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„Der Messias“ feiert nach Corona-Pause wieder Premiere im Pumpenhaus

Am Rand des Nervenzusammenbruchs

Münster

Seit 34 Jahren ist Patrick Barlows unverwüstliches Stück „Der Messias“ beim Transittheater in denkbar besten Händen. Immer noch in Ur­besetzung und mit immer noch den gleichen Requisiten wie Disco-Kugel, Spielzeughäuschen, Lichterschlangen und großformatigen Engelsschwingen. Nach der Corona-Pause ging es jetzt wieder über die Bühne.

Von Wolfgang A. Müller

Pitt Hartmann (vorne), Benedikt Roling und Gabriele von Groote sind ein über Jahre hinweg eingespieltes Team. Foto: Müller

„Wat is’ dat denn, Maria?“ wundert sich der Zimmermann Josef, als er von der Arbeit nach Hause kommt. „Der ganze Kühlschrank voller Kühne-Gürkchen?“ Maria, eine 14-jährige Tempelvorhangstickerin, kennt den Grund. Aber irgendwie dann auch wieder nicht. Es ist ja eigentlich auch eine allzu abstruse Geschichte, diese Schwangerschaft aus heiterem Himmel, verkündet von einem Gefiederten, der einen göttlichen Plan befolgt.

Auch die Protagonisten in Patrick Barlows 1983 uraufgeführter Kult-Satire „Der Messias“ verfolgen einen Plan. Der ist allerdings aus Kostengründen ziemlich löcherig: Theaterdirektor Theo (Pitt Hartmann) kann nur auf seinen tapsigen Schauspieler Bernhard (Benedikt Roling) und die erbaulichen Gesangs-Intermezzi der Operndiva Frau Timm (Ga­briele von Groote) zurückgreifen, um das Epos von Christi Geburt auf die Bühne zu bringen. Das erfordert nicht nur irrwitzige Rollenwechsel, sondern auch die verbale Unterstützung des Publikums, etwa für Szenarien, in denen imaginäre Komparsenmassen in den römisch besetzten Ortschaften der Levante rebellieren.

Seit 34 Jahren ist Barlows unverwüstliches, landauf, landab viel gespieltes Stück beim Transittheater in denkbar besten Händen. Ein Rekord: Immer noch in Ur­besetzung und mit immer noch den gleichen Requisiten wie Disco-Kugel, Spielzeughäuschen, Lichterschlangen und großformatigen Engelsschwingen. Einmal mehr erzählt das Trio mit furiosem Elan in treffsicheren, slapstickartigen Gags eine brüllend komische Version der Weihnachtsgeschichte. Und kündet dabei auch von Menschen, die das Schicksal in eine sie überfordernde Situation gesteckt hat.

Nicht nur im Kulturbetrieb: Knallchargen am Rande des Nervenzusammenbruchs, geplatzte Träume überall. Der schlichte Josef, der früher eigentlich Schiffe bauen wollte („Aber hier inner Wüste ist die Nachfrage gering“), dreht auf der beschwerlichen Reise nach Bethlehem durch. Auch Maria muss ihre Insta-Influencer-Ambitionen knicken. Bernhard entpuppt sich während einer Szenenpause als verhinderter Ballett-Tänzer. Und der so eitle Theo findet schließlich auch keinen Trost mehr in buddhistischen Gesängen oder den Erinnerungen an seine Rolle als romantischer Liebhaber im Kur-Theater Bad Oeynhausen.

Sachte aktualisiert durch zeitgenössische Anspielungen, etwa auf die durch Corona noch einmal verschärfte prekäre Situation von freischaffenden Künstlern, schafft diese Produktion nach wie vor großes Entzücken. Doch so fragt man sich bang: Sollte dieser „Fixstern am Firmament der christlichen Abendunterhaltung“ (wie das unwiderstehliche Trio angekündigt hat) am Ende der Woche tatsächlich erlöschen? Was geschieht an Weihnachten im Jahre 2023 nach Christus? Gottes Spielplan ist unergründlich . . .

Aufführungen vom 19. bis zum 23. 12., 20 Uhr, Pumpenhaus

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