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Krieg in der Ukraine

Anastasia Gorgan hat auf der Flucht ein Kind bekommen

Greven

Amir ist auf der Flucht geboren. Das Baby ist ein Beispiel für die Zerrissenheit der Welt, die viele Menschen derzeit hautnah erleiden.

Amir ist jetzt sieben Wochen alt. Er und seine Mutter Anastasia Gorgan, die aus Kiew geflohen ist, leben in Greven. Foto: Günter Benning

Amir wog bei der Geburt 4140 Gramm und war 55 Zentimeter groß. „Das war schwer“, erinnert sich seine Mutter Anastasia Gorgan, „und ich war ganz allein.“ Die 27-Jährige schiebt ihr Baby im Kinderwagen über die Kolpingstraße, denn heute ist Amir unruhig. Dabei erzählt sie ihre Geschichte, die von Kriegen und Flucht gezeichnet ist.

Geboren in Moldau

Anastasia Gorgan stammt aus dem Kleinstaat Moldau. „Mein Dorf Naslcavcea gehörte im Großen Krieg zur Ukraine“, sagt sie, „wir konnten die Grenze sehen.“

Hier wuchs sie unter Ukrainern auf, sprach ukrainisch und nach der Schule zog sie zum Studium nach Kiew. Erst war es Tourismus, dann Rechtswissenschaft. Sie wollte Anwältin werden.

An der Uni lernte sie ihren Mann Mustafa kennen. Er stammt aus dem Irak, seine Eltern hatten ihn zum Zahnmedizinstudium in die Ukraine geschickt. Weil es dort so friedlich war. In Bagdad herrschte Krieg. Anastasia Gorgan erlebte es hautnah, wie es ist, wenn man tagelang die Verwandten nicht anrufen kann, keine Nachricht hat, nicht weiß, ob sie noch leben.

Die Hochzeit in Kiew

Vor fünf Jahren heirateten Mustafa und Anastasia. Die Welt war in Ordnung. Der Konflikt im Osten des Landes weit weg. In Kiew hatte das junge Ehepaar ein gutes Leben: „Wir hatten Jobs, ein neues Apartment, wir waren happy.“ Am 22. Februar diesen Jahres, erinnert sie sich, „erfuhr ich, dass ich schwanger war.“

Am 24. Februar, zwei Tage später, fiel Russland über die Ukraine her. Kiew wurde beschossen. Die Schwangere konnte nicht zum Arzt. Banken schlossen, es fuhren weder U-Bahnen noch Taxen. Von einem Tag auf den anderen zerbrach die Idylle.

Anastasia Gorgan mit ihrem Baby Amir. Sie hat Glück und eine kleine Wohnung in der Stadt bekommen. Foto: Günter Benning

Eine Freundin von Anastasia Gorgan meldete sich beim Militär. „Aber ich habe an mein Kind gedacht“, sagt sie.

Auf der Flucht

Mit Mustafa und Freunden, die ein Auto hatten, floh sie. „Vier Menschen und eine Katze im Auto, sieben Tage für 24 Kilometer“, erinnert sie sich an das Warten vor der Grenze zu Polen, „ohne Wasser, Essen und Toilette.“

Ihre erste Anlaufstation in Deutschland war Mönchengladbach. Von dort wurde sie nach Greven verlegt. Sieben Monate lebte sie in der Containersiedlung an der Wentruper Mark. Die Menschen dort haben alle die gleiche Erfahrung: Haus und Heimat verloren, sprachlos in einem fremden Land. „Aber man hilft sich untereinander“, sagt Gorgan.

Nach der Geburt von Amir am 13. Oktober hat sie eine kleine, ruhige Wohnung an der Kolpingstraße von der Stadt zugewiesen bekommen. Sie ist dankbar über das Engagement der Rathausmitarbeiter. Und der ehrenamtlichen Helfer, die ihr Möbel besorgt haben. „Aber ich bin ein geselliger Mensch“, sagt sie im Café vom Marktkauf, „manchmal fühle ich mich hier einsam.“

Zurück im Irak

Denn ihr Mann Mustafa ist zurück in den Irak gereist. Er will dort sein Studium beenden und Deutsch lernen: „Er braucht einen C1-Abschluss, dann kann er in Deutschland arbeiten“, sagt Anastasia Gorgan. So wie viele andere irakische Ärzte. Den kleinen Amir sieh er nur, wenn er mit seiner Frau über den Facebook-Messenger chattet. Auch im Irak herrscht kein Frieden. An dem Haus seiner Familie sind Einschusslöcher zu sehen. Lange lebten seine Eltern dort im Keller, aus Angst vor Beschuss.

Einsamkeit in der Fremde

Anastasia Gorgan spricht fließend Englisch und bringt sich gerade per App Deutsch bei. „Wegen Amir kann ich noch nicht an einem Deutschkurs teilnehmen“, sagt sie. Sie will arbeiten, sobald es geht. In Kiew hat sie per Internet Kleider verkauft. „Als wir wegmussten“, sagte sie, „kamen alle Waren auf den Müll.“

Was sie sich sehnlichst wünscht, fasst sie in ein Wort: „Integration“. Verstehen, was um sie herum geschieht, sich nicht als Fremde fühlen zu müssen.

Wenn sie zurückschaut, sieht sie eine Welt voller Probleme. Die Armut in Moldau, der Krieg im Irak, der Angriff auf die Ukraine, die Flucht. „Dieser verrückte Krieg ist auch in zwei Jahren nicht vorbei“, glaubt sie, „ich wünsche mir nur eines – eine friedliche Zukunft für mein Baby.“

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