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Sandra Wortkötter und Marion Tumbrink vom Stadtelternrat über die Bildungsarbeit der Kitas

Wertschätzung ist wichtig

Greven

Der Aktionstag der Kinderbetreuung findet immer am Montag nach Muttertag statt – schon zum zehnten Mal. Während am Montag Gelegenheit ist, in den Einrichtungen Danke zu sagen, möchte der Stadtelternrat am kommenden Samstag mit Informationstafeln in der Stadt auf die Arbeit der Fachkräfte in den Kitas hinweisen.

Sandra Wortkötter (l.) und Marion Tumbrink (r.) setzen sich für die Fachkräfte in den Kitas ein. Foto: Günter Benning

Der Aktionstag der Kinderbetreuung findet immer am Montag nach Muttertag statt – schon zum zehnten Mal. Während am Montag Gelegenheit ist, in den Einrichtungen Danke zu sagen, möchte der Stadtelternrat am kommenden Samstag mit Informationstafeln in der Stadt auf die Arbeit der Fachkräfte in den Kitas hinweisen. Sandra Wortkötter und Marion Tumbrink sind zusammen mit Vera Tegtmeier Vorsitzende des Stadtelternrats. Mit ihnen sprach unser Redaktionsmitglied Günter Benning.

In den Kitas geht es heute mehr als früher um Bildung. Was sind die aktuellen Herausforderungen?

Wortkötter: In den Kitas werden die Kinder nicht nur betreut. Sie lernen – und das geht weit über die Schulvorbereitung hinaus. Sie lernen im sozialen und im emotionalen Bereich wichtige Grundlagen für ihren weiteren Lebensweg. Das geschieht heute angesichts einer größer werdenden Diversität, innerhalb sich verändernder Strukturen. Die Coronazeit hat zudem noch einmal deutlich gezeigt, wie ungleich Bildungschancen auch im Kindergartenalter schon verteilt sind.

Kinder sind heute ja oft Einzelkinder, die vielleicht in ihrem Umfeld nicht so viel mit anderen zu tun haben. Ist das so?

Tumbrink: Ob es mehr Einzelkinder gibt, weiß ich nicht. Aber egal ob Einzelkind oder nicht: Kinder lernen in der Betreuung anders als in den Familien, sich als ein Kind unter vielen anderen zu verhalten. Im Kita-Alltag passiert soziales wie emotionales Lernen ganz automatisch. Kinder lernen im gemeinsamen Spiel zum Beispiel, Toleranz zu zeigen, sich an Regeln halten und eigene Bedürfnisse auch einmal zurückzustellen. In Konfliktsituationen, die Erziehende gut begleiten, bildet sich eine Frustrationstoleranz. Bastel- und Kreativangebote fördern, dass Kinder sich konzentrieren und selbst regulieren können. All das sind wichtige Grundlagen für Schule und Berufswelt.

Jetzt kommen wir mal zu den Leuten, die in den Kitas dafür zuständig sind. Wie ist deren Situation?

Wortkötter: Für sie haben sich die Strukturen in den letzten Jahren geändert. Es gibt längere Betreuungszeiten, die Kinder gehen früher in die Einrichtungen, oft schon unter drei Jahren. Das erfordert sehr unterschiedliche Herangehensweisen. Und gleichzeitig gibt es in fast allen Einrichtungen hier in Greven einen Mangel an Fachkräften, was die Arbeit für die Erziehenden zusätzlich erschwert. Das geht durch die Bank, jeder Träger hat damit zu kämpfen.

Also kann man als Fachkraft den eigenen Ansprüchen dann nicht gerecht werden?

Wortkötter: Es ist deutlich schwieriger, den Ansprüchen an Bildungsarbeit gerecht zu werden, wenn der Personalschlüssel nicht ausreicht.

Tumbrink: Dazu kommen oft hohe Ansprüche aus der Elternschaft und ein physisch und psychisch herausfordernder Alltag. Das kann schon mal zu Frust führen. Viele Erziehende bemängeln, dass es keine Möglichkeit zu Supervision für Einzelne und Teams gibt.

Also ein anstrengender Job. Wird er ausreichend von unserer Gesellschaft geschätzt?

Tumbrink: Es fehlt die Anerkennung für den Beruf. Es gibt bei vielen das Vorurteil, dass ErzieherInnen in Kindergärten viel Zeit zum Kaffeetrinken, Malen und Basteln haben. Das ignoriert, dass das alles wichtige Arbeiten für die Entwicklung von Kindern sind. Ein Mal- und Bastelangebot beispielsweise fördert Kreativität, aber zum Beispiel auch die Augen-Hand-Koordination. Diese Zusammenhänge werden oft nicht gesehen.

Finden Sie, dass Kita-Arbeit in den letzten Jahren professioneller geworden ist?

Wortkötter: Auf jeden Fall. Jedes Kind wird in seiner Entwicklung beobachtet und muss protokolliert werden. Das wiederum benötigt aber auch ein Setting, in dem Zeit für solche Tätigkeiten sein muss.

Tumbrink: Jedes Kind dabei in seiner Entwicklung nicht nur zu beobachten, sondern auch entsprechend zu fördern oder zu fordern benötigt den Einsatz verschiedenster Materialien und Methoden.

Ist die fehlende finanzielle Wertschätzung ein Grund dafür, dass der Erzieherberuf zu wenig ergriffen wird?

Wortkötter: Natürlich wäre das wünschenswert, wenn die Leute besser bezahlt würden. Sicher trägt aber auch die Reaktion der Mitmenschen und die bereits genannten zunehmenden Anforderungen dazu bei, ob sich ein junger Mensch für einen Beruf entscheidet oder eben nicht.

Was planen Sie am kommenden Samstag?

Tumbrink: Wir werden an verschiedenen Stellen in der Stadt Informationstafeln platzieren, die auf die Notwendigkeit der frühkindlichen Bildungsarbeit hinweisen und einladen, über das Thema ins Nachdenken zu kommen. Wichtig ist uns zu sagen: das verdient Wertschätzung, was da in den Kitas geleistet wird. Da sind Männer und Frauen, die sehr qualifiziert sind und einen anspruchsvollen Job leisten. Nicht nur für Familien, sondern für die Gesellschaft. Sie schaffen Chancengleichheit!

Sie beide sind Mütter von jeweils drei Kindern. Was glauben Sie haben die Kitas besser gemacht als sie das selber hätten machen können?

Wortkötter: Die Strukturen haben sich geändert. Kinder wachsen nicht mehr im großen Familienkontext auf, Cousins und Cousinen sind weniger geworden. Man kann Kindern selten in große Gesellschaften bringen, wie man sie im Kindergarten erleben kann. Früher war es üblich, dass auch Tanten, Onkel, Oma, Opa miterzogen haben. Denn tatsächlich ist es gut, wenn Kinder auch noch andere Werte kennenlernen als die der Eltern. Das bieten die Kitas.

Sie würden sich wünschen, dass mehr Menschen den Erzieherinnenberuf in der Kita ergreifen?

Tumbrink: Ja. Und ein Beitrag, den jede und jeder von uns leisten kann ist, Menschen die diesen Beruf ergreifen mit Wertschätzung zu begegnen.

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