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Virologe Prof. Stephan Ludwig im Interview

Affenpocken auf dem Vormarsch: "Keine neue Erkrankung"

Münster

Auch in Nordrhein-Westfalen wurden nun erste Fälle der Affenpocken gemeldet. Virologe Prof. Stephan Ludwig vom Universitätsklinikum Münster sagt im Interview, wie es um einen Impfstoff gegen das Virus steht und wen er aktuell für besonders gefährdet hält.

Von Dirk Anger

Dieses Bild, entstanden 1997 während eines Affenpockenausbruchs in der Demokratischen Republik Kongo, zeigt die Rückenflächen der Hände eines Affenpocken-Patienten mit dem charakteristischen Ausschlag in der Erholungsphase. Foto: Uncredited/CDC/dpa

Erstmals wurde der Erreger, der jetzt für Schlagzeilen sorgt, 1958 bei Affen festgestellt. Und so bekam die durch das Virus ausgelöste Erkrankung folglich den Namen Affenpocken. Mit Erregern, die eigentlich im Tier entstanden sind und auf natürlichem Weg auf den Menschen übergesprungen sind, sogenannte Zoonosen, kennt sich Prof. Stephan Ludwig aus. Denn der Direktor des Instituts für Molekulare Virologie am Universitätsklinikum Münster koordiniert die Nationale Forschungsplattform für Zoonosen. Wie er die Gefahr durch Affenpocken einschätzt und die Möglichkeiten einer Impfung sieht, erläutert er auf Nachfragen unserer Zeitung.

Wann rechnen Sie mit dem Auftreten von Affenpocken in unserer Region?

Ludwig: Das kann eigentlich jetzt jederzeit passieren. Also die Viren sind in Deutschland angekommen. Es gibt einen Fall in München, es gibt Fälle in Berlin, und je nachdem wie durch Zufall eine Person, die infiziert ist, von A nach B reist, kann das also sehr schnell gehen, dass wir das hier in Münster oder in unserer Region bekommen. Allerdings heißt das noch nicht, dass es hier größere Ausbreitungen gibt.

Als wie gefährlich schätzen Sie diese Krankheit ein?

Ludwig: Bislang ist es wohl so, dass Affenpocken – und hier handelt es sich ja nicht um eine neue Erkrankung, Affenpocken gibt es schon seit den Siebziger-, Achtzigerjahren beim Menschen – in der Regel sehr mild verläuft beim Menschen. Es gibt aber auch schwere Erkrankungen. Das passiert dann vor allem bei immunsupprimierten Patienten. Das kennen wir schon von Corona, da haben diese Patienten ja auch zu den Risikogruppen gehört. Das ist hier genau so. Wer also ein schlechtes Immunsystem hat, kann da auch sehr schwer erkranken. Das sind dann so einfache Dinge wie, dass beispielsweise diese Pusteln, die man bekommt, sich entzünden können und dann eine bakterielle Erkrankung auslösen. Dann wird man nicht schwer krank an dem eigentlichen Virus, aber an der bakteriellen Superinfektion.

Müssen Erkrankte – wie zuletzt beim Coronavirus – bei Affenpocken eigentlich isoliert werden?

Ludwig: Ja, das wird auch getan. Also unsere Klinik ist vorbereitet, dass dann dementsprechend diagnostizierte Personen direkt in eine spezifische Isolierstation kommen, weil man natürlich an dieser Stelle das Ausbreiten des Virus verhindern und die Gesundheit unserer Mitarbeiter schützen muss.

Prof. Stephan Ludwig, Direktor des Instituts für Molekulare Virologie am Universitäts-Klinikum Münster Foto: UKM

An welchen Symptomen erkenne ich eine Erkrankung?

Ludwig: Nur am Anfang sind das eigentlich recht allgemeine Symptome wie Fieber und Gliederschmerzen, die man durchaus einer schweren Erkältungserkrankung gleichsetzen könnte. Was dann sehr spezifisch ist, sind diese Läsionen, die Pusteln, die man bekommt. Das ist meist im Gesicht und an den Armen, aber kann ansonsten auch an irgendwelchen Stellen am Körper sein. Da gibt es auch andere Erkrankungen, die so was machen. Deswegen ist es besonders wichtig, dass wir unsere Ärzte sensibilisieren, wie das Krankheitsbild ist und dass dann in so einem Fall eben auch diese Erkrankung diagnostiziert wird.

Sind Menschen vor der Erkrankung geschützt, die gegen Pocken geimpft wurden?

Ludwig: Von allem, was man weiß – und es gibt da ein paar Beobachtungsstudien –, sind diejenigen, die früher gegen Pocken geimpft wurden, weniger empfindlich, wenn nicht sogar geschützt gegen die Affenpocken. Das sind natürlich jetzt erste Beobachtungen, das muss man verfolgen. Man kann aber wohl schon sagen, dass gegen Pocken Geimpfte, wenn sie infiziert werden, weniger schwere Krankheitsverläufe mitmachen. Also da hat die ältere Bevölkerung jetzt gerade etwas Glück gehabt. Jüngere Menschen haben eben keine Impfung.

Was kann denn für diese Personengruppe getan werden?

Ludwig: Hier wird diskutiert, was man tut. Es gibt einen zugelassenen Impfstoff gegen die Pocken – nicht gegen die Affenpocken. Den könnte man in einem sogenannten Off-Label-Verfahren einsetzen gegen die Affenpocken. In Großbritannien wird das aus meinem Wissen heraus, glaube ich, sogar schon gemacht, dass man so eine Impfung anbietet. Das ist ein Pocken-Impfstoff, der so aufgebaut ist wie der klassische, alte Pocken-Impfstoff. Der alte Pocken-Impfstoff, das waren richtig vermehrungsfähige Viren. Dieser neue Impfstoff ist genetisch verändert, sodass er sich nicht mehr vermehren kann, aber schon eine gute Immunantwort macht. Und den könnte man prinzipiell einsetzen.

Kann oder soll man sich jetzt also impfen lassen?

Ludwig: Man kann noch nicht. Und es wird, wie gesagt, diskutiert, ob man eine Impfung anbieten sollte, weil der Impfstoff ja nicht genau für diesen Erreger gemacht ist. In Großbritannien geht man jetzt diesen Weg, bei uns wird es noch diskutiert. Und der alte Pocken-Impfstoff steht eben nicht mehr zur Verfügung, deswegen kann man sich mit dem ursprünglichen Impfstoff nicht mehr impfen lassen.

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