lacht sie, „es war Zeit.“

Jetzt lebt sie in Greven, hat sich erholt, kennt jeden Winkel der Stadt und jedes Geschäft. „Ich bin bereit für den nächsten Schritt“, sagt sie. Im Moment bereitet sie ein Buch über ihr Leben vor, für das sie noch einen Co-Autor sucht. Es soll auf Deutsch erscheinen.

Derzeit verfolgt die Exil-Iranerin die Ereignisse in ihrer alten Heimat auf allen Kanälen. Aber ob es einen raschen Wandel geben wird, da hat sie Zweifel. Sie zitiert Che Guevara: „Die Revolution ist kein Apfel, der vom Baum fällt, wenn er reif ist; man muss machen, dass er fällt.“

Roxana Chegini am Mikro. Foto: Chegini

Ob sie jemals wieder im Iran ein Konzert geben wird? Im Moment seien viele Musiker dort im Gefängnis, nur weil sie für den Frieden gesungen hätten, sagt sie.

Aber die iranischen Musiker stünden Schlange, die wieder in ihrer alten Heimat auftreten wollten. „Wenn es dort Freiheit gibt, muss es in jeder Straße ein Konzert geben.“

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