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Till hat Asperger-Autismus

Sein ganz eigener Weg zum Ziel

Greven

Till ist Autist und hat es im Alltag mitunter schwer. In der Schule sind sehr formelle Anforderungen eine Hürde. Dennoch schaffte Till nun Fachabi und Berufsabschluss.

Von Oliver Hengst

Till hat nun zwei Abschlüsse in der Tasche, wie die Zeugnisse des Hans-Böckler-Berufskollegs dokumentieren: das Fachabitur und Foto: Oliver Hengst

Ein anstrengender Tag in der Schule – der nahm für Till schon vor der ersten Stunde seinen Anfang. Der junge Mann hat Asperger-Autismus. Eine typische Begleiterscheinung ist die Neigung zur Reizüberflutung. Eine Fahrt im vollen Zug mit Fahrgästen, die sich unterhalten, telefonieren, am Handy daddeln oder Musik abspielen, war und ist eine Herausforderung für ihn. Deshalb war er oft schon gestresst, wenn er in der Schule ankam. Und dort ging es dann in unruhigen Klassenzimmern nahtlos weiter mit den Reizen. „Da ist man froh, wenn man wieder zuhause ist“, sagt er rückblickend.

Inzwischen hat Till, 21 Jahre jung, nicht nur die Schule abgeschlossen, sondern ist einen großen Schritt weiter. Er hat einen doppelten Abschluss in der Tasche: Fachabi und Berufsausbildung.

Die Autismus-Diagnose bekam er sehr spät, erst mit 15. Zu diesem Zeitpunkt besuchte er eine Realschule im Westmünsterland. „Manchmal habe ich komische Sachen gemacht. Aber manchmal habe ich mich auch gefragt, warum die Menschen um mich herum so komische Sachen machen“, sagt er. Die Welt eines Autisten und die der Nicht-Autisten verlaufen in anderen Bahnen. Asperger-Autismus gilt als „Störung“, mitunter hat Till den Eindruck, dass eher die Welt um ihn herum gestört ist.

Till (21) ist Asperger-Autist

In der Schule hatte Till Schwierigkeiten, sich in das strenge und formelle Regelwerk einzufügen. Es passte manchmal einfach nicht zu seiner Welt, zu seiner Gedankenstruktur. Er tickt eben anders, oder: die anderen anders als er.

Typisch für Autisten sind Inselbegabungen. Till kann zum Beispiel super rechnen, so dass er zeitweise Nachhilfe gab und oft keinen Tasschenrechner braucht, wo andere ohne das Hilfsmittel total aufgeschmissen sind. Matheaufgaben lösen – das war für ihn also nie das Problem. Eher die Anforderung, in einer Klausur ganz bestimmte Schritte des Rechenwegs aufzuschreiben. Denn er war bei der Lösung mitunter einen ganz anderen, seinen eigenen Weg gegangen. Das Ergebnis war richtig, trotzdem gab es nicht die volle Punktzahl.

Anderes Beispiel: In einem sprachlichen Fach sollte er mit eigenen Worten eine Bildergeschichte beschreiben. Und scheiterte. Er konnte jedes kleinste Detail der einzelnen Bilder erfassen, aber keine Verbindung herstellen. „Mir fallen die Zwischenschritte schwer. Ich weiß nicht, was zwischen den einzelnen Bildern passiert.“ So war die Schule bisweilen ein Kampf.

Nach der Realschule zum Berufskolleg

Nach der Realschule entschied sich Till trotzdem, eine weitere schulische Ausbildung folgen zu lassen. „Ich wollte etwas im naturwissenschaftlichen Bereich machen“, sagt Till. Denn das liegt ihm am besten. Am Hans-Böckler-Berufskolleg Münster belegte er den Bildungsgang Chemisch-Technischer-Assistent. Die Ausbildung dauert drei Jahre, er brauchte fünf. Den Jahrgang 12 musste er zweimal wiederholen. Und doch schaffte er am Ende seinen doppelten Abschluss. Auch dank der Unterstützung, die der VSE (siehe Themenkasten) für ihn organisierte. Till wurde engmaschig begleitet. Unter anderem gab es Menschen, die für ihn quasi „übersetzten“, was eigentlich im Unterricht besprochen wurde. „Das war eine Hilfe, die es verständlicher für mich gemacht hat.“

Unterstützung auch durch Spenden

Diese Hilfe wurde auch durch Spenden finanziert. Unter anderem stellte Manfred Albrecht, Inhaber der Grevener Stadttor-Apotheke, 1500 Euro zur Verfügung.

Die engagierte Unterstützungskraft, zum Teil in der Schule präsent, aber auch am Nachmittag, erinnerte Till auch mit einem vereinbarten Zeichen daran, sich im Unterricht zu melden. Das tat Till nämlich fast nie. Er wusste oft Bescheid, sah aber keinen Grund, das den Lehrern und der Klasse mitzuteilen. Ihm reichte es, die Sache verstanden zu haben. Wozu aufzeigen?

Rund ein Jahr lebte Till in der Villa Samin an der Nordwalder Straße, die der VSE als Jugendwohnhaus nutzt. Seit nun eineinhalb Jahren lebt er allein in einer vom VSE angemieteten Wohnung im Grevener Westen.

Der VSE in der Villa Samin

Als er damals aus dem Westmünsterland nach Greven zog, „war das der erste Schritt in die Selbstständigkeit“, sagt er. Es ging darum, Fahrzeiten zu verkürzen, aber auch darum, sich etwas abzunabeln. Seine Mutter unterstützte ihn sehr und trug den Entschluss mit, nach Greven und damit in die Nähe des Berufskollegs zu ziehen.

Ohne die Unterstützung durch die Sozialarbeiter des VSE und die zusätzlichen Hilfen, die sie organisiert haben, „hätte ich es nicht geschafft“, blickt er zurück. Er sei schon „ein bissschen stolz“, aber eigentlich eher froh, dass er diese fordernde Etappe nun hinter sich lassen konnte. Till, den seine Mitmenschen als sehr sozialen Menschen beschreiben, hat damit vielleicht auch anderen Türen geöffnet. Till hat gezeigt, dass es geht, wenn man sich auf ihn einlässt und bereit ist, sich jeweils verstehen zu lernen.

Till möchte am liebsten in der Forschung arbeiten

Nun, da er den Abschluss in der Tasche hat, will der junge Mann erstmal Urlaub machen, in Südeuropa. Und dann? „Zum Ende des Jahres will ich mir einen Job suchen.“ Er träumt von der Forschung, kann sich aber auch eine Tätigkeit im Labor eines Unternehmens oder einer anderen Einrichtung sehr gut vorstellen.

Ein potenzieller Arbeitgeber kann sich laut Tills Selbstbeschreibung auf dieses einstellen: „Ich bin aufmerksam und kann gut rechnen. Ich bin genau, aber nicht ordentlich.“ Er kann sich sehr in Dinge vertiefen. Jemand, der ihm Arbeit gibt, müsse aber auch einkalkulieren, „dass ich oft nachfrage. Ich will es halt genau machen.“ Besonders in der Eingewöhnungszeit mit vielen neuen Leuten und Eindrücken werde er daher wohl etwas Zeit brauchen, um Sicherheit zu gewinnen.

Weitergehende Pläne hat er noch nicht. „Der erste Job wird mir da ein bisschen die Richtung weisen“, sagt Till. Und wenn er diesen Job gefunden hat und ihn meistert, kann er sich vorstellen, auch komplett auf eigenen Beinen zu stehen.

Villa Samin Nordwalder Straße Greven VSE Foto: Oliver Hengst
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