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Der Schriftsteller Burkhard Spinnen über das Schreiben in Krisenzeiten und den Neuaufbruch des PEN

„Alle Energie der Zukunft widmen“

Münster

Der münstersche Schriftsteller Dr. Burkhard Spinnen ist durch seinen wachen Blick auf Zeitgeschichte und Gegenwart bekannt. Wir sprachen mit dem Autor und neuen Mitglied im PEN-Präsidium über die globale Krise und über die Situation der Kulturschaffenden in Zeiten von Corona und Krieg – und erhielten spannende Analysen zur Zeit.

Der Schriftsteller Dr. Burkhard Spinnen aus Münster hat unter dem Eindruck des Ukraine-Krieges ein schon weit gediehenes aktuelles Romanprojekt vorerst auf Eis gelegt. Vor wenigen Wochen nun wurde er ins neue Präsidium des PEN Deutschland gewählt. Foto: Oliver Berg/dpa

Vor zwei Jahren befragten wir den münsterischen Schriftsteller Dr. Burkhard Spinnen (65) nach den Auswirkungen der Corona-Epidemie auf das kulturelle Leben und auf seine Arbeit als Schriftsteller. Zwei Jahre später scheint die Pandemie in Europa langsam ihre Schrecken zu verlieren. Dafür tobt in der Ukraine ein Krieg und bedroht die Welt. Ein Grund mehr, den Schriftsteller noch einmal um eine Einschätzung der Lage zu bitten.

Wir leben nun seit Beginn des Jahres 2022 mit seinem menschenverachtenden Angriffskrieg Wladimir Putins und seiner Vasallen in einer „Zeitenwende“, wie Bundeskanzler Olaf Scholz es formuliert. Wie definiert der Schriftsteller Burkhard Spinnen dieses oft bemühte Wort?

Burkhard Spinnen: Der Schriftsteller ist, von Berufs wegen, skeptisch gegenüber Slogans, Etiketten und großen Worten. Die alle haben die Tendenz, etwas zu verunklaren oder gar verbergen. Es geht im Moment um eine Menge von ganz konkreten Veränderungen, die man besser alle bei ihren richtigen Namen nennt, auch wenn das langweilig und quälend ist: die Klimakata­strophe, das Scheitern der Politik „Wandel durch Annäherung“, die toxischen Auswirkungen des Kapitalismus, die Metamorphose des Bürgers zum Kunden – und da könnte ich noch lange weiter aufzählen. Über all das will ich ungern einen einzigen Begriff decken.

Politikerinnen und Politiker, die früher über Sonnenblumen und regenerative Energien plauderten, sprechen nun über Panzer und Haubitzen. Hinzu kommt, speziell in Deutschland, der Grauschleier permanenten Nörgelns und Wehklagens. Die Zeitenwende scheint auch das Denken und Sprechen zu verändern…

Spinnen: Dass grüne Minister und Ministerinnen sich jetzt um die Probleme kümmern müssen, die ihre Vorgänger in Jahrzehnten aufgehäuft haben, ist eine Ironie der Geschichte, über die allerdings niemand lachen sollte. Das Nörgeln und Wehklagen mag nerven, erscheint mir aber verständlich. Wir sind alle die Produkte von 75 Jahren Frieden und Wohlstand, die wir irrtümlich für ewig gehalten haben. Das Leben unserer Eltern und Großeltern, geprägt durch Kriege und ökonomische Krisen, ist in Vergessenheit geraten. Ein Blick zurück in die Geschichte könnte zeigen, dass unser Leben eine erfreuliche Ausnahme und nicht die traurige Regel war. Vielleicht sind die Zeiten jetzt wieder „normal“ im schrecklichen Sinne.

Sie deuteten kürzlich an, dass angesichts der jüngsten Entwicklung die „Globalisierung“ gescheitert ist. Was meinen Sie damit genau?

Spinnen: Die westliche Initiative zur Demokratisierung und Befriedung der ganzen Welt durch globalen Handel war kein ganz schlechtes Unternehmen. Aber es war offenbar zu naiv. Wir haben den Satz „Niemand opfert für Landgewinn Handelsbeziehungen“ für ein Naturgesetz gehalten. Ist er aber nicht, jedenfalls nicht für Putin. Jede (Handels-)Beziehung kann Grundlage für eine Annäherung sein, aber auch der erste Schritt zu Abhängigkeit und Erpressung. Das ist eine verdrängte Wahrheit, die jetzt aufersteht wie die Geister von Toten, auf deren Gräbern man Reihenhäuser gebaut hat.

Ich erinnere mich, dass Sie 2019 mit einem Roman in der Jetzt-Zeit begonnen hatten, der dann offenbar unter den thematischen Einfluss der Pandemie geriet. Müssen Sie für die Protagonisten des Buches nun auch noch die Themen „Krieg und Gewalt“ einarbeiten?“ Oder liegt das Buch nun aufgrund der sich überschlagenden Ereignisse auf Eis?

Spinnen: Ja, auf Eis. Da, wo Tote liegen, die noch nicht begraben sind. Das Buch sollte eigentlich in diesem Herbst erscheinen, aber unmittelbar nach Ausbruch des Ukraine-Kriegs dachte ich: Das ist „Vorkriegsware“. Ich konnte nicht anders, ich musste es zurückziehen. Ich wollte keinen „historischen Roman“ veröffentlichen, also keinen Text, der in einer Epoche „vor X“ spielt. Das war meine persönliche „Zeitenwende“.

Ist es überhaupt noch möglich, in diesen Zeiten einen „Gegenwartsroman“ zu schreiben, oder sucht man sich lieber ein „zeitloses“ Thema respektive eine zurückliegende Zeitepoche?

Spinnen: Die Gegenwart ist immer kompliziert, und im Gegensatz zu vergangen Zeiten weiß man nicht, was aus ihr wird. Im historischen Roman hat man die Zeit im Griff. Wer ihn schreibt oder liest, nimmt eine souveräne Position ein. Aber das ist nun wirklich nie mein Ding gewesen.

Corona, 2020 bedrohlich und oft tödlich, scheint 2022 schwächer und die Menschheit gegen die Seuche stärker zu werden. Was hat die Welt aus dieser Bedrohung „gelernt“? Oder hat sie nur medizinisch-technisch, aber nicht sozial dazugelernt?

Spinnen: Corona tötet noch immer, auch wenn der Krieg es aus den Nachrichten verdrängt hat! Ich betrachte die Pandemie inzwischen als ein Vorspiel, als eine erste Übung im Umgang mit einem Problem, auf das wir nicht als Kundinnen und Kunden, sondern als Bürgerinnen und Bürger reagieren müssen, nämlich mit Kreativität und Solidarität in gleichem Maße. Ich denke, wir haben bereits so einiges gelernt, aber definitiv noch längst nicht genug, insbesondere mit Blick auf die anstehenden Herausforderungen.

Sie sprachen damals von der Wirkung der Corona-Pandemie als „Katalysator“, und zwar vor allem in digitaler Hinsicht. Handel und Wandel werden sich noch schneller verändern, womöglich nicht immer in einer günstigen Weise. Kurzum: Was gewinnen wir, was geht uns verloren?

Spinnen: Individuelles und gesellschaftliches Leben sind dauernden Veränderungen unterworfen! Das Wesen des Menschen ist sein Drang zur Veränderung. Darüber mag man klagen, aber ändern wird man es nicht. Was man vielleicht hoffen darf, das ist, dass die Veränderungen sich auf eine humane Art und Weise vollziehen, als Reformen, als natürlicher Generationswechsel. Doch schon in den letzten anderthalb Jahrhunderten haben wir mehr Brüche als Metamorphosen erlebt. Das 20. Jahrhundert war eines der allgemeinen Vernichtung. Jetzt hat Corona die Geschwindigkeit noch einmal gesteigert, und der Ukraine-Krieg sowie die globalen ökonomischen Auseinandersetzungen werden das Ihrige tun. Es nutzt nichts, wenn wir um Vergangenes trauern. Unsere ganze Energie muss der Gestaltung der Zukunft gehören.

Wie haben Sie die Corona-Zeit, in der Sie ja nicht oder nur stark eingeschränkt öffentlich lesen und auftreten konnten, für literarische Projekte genutzt?

Spinnen: Natürlich habe ich mehr Zeit gehabt, aber davon ist viel für depressive Verstimmung, gelebte Vereinsamung und nutzlose Ablenkungen draufgegangen. Ach ja, und dann brauchte ich auch noch Zeit dafür, den Kontakt zur gegenwärtigen Kultur zu verlieren und Klagelieder zu singen, die keiner hören wollte. Allenfalls unsere Hunde haben von Corona profitiert, weil ich mehr mit ihnen unterwegs war.

Kommt die Kultur wieder in Tritt? Oder befürchten Sie eine anhaltende Flucht ins Private?

Spinnen: Mag sein, dass Teile der Kultur jetzt als lahmend oder gar stillgestellt erscheinen. Aber es wird niemals „keine Kultur“ geben. Sie verändert sich, und ab einem bestimmten Alter neigt man dazu, die Veränderungen in der eigenen Umgebung als gegen sich persönlich gerichtet wahrzunehmen. Gerade noch war man fünfundzwanzig und hat den Generationswechsel gefordert, schwups ist man sechzig und fürchtet ihn wie den Teufel. Ich warne vor einer Seniorensicht auf die Welt. Über den Rückzug ins Private sollte ich besser schweigen. Schriftstellerinnen und Schriftsteller wie ich haben immer schon Material für diesen Rückzug produziert. Nicht vergessen: Lesen ist zunächst einmal ein unsozialer Akt. Allerdings soll es zu sozialem Agieren anleiten. Wenn Netflix-Serien das auch können, werde ich das respektieren müssen. Allerdings habe ich meine Zweifel. Weil ich über sechzig bin...

Zuletzt stritten sich Literaten im deutschen PEN-Club wie die Kesselflicker und warfen sich hässliche Begriffe an den Kopf. Das muss Denker und Dichter zur Verzweiflung bringen...

Spinnen: Natürlich. Aber da müssen sich auch diejenigen Dichter und Denker an die eigene Stirn fassen, die nicht dafür gesorgt haben, dass ein solcher Eklat vermieden wird. Ich gehöre zu diesen Unterlassungssündern. Immerhin tue ich jetzt Buße. Ich bin der Einladung einer Findungskommission nachgekommen und dann im Oktober ins neue Präsidium des PEN Deutschland gewählt worden. Ich werde mich, so gut mir das möglich ist, dafür einsetzen, dass der oder die PENs baldmöglichst wieder ausschließlich das tun, was ihre Aufgabe ist, nämlich verfolgten Kolleginnen und Kollegen in aller Welt beizustehen. Denn was sind Animositäten und Kränkungen im Vergleich zu Gefängnisaufenthalten? Richtig: Peanuts!

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