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Maria und Conrad Wüller geben ihr Familienunternehmen nach 109 Jahren auf

Ende einer Ära am Kirchplatz

Horstmar

Zur Kaiserzeit in 1913 gegründet, schließt das Familiengeschäft Wüller am Kirchplatz in Horstmar nach 109 Jahren. In dritter Generation betreiben es Maria und Conrad Wüller, die sich mit 72 und 75 Jahren demnächst zur Ruhe setzen wollen. Damit endet für die Stadt eine Ära, denn das Textil-Fachgeschäft diente jahrelang auch als Anlaufstelle für Anmeldungen zu Fahrten und Ausgabestelle für Theaterkarten.

Von Sabine Niestertund

Die Beratung der Kundschaft im Textil-Fachgeschäft gehörte für Maria Wüller, geborene Hangenhoff (r.), jahrelang zu ihren Aufgaben im

Ein Leben ohne ihren Laden? Das können sich Conrad und Maria Wüller noch nicht so wirklich vorstellen. Schließlich stehen die Eheleute seit Jahrzehnten in ihrem Textil-Fachgeschäft, das der 75-Jährige 1984 von seinem Vater Conrad übernommen hat. Dessen Vorgänger hieß ebenfalls Conrad und war der Großvater des jetzigen Inhabers. Der erste Conrad hat das Familienunternehmen am 1. April 1913 gegründet und es gemeinsam mit seiner Frau Maria – dabei handelte es sich um eine geborene Herdt – betrieben.

Dass nun das Ende für den Traditionsladen kommt, liegt nicht nur am Alter des Ehepaars, das sich mit über 70 Jahren seinen Ruhestand mehr als verdient hat, sondern auch an Plänen der Stadt, den zentralen Standort am Kirchplatz auf Dauer baulich zu verändern. Nicht nur für die Besitzer, sondern auch für die Bevölkerung dürfte die Geschäftsaufgabe ein großer Einschnitt sein, denn schließlich sind die Wüllers nicht nur für den Einkauf von Wäsche, Damenoberbekleidung – vereinzelt gibt es auch etwas für den Herren, wie beispielsweise Hemden, Pullover und Schlafanzüge – und Kurzwaren ein beliebter Anlaufpunkt. So bietet Beine aus Gronau dort auch schon seit einigen Jahren seine Dienste in Sachen Textilreinigung, Wäscherei und Heißmangel an. „Das läuft gut und war eine Bereicherung für unser Geschäft“, bekennt Maria Wüller, die ihren Mann erst von diesem zusätzlichen Angebot überzeugen musste.

Noch mehr ins Gewicht fällt allerdings der Annahmedienst der Wüllers in Sachen Anmeldungen für Fahrten wie beispielsweise der Kfd, der Gruppe 60+ oder anderer Vereine. Auch der Service, Theaterkarten auszugeben, die Bruderschaften wie die Concorden bei Wüllers deponiert haben, wurde immer gerne in Anspruch genommen.

Nachdem das nicht mehr im Geschäft von Küster Werner Storp möglich gewesen sei, hätte ein Verein bei ihnen angefragt, erinnert sich Maria Wüller. Dann seien es immer mehr geworden und schwups war dieses Angebot gesetzt. Dafür hätten sich alle aber immer erkenntlich gezeigt, berichtet die 72-jährige Geschäftsfrau, die seit 48 Jahren hinter der Ladentheke steht. Dort hat sie direkt nach der Hochzeit mit Conrad Wüller im Jahr 1974 begonnen. Damals lag die Geschäftsführung noch in den Händen ihrer Schwiegereltern Conrad und Mathilde Wüller (geborene Hesselmann). Die beiden hätten sogar Personal und Lehrmädchen gehabt, erinnert sich die Mutter zweier erwachsener Söhne an längst vergangene Zeiten, in der ihr Mann noch einer Arbeit in Münster nachging.

„Die Wippe hat oft auf der Theke gestanden“, beschreibt Maria Wüller ihre Anfangsjahre. „Damals hat es auch noch zahlreiche andere Geschäfte in der Altstadt gegeben“, blickt Conrad Wüller zurück. Während er und seine Frau mit der Konkurrenz durch das Internet und die Einschränkungen der Corona-Pandemie samt der Lockdowns zu kämpfen hatten, litten seine Vorfahren unter dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg und dessen schrecklichen Folgen. Dreimal musste neu begonnen und öfter umgebaut werden. Um so glücklicher waren die Wüllers darüber, als sie 1963 das 50-jährige Bestehen ihres Fachgeschäftes feiern konnten, das immerhin in der Kaiserzeit gegründet worden ist. Seinerzeit zählten die Stadt und das Kirchspiel 1573 Einwohner. Eine Zeitspanne von 109 Jahren für das Familiengeschäft, das sich in diesen Tagen auf seinen Abschied vorbereitet.

„Wir machen noch ein bisschen, denn wir haben ja niemanden, der uns drängt“, erklärt Conrad Wüller, dass der Räumungsverkauf wegen Geschäftsaufgabe weitergeht. Immerhin gibt es noch allerhand Ware im Geschäft mitten in der Altstadt, in dem jetzt die Preise purzeln. Das wissen nicht nur die Stammkunden, sondern auch junge Leute zu schätzen, die sich in diesen Tagen noch mit Artikeln eindecken, die es längst nicht mehr überall gibt. So sind beispielsweise übergroße Geschirrtücher und Herrentaschentücher sehr begehrt, berichtet Maria Wüller. Am besten seien allerdings die Schaufensterpuppen gegangen. „Die waren zuerst weg“, blickt sie ein wenig wehmütig auf die leer geräumten Schaufenster.

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