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Demonstration gegen Abschiebung und für das Bleiberecht einer Grevener Familie

„Wir haben jetzt Hoffnung“

Greven

Rund zwei Wochen ist es her, dass die Familie Familie Ovakimyan/Manaseryan in letzter Sekunde einer Abschiebung nach Russland entging. Am Freitag erklärte der Kreis Steinfurt, dass der Fall nun „anders bewertet“ werden könne. Den 120 Menschen, die am Samstag in Greven dafür auf die Straße gingen, dass die Familie bleiben darf, gibt dieses Signal Hoffnung.

Von Günter Benningund

Ein buntes Spektrum von Gruppen nahm am Samstag am Demonstrationszug vom Bahnhof bis zum Marktplatz teil. Foto: Günter Benning

Mechtild Tecklenborg war selten so guter Stimmung. Seit 2005 kämpft sie im Netzwerk Humanität und Bleiberecht im Kreis Steinfurt dagegen, dass Flüchtlinge abgeschoben werden. Meist, wenn es schon passiert ist. Am Samstag war es anders: 120 Menschen demonstrierten in Grevens Innenstadt für die Familie Ovakimyan/Manaseryan, die vor zwei Wochen in letzter Sekunde dem Abtransport nach Russland entging.

Am Bahnhof sammelten sich die Demonstranten. Aufgerufen hatten das Netzwerk Humanität und Bleiberecht und die Initiative Seebrücke. Gekommen waren viele, denen das Schicksal der armenischen Familie nahe ging.

Der katholische Pfarrer Klemens Döpker hat die Armenier seit 2015 unterstützt: „Bis heute hat die Familie immer versucht, sich in unsere Gesellschaft zu integrieren. Sie hat sich Arbeit und Wohnung gesucht.“ In diesem Jahr sei es gelungen, mit Hilfe der Gemeinde, ihr eine eigene Wohnung zu vermitteln, die sie vor drei Monaten frisch renoviert hatten. Jörn Witthinrich, evangelischer Pfarrer, hatte den Sohn David getauft. „Die Familie ist hier nicht in ein Nest gefallen. Sie hat es sich selber bauen müssen. Aber sie ist hier angekommen“, sagt er. Und: „Die nächtliche Abschiebung war kein Akt der Nächstenliebe. So kann man mit Menschen nicht umgehen.“

Kinderrechte fehlen

Für Kathrin Vogler, Bundestagsabgeordnete der Linken, zeigt der Fall ein gesetzgeberisches Defizit: „Wir haben eine Politik, die die Bedürfnisse von Kindern, die hier aufgewachsen sind, nicht genug berücksichtigt. Genau wegen solcher Abschiebungen tut sich die CDU/CSU so schwer, einer vernünftigen Formulierung der Kinderrechte im Grundgesetz zuzustimmen.“

Aus ihrer praktischen Arbeit heraus kennt Lea Kurth, Sozialarbeiterin der Caritas, Familien, denen die Abschiebung droht: „Betroffene stecken in einem Teufelskreis. Sie bekommen keine Arbeitserlaubnis, keine Zugänge zum Sprachkurs, dann alle drei Monate die Duldung. Das ist eine Spirale, aus der kaum einer rauskommt.“

Bei einer Kundgebung auf dem Marktplatz zeigten sich verschiedene Redner hoffnungsfroh, weil es im Fall Ovakimyan/Manaseryan positive Signale vom Kreis gab. Dort hatte es am Freitag geheißen, die Familie habe „notwendige Unterlagen eingereicht“ und der Fall könne nun anders bewertet werden.

Edgar Manaseryan (43), der Vater der Familie, bestätigt, er habe seinen Arbeitsvertrag und die Zeugnisse seiner Kinder eingereicht. Aber sie seien eigentlich auch schon bekannt gewesen, er habe schließlich seit vier Jahren einen Job.

Nachtschicht

Manaseryan humpelte noch etwas. Nach einem Arbeitsunfall im Mai ging er zuletzt an Krücken. Am Samstag hatte er die erste Nachtschicht hinter sich: „Ich habe eine Arbeitserlaubnis bis zum 14. Juli bekommen“, sagt er. Und seine Frau dürfe ab Montag wieder zu ihrem Job: „Wir werden bis zum letzten Tag arbeiten.“ Auf dem Marktplatz bedankte er sich sichtlich ergriffen bei den Demonstranten.

Zufrieden zeigte sich auch Sophia Dogan, eine Freundin der Familie, die im Internet eine Petition lanciert hat, die 3000 Unterschriften erbrachte: „Ich hoffe, es wendet sich zum Positiven.“

Der Grevener Heinz Kues, Caritas-Mitarbeiter und in der Flüchtlingshilfe tätig, erwartete vom Kreis mehr positive Initiative: „Die Frage ist doch, ob nicht eine Behörde von sich aus recherchieren müsste, um zu einer anderen Entscheidung zu kommen.“

Und Marvin Chalupka von der münsterischen Seebrücke betonte: „Wir wollen Menschen auf der Flucht eine Perspektive bieten. Wir brauchen andere Lösungen als die Abschiebung.“

Kommentar

Starke Unterstützung für die Grevener Familie Asmik Ovakimyan, Edgar Manaseryan und ihre Kinder. Aber nur deshalb, weil ihre Abschiebung missglückt ist. Mit einigem Entsetzen muss man sich fragen, wie oft solche Rauswürfe eigentlich glatt laufen. Familien werden entwurzelt, Kinder um ihre Zukunft gebracht. Selbst, wenn die Eltern Arbeit haben. Das darf in dieser Gesellschaft nicht geschehen. Die Demo am Samstag war eine wichtige Mahnung.

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