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Die Studioausstellung „Fotografie und Mythologie“ im Picassomuseum

Bäume auf Jacquelines Gesicht

Münster

Vier Freunde stehen derzeit im Mittelpunkt der großen Ausstellung im Kunstmuseum Pablo Picasso. Die Studioausstellung im oberen Bereich zeigt ebenfalls Bilder einer Freundschaft. Einer der Beteiligten: Picasso natürlich.

Von Harald Suerland

Fotokunst oder Scherenschnitt? Es ist beides zugleich. Die Ziege, hier mit einer Bauschutt-Optik, kommt noch in anderen Varianten vor, etwa mit Zäunen und Landschaft (André Villers, Pablo Picasso: La chèvre aux gravois, Diurnes, 1962, Collotypie). Kleines Bild: André Villers, Pablo Picasso, Jacqueline aux arbres, Diurnes, 1962, Collotypie.                       Foto: Privatsammlung

In Vallauris, der südfranzösischen Töpferstadt, lernte Pablo Picasso im Jahr 1953 beim Spazieren einen jungen Mann kennen, der im mediterranen Klima eine Art „Zauberberg“-Existenz wegen seiner Tuberkulose führte. Dieser André Villers wurde später als Porträtfotograf berühmter Künstler bekannt – und verdankt die Karriere dem berühmtesten von allen: Picasso nämlich schenkte ihm seine erste Kamera.

Aber Picasso, der bekanntlich alles aufsog, was ihm künstlerisch ergiebig erschien und der sich schon 1915 selbst fotografisch porträtierte, hatte auch seinen Nutzen von dieser Begegnung. Das Ergebnis lässt sich derzeit in der Studioausstellung im Obergeschoss des Kunstmuseums Pablo Picasso erleben: Es sind die Bilder aus der Mappe „Diurnes“, die erstmals dort ausgestellt werden. Sie stammen aus einer Privatsammlung und werden mit ausgewählten Stücken des Museumsbestands kombiniert.

Einen gewissen „kindlichen Charme“ kann Kurator Alexander Gaude diesen Bildern nicht absprechen. Picasso und Villers arbeiteten Hand in Hand, mit bis zu vier Schichten für manche Blätter, wenn der Maler etwa aus Landschaftsabbildungen des Fotografen Figuren ausschnitt, diese dem Fotografen als Material für neue Mehrfachbelichtungen dienten und Picasso schließlich daraus kuriose Köpfe als Bildmotiv schnitt. Bisweilen arbeitete Picasso auch direkt auf Fotoplatten. Bei einer „Frau mit Pferd“ hingegen mag der Betrachter grübeln, ob die weiße Silhouette darauf aus dem Foto herausgeschnitten wurde – oder auf das Bild darauf gepappt.

Wie auch immer: Am schönsten wirken die beiden kleinen Zyklen mit Picassos berühmter Ziege, auf deren Umriss sich Hauswände oder Landschaften wiederfinden, und seiner letzten Frau Jacqueline, deren Profil Früchte, Bäume oder gar ein Seihtuch ziert – ein Arbeitsmittel aus der Töpferwerkstatt.

Zur Technik des Scherenschnitts, erklärt Alexander Gaude, ließ sich Picasso von Henri Matisse inspirieren, dessen „Jazz“-Zyklus als Bestandteil der gegenwärtigen großen Ausstellung über „Die Wilden“ im selben Stockwerk zu sehen ist. Picassos Zusammenarbeit mit dem jungen Fotografen indes macht die „Diurnes“-Bilder so besonders. Der Titel lässt sich als „am Tage“ oder „Tagfalter“ übersetzen und verweist auf die mythologischen Figuren, die in diesen Werken wesen. In seinem poetischen Text zu der Mappe schreibt der Dichter Jacques Prévert: „Der Fotograf heißt André Villers. Er hat die Kulissen geschaffen, in denen die aufgehende Sonne sich über dem Golfe Juan räkelt, über Vallauris und la Californie wandert … Der Choreograf heißt Pablo Picasso, der Musiker auch. Er hat die Figuren geschaffen, mit Licht und Schere, wie anderswo mit Stiften, Pinseln und seinen Meisterhänden, seinen Meisterwerkshänden, seinen gewöhnlichen Werkzeugen.“ Prévert akzentuierte auch den Humor der Bilder: „Sie heißen Hic und Nunc oder Urbi und Torbi, sie sind da, weil es ihnen gefällt, sie sind allergisch gegen Verzweiflung und Melancholie.“

Picasso – Fotografie und Mythologie. Bis zum 16. Januar dienstags bis sonntags und an Feiertagen: 10 bis 18 Uhr

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