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Die Kirche St. Wendelin wird am 16. August genau 70 Jahre alt

Spiritueller Ort der Einkehr

Greven-Bockholt

Was macht man, wenn man nicht mehr zur Kirche kommt? Also jetzt rein logistisch? Dann baut man sich halt eine eigene Kirche. So geschehen in der Bauerschaft Bockholt. Die Kirche heißt St. Wendelin und wird am 16. August 70 Jahre alt. Grund genug, sie einmal zu besuchen. Ihre Entstehungsgeschichte ist ein außerordentliches Beispiel bürgerschaftlichen Engagements unter Bauern.

Von Peter Sauer

Die geometrischen Ornamentfenster aus Antikglas und Blei entfalten in der Kirche St. Wendelin je nach Sonneneinstrahlung ein magisches Licht. Foto: Peter Sauer

Inmitten der Bauerschaft Bockholt ragt die Kirche St. Wendelin wie eine Burg hervor, wirkt aufgrund ihrer Bauweise mittelalterlich, aber nicht nur ihre Erscheinung, sondern auch ihre Entstehungsgeschichte ist filmreif.

Kirchgang war nicht mehr möglich

Als gegen Ende des Zweiten Weltkriegs die britischen Truppen von General Montgomery in Greven einrückten, sprengten „die letzten Nazis“ am Karsamstag 1945 auch die Kanalbrücken. Für die Lebensmittelversorgung der Bewohner auf den Höfen im Süd-Osten stellte dies laut Autor Wilhelm Schenkel in dem 1976 erschienenen Buch „Bockholt. Ein Beitrag zur Geschichte der Grevener Bauerschaft“ kein Problem dar. Die Bauern waren alle Selbstversorger. Doch der beliebte sonntägliche Gang zur Martinus-Kirche mit Kutsche, Rad oder zu Fuß war so nicht mehr möglich.

Zwei Zufälle – ein Kirchenbau

„Diese Situation war der Auslöser, das Ergebnis war die Kirche St. Wendelin in Bockholt“, schrieb Schenkel. Zwei Zufälle führten zu einem ungewöhnlichen Kirchenbau. Die Bauern in Bockholt wollten eine neue Kirche, während zeitgleich Pastor Anton Krähenheide im Grevener Raum Unterkunft suchte. Für ein neues Leben. Krähenheide war aus dem Konzentrationslager Dachau befreit worden.

In Greven angekommen gab ihm in der Martinuskirche Kaplan Alfons Huesmann den Rat in die Bauerschaft Bockholt zu gehen, dort bemühe man sich um den Bau einer eigenen Kirche und suche einen Priester. Es klappte und Pastor Krähenheide fand seine Wohnung in einem Wirtschaftsgebäude, auf dem Schulzenhof Schleithoff.

Die Kirche St. Wendelin in Bockholt wird am 16. August 2021 genau 70 Jahre alt. Entlang zahlreicher Rad- und Wanderwege ist der Kirchenbau mehr als ein Blickfang. Foto: Peter Sauer

Krähenheide verstand es, dort binnen weniger Wochen „eine ansprechende Notkirche herzurichten“, wie Autor Wilhelm Schenkel von den Zeitgenossen erfuhr. Doch Pater Krähenheide und die Bauern wollten mehr. Als Menschen der Tat sorgten sie dafür, dass 1949 bis 1951 die Kirche St. Wendelin gebaut wurde – nach den Plänen von Architekt Hans Ostermann, durchgeführt von Baumeister Clemens Boes und seinem Schwager Johannes Flatken, auf einem Bauplatz, den der Landwirt Franz Josef Schulze Schleithoff für die Kirche zur Verfügung stellte.

Theo Lintel-Höping, Mitglied im Kirchenvorstand, kümmert sich mit seiner Frau Dagmar um die St.-Wendelin-Kirche. Foto: Peter Sauer

Die Kirche St. Wendelin wurde aus Ibbenbürener Bruchsteinen und roten Dachziegeln gebaut, mit gedrungenem vierkantigem Turm und Langhaus, an dessen Nordseite die Sakristei errichtet wurde. „Die Bauarbeiten wären nicht so zügig vorangegangen“, schreibt Chronist Wilhelm Schenkel, „wenn nicht Pater Krähenheide immer wieder gedrängt hätte und die Landwirte nicht in ununterbrochener Folge freiwillig und unentgeltlich Hand- und Spanndienste geleistet hätten“.

Hand in Hand für den gemeinsamen Glauben

Dieses tolle Gemeinschaftswerk, das mittlerweile zur Kirchengemeinde St. Martinus gehört, hat den Vorraum täglich geöffnet und das Kirchenschiff in der Regel jeden ersten Sonntag im Monat zum Gottesdienst um 11 Uhr – sowie zu Taufen oder Hochzeiten.

Einlass vom Vorraum in den Kirchenraum St. Wendelin Foto: Peter Sauer

Förster Theo Lintel-Höping wohnt seit 35 Jahren im angrenzenden Pfarrhaus: „Gerade in Zeiten der Corona-Pandemie machen hier viele Radfahrer und Wanderer Station und zünden Kerzen an.“ Auch für den Schützenverein Bockholt Guntrup ist die Kirche ein wichtiger Ort, wie ein frischer Kranz im Vorraum zeigt.

Zwischen Rhododendron, alten Eichen und Linden sowie Gerste- und Roggenfeldern findet sich in St. Wendelin tatsächlich ein spiritueller Ort, der umso mehr wirkt, wenn man, wie der Autor dieses Berichtes, zuvor aus dem lauten hektischen Alltag der Stadt gekommen ist.

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