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So machen es andere Städte: Wie Ibbenbüren mit Radfahrern in der Fußgängerzone umgeht

„Uns sind keine Unfälle bekannt“

Greven/Ibbenbüren

Greven arbeitet an einer Verbesserung seines Radwegenetzes in der Innenstadt. Ibbenbüren wird seit Jahren als fahrrad-freundliche Stadt immer wieder ausgezeichnet. Was macht den Unterschied der beiden Städte aus? Unser Redaktionsmitglied Günter Benning sprach mit Uwe Manteuffel, dem Baudezernenten in Ibbenbüren.

Von Günter Benning

Uwe Manteuffel ist Baudezernent in der fahrradfreundlichen Stadt Ibbenbüren. Foto: Stadt Ibbenbüren

Was muss man tun, um als fahrradfreundliche Stadt zu gelten?

Manteuffel: Das ist eine Zertifizierung der Arbeitsgemeinschaft für fahrradfreundliche Städte. Dafür muss man aufzeigen, was man in der Vergangenheit getan hat, damit der Fahrradverkehr gut läuft. Das sind die unterschiedlichsten Maßnahmen vom Radwegbau bis hin zu Abstellanlagen und Verkehrsregelungsmaßnahmen. Die Urkunde ist uns Ende des vergangenen Jahres erneut verliehen worden.

Ibbenbüren hat eine große Fußgängerzone. Im Gegensatz zu Greven dürfen dort auch Fahrradfahrer fahren. Wie ist es dazu gekommen?

Manteuffel: Grundsätzlich muss jede Stadt für sich selber eine Entscheidung treffen. In Ibbenbüren beobachten wir, dass die Radfahrer genauso gemütliche und bequeme Verkehrsteilnehmer sind wie alle anderen auch. Es ist von Anfang an so geregelt, dass Fahrradfahrer die Fußgängerzonen mitbenutzen dürfen. Seit mehr als 25 Jahren. Das hat damit zu tun, dass die Fußgängerzone einer unserer Haupt-Schulwege ist. Wenn die Schulen mal gleichzeitig Feierabend haben, haben wir dort ein relativ hohes Verkehrsaufkommen durch Radfahrer. Das ist dann ein Miteinander, in dem jeder darauf achten muss, dass es funktioniert. Also: Die Radfahrer müssen aufpassen, dass die Leute in die Läden zum Einkaufen wollen. Oder, dass Kinder auch mal nicht an der Hand ihrer Eltern laufen.

Wie ist ihre Erfahrung damit? Nehmen die Radler Rücksicht?

Manteuffel: Am besten setzt man sich mit den Fakten auseinander. Auch in Ibbenbüren wird diskutiert, ob das zu gefährlich sein könnte für Kinder oder Personen, die unsicher sind und Angst haben vor den hohen Geschwindigkeiten der Fahrräder. Uns sind aber keine Unfälle bekannt. Auch nicht aus den vergangenen Jahren. Also ist eine gewisse Rücksichtnahme vorhanden, sonst würde das Ganze ja gar nicht funktionieren.

Klappt es denn immer?

Manteuffel: Natürlich funktioniert das mal besser und mal schlechter. Die Radfahrer sind schließlich normale Verkehrsteilnehmer. Dennoch: Es gibt keine Unfälle.

Haben sich Ibbenbürener Selbstdisziplin angewöhnt?

Manteuffel: Ich denke, das ist ein Gewöhnungseffekt. Das Ganze funktioniert auch an Orten wo es aus dem reinen Fußgängerbereich weiter geht in andere Verkehrsarten. Also auch bei Straßen, wo dann noch Autos oder Busse hinzukommen. Das klappt, weil man weiß, das andere Verkehrsteilnehmer auch darauf achten und dementsprechend langsamer unterwegs sind.

In Greven heißt es: Zum Schutze älterer Menschen und Kinder, soll man sein Rad, bevor man die Fußgängerzone betritt, in einen Abstellplatz stellen und den Rest zu Fuß laufen. Wie sehen Sie das?

Manteuffel: Die Frage ist, ob das funktioniert. Viele Radfahrer sind da ja genauso gemütlich wie andere Verkehrsteilnehmer. Das bedeutet, dass sie den Rest des Weges lieber fahren, obwohl der Abstellplatz nur 20 Meter weiter ist. Man sollte lieber eine Regelung gestalten, die zum Miteinander führt. Es ist übrigens nicht so, dass Ibbenbüren besonders übersichtlich wäre. Wir haben viele kleine Gassen, bei denen man gar nicht erkennen kann ob da jetzt gleich jemand um die Ecke kommt. Trotzdem funktioniert es.

Sie leiten Schüler von den Hauptverkehrsstraßen weg. Werden die Schulwege dadurch sicher?

Manteuffel: Ja natürlich. Aber wir haben eine ähnliche Diskussion an der Wilhelmstraße, an der die meisten großen Schulen Ibbenbürens liegen. Dort sind jetzt Fahrradfahrer und Autofahrer gleichberechtigt. Das führt dazu, dass die Autofahrer sich an die Geschwindigkeit der Fahrradfahrer anpassen und langsamer fahren müssen. Es ist immer ein Miteinander. Ich denke, wir müssen wegkommen davon, die verschiedenen Verkehrsteilnehmer immer wieder zu trennen. Jeder Fahrradfahrer ist Fußgänger. Die meisten sind auch Autofahrer. Und hoffentlich sind auch viele demnächst ÖPNV-Nutzer, das wäre für mich das Beste.

Was bedeutet Ihr Modell für die Erreichbarkeit der Läden in der Innenstadt?

Manteuffel: Autofahrer verstehen, dass sie die Autos am Rand der Stadt im Parkhaus abstellen müssen. Radfahrern müssen wir es etwas erleichtern. Radfahrer sollen mit dem Rad bis vor das Geschäft fahren dürfen. Natürlich immer mit Rücksichtnahme. Sie dürfen natürlich auch nicht im Rettungsweg oder in der Laufrichtung stehen. Aber das regelt sich eigentlich von selbst. Ein guter Stadtplaner hat mir mal gesagt, dass wir bei Schnee schauen müssen, wo die Leute hingehen oder hinfahren. Dann sollte man schauen, wo dort Schneespuren verlaufen, um Wege und die Abstellanlagen zu bauen. Denn dort werden sie von den Leuten nachgefragt.

Der Allgemeine Deutsche Fahrrad Club ist immer noch nicht zufrieden mit Ibbenbüren. Was muss besser werden?

Manteuffel: Die sind zurecht nicht zufrieden. Es ist auch unser Ziel als Stadtverwaltung, die Möglichkeiten für Fußgänger, Radfahrer und ÖPNV-Nutzer noch viel stärker in den Blick zu nehmen. Manche unserer Radwege sind natürlich in die Jahre gekommen, weshalb wir diese erneuern müssen. Manchmal ist nur ein Teil vom eigentlichen Radweg übrig geblieben, an manchen Stellen existiert dieser gar nicht. Wir müssen künftig von außen nach innen planen. Wir müssen erst die Fußgänger, dann die Radfahrer betrachten und was übrig ist, ist für die Autofahrer gedacht. Früher hat man genau umgekehrt geplant. Da haben wir auf 109 Quadratkilometern noch viel zu tun.

Wir waren neulich im niederländischen Utrecht. Da ist es bereits so.

Manteuffel: Die Niederländer sind deutlich früher angefangen als wir. Die haben andere Planungssysteme. Sie haben viel mehr abgesetzte Radwege als wir, dafür ist der ÖPNV im Schülerverkehr weniger stark als bei uns. Aber tatsächlich fahren dort auch alle Schüler mit dem Rad.

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