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"Angespannte Personalsituation"

Warum so viele Mitarbeiter fehlen

Greven/Saerbeck

„Mitarbeiter gesucht“ heißt es momentan aus sehr vielen Branchen. Längst sind nicht mehr nur Fachkräfte Mangelware. Ganz gleich, ob große Firmen, Gastronomie, Bäckereien oder Praxen – viele Stellen sind offen. Im Interview mit Redakteurin Linda Braunschweig nennt Reiner Zwilling, Leiter der Agentur für Arbeit Rheine, Gründe dafür.

Von Linda Braunschweig

Verzweifelter Ruf nach Personal. Foto: dpa (Symbolbild)

„Mitarbeiter gesucht“ heißt es momentan aus sehr vielen Branchen. Längst sind nicht mehr nur Fachkräfte Mangelware. Ganz gleich, ob große Firmen, Gastronomie,Bäckereien oder Praxen – viele Stellen sind offen. Im Interview mit Redakteurin Linda Braunschweig nennt Reiner Zwilling, Leiter der Agentur für Arbeit Rheine, Gründe dafür.

Herr Zwilling, gefühlt hat sich der Fachkräftemangel mit Corona noch einmal deutlich verschärft. Warum fehlen plötzlich so viele Mitarbeiter?

Reiner Zwilling: Die angespannte Personalsituation hat sich bereits seit einiger Zeit angekündigt und ist nicht plötzlich aufgetreten. Ein Grund ist die demografische Entwicklung. Die geburtenstarken Jahrgänge kommen in ein Alter, in dem viele Arbeitnehmer in den Ruhestand wechseln. In den kommenden zehn bis zwölf Jahren wird dadurch rund ein Fünftel der Beschäftigten nicht mehr am aktiven Arbeitsleben teilnehmen. Dieser Prozess hat bereits eingesetzt und betrifft alle Branchen und alle Qualifikationsstufen. Zugleich kommen nicht genügend Nachwuchskräfte auf den Arbeitsmarkt. Denn seit Jahren sinken die Schulentlasszahlen. In einigen Branchen und Berufen hat die Corona-Pandemie die Personalsituation zusätzlich verschärft, weil hier auch die Minijobber weggefallen sind.

Reiner Zwilling ist Leiter der Agentur für Arbeit in Rheine. Foto: Dorothee Rietz

Wo sind die Mitarbeitenden zum Beispiel aus der Gastronomie während der Corona-Krise gelandet?

Reiner Zwilling: Bei den sozialversicherungspflichtig Beschäftigten ist es vielen Hotel- und Gastronomiebetrieben mithilfe des Kurzarbeitergeldes gelungen, die Mitarbeiter zu halten. In der Hochphase der Pandemie waren im Kreisgebiet mehr als 400 Betriebe aus dem Hotel- und Gaststättengewerbe mit knapp 4000 Arbeitnehmern in Kurzarbeit. Das hat dazu beigetragen, dass Entlassungen häufig vermieden werden konnten. Allerdings fehlen in den Gastronomiebetrieben häufig die sogenannten Minijobber. Sie fallen nicht unter die Regelungen zum Kurzarbeitergeld und haben sich daher teilweise während der Lockdowns neu orientieren müssen. Einige dieser 450-Euro-Kräfte sind in den Gesundheitsbereich gewechselt und haben beispielsweise eine Beschäftigung in den Impf- und Testzentren gefunden. Andere Minijobber haben neue Jobs im Einzelhandel, im Lager oder der Logistik angenommen. Viele von ihnen haben hier Fuß gefasst und kehren nun nicht zurück in die Gastronomie.

Gibt es noch weitere Gründe? Wachsen die hiesigen Firmen zum Beispiel so stark, dass sie immer mehr Mitarbeiter brauchen?

Reiner Zwilling: Das nördliche Münsterland ist eine starke Wirtschaftsregion mit einer vielfältigen Unternehmensstruktur. Mehr als 10 000 Betriebe, die sozialversicherungspflichtige Angestellte beschäftigen, sind hier ansässig, darunter auch einige Global Player. Bei zahlreichen Firmen gibt es einen Personalzuwachs, denn die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten stieg allein im letzten Jahr um 1,2 Prozent. Häufig werden aber auch Mitarbeiter gesucht, um die Lücken zu schließen, die entstehen, weil ältere Arbeitnehmer in den Ruhestand wechseln. Gleichzeitig hat der Kreis seit Jahren mit 3,9 Prozent im September eine der niedrigsten Arbeitslosenquoten in Nordrhein-Westfalen. Im Bereich der Arbeitslosenversicherung, also den Menschen, die in der Arbeitsagentur betreut werden, beträgt die Arbeitslosenquote sogar nur 1,4 Prozent. Das zeigt schon, dass es schwierig wird, die Personalbedarfe zu decken.

Wie lässt sich das auffangen?

Reiner Zwilling: Unternehmen, die selbst ausbilden, sind klar im Vorteil. Sie investieren in die Zukunft und sorgen für den eigenen Fachkräftebedarf vor. Zudem sollten Arbeitgeber darüber nachdenken, Arbeitnehmer mit Potenzial, die aktuell als Helfer oder in gering qualifizierten Tätigkeiten arbeiten, zu Fachkräften weiterzubilden. Dabei unterstützen wir sowohl Arbeitgeber als auch Arbeitnehmer mit Beratung und finanzieller Förderung. Eine andere Möglichkeit, die immer wieder diskutiert wird, ist es, arbeitslose Menschen aus Städten mit höherer Arbeitslosigkeit zu motivieren, in unsere Region zu ziehen. Einige erfolgreiche Ansätze dazu gab es in der Zusammenarbeit mit der Arbeitsagentur Rheine, den Jobcentern und hiesigen Unternehmen bereits. Man muss aber sagen, dass es sich hier um einzelne Menschen mit ihren Familien handelt, die diesen weitreichenden Schritt mit unserer Unterstützung gegangen sind. Das Konzept lässt sich nicht unbedingt auf größere Gruppen von Arbeitsuchenden anwenden, denn es geht immer um individuelle Entscheidungen von Menschen. Gut gelungen ist in den letzten Jahren in zahlreichen Fällen die Integration von Menschen, die aus Kriegs- oder Krisengebieten in unser Land geflüchtet sind. Viele haben in den vergangenen Jahren die deutsche Sprache erlernt und eine Ausbildung oder Qualifikation abgeschlossen. So hatten Ende März knapp 1700 Menschen aus Asylherkunftsländern in unserer Region eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung. Das ist eine Steigerung um 18 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Der lange Atem aller Beteiligten und Unterstützer hat sich also gelohnt.

Wie schätzen Sie den Bedarf an Zuwanderung ein?

Reiner Zwilling: Zusätzlich zu den genannten Maßnahmen wird es ohne die zusätzliche Einwanderung qualifizierter Menschen kaum möglich sein, den Fachkräftebedarf zu decken. Laut Prognosen der Experten aus dem Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit brauchen wir in Deutschland jährlich 400 000 Zuwanderer, um das Erwerbspersonenpotenzial stabil zu halten. Das sind deutlich mehr als in den vergangenen Jahren. Von der Pflege über Klimatechniker bis zu Logistikern und Akademikerinnen: Es werden überall Fachkräfte fehlen. Hier sind die politischen Entscheidungsträger gefragt, Lösungen zu entwickeln.

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