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Missbrauchsgutachten

Bischöfe im Bistum Münster versetzten und vertuschten

Münster

Die fünfköpfige Historikerkommission hat im Verlauf ihrer Forschungen die Personalakten des Bistums von 1945 bis zur Gegenwart gesichtet und 60 Interviews mit Betroffenen geführt. Thomas Großbölting zählt dabei einige systemische Ursachen für Missbrauch in der katholischen Kirche auf. Eine Analyse.

Von Johannes Loy und Ralf Repöhler

Stellvertretend für die Betroffeneninitiativen nahmen Sara Wiese und Bernd Theilmann (links im Bild) das Gutachten entgegen. Seit 2019 hatte die Expertenkommission mit den Professoren Thomas Großbölting und Klaus Große Kracht sowie David Rüschenschmidt, Natalie Powroznik und Bernhard Frings (v.r.) daran gearbeitet. Foto: Oliver Werner/Ralf Repöhler

Eine sichtbare Konsequenz hatte das historische Gutachten zu Fällen sexualisierter Gewalt bereits am Montag: Die Grablege der münsterschen Bischöfe im Paulusdom ist geschlossen. Sie soll erst wieder geöffnet werden, wenn die Rolle der Bischöfe im Kontext sexualisierter Gewalt in einem Begleittext eingeordnet wird. Weitere Konsequenzen will der Bischof von Münster, Felix Genn, am Freitag verkünden. Bis dahin will er das Gutachten sorgfältig studieren. Es steht seit Längerem im Raum, neue Wege unabhängiger Verwaltungsgerichtsbarkeit und syn­odaler Gewaltenteilung zu beschreiten.

Das Bistum Münster, das einer Forschergruppe unter den Professoren Thomas Großbölting und Klaus Große Kracht 1,3 Millionen Euro für das 2019 in Auftrag gegebene Gutachten bereitgestellt hatte, kam als Auftraggeber noch vergleichsweise gut weg. Weil es sich, wie Großbölting versicherte, zu keiner Zeit eingemischt und freien Zugang zu allen Personalakten gewährt habe. „Konstruktiv“, nannte der Historiker das, bedankte sich dann aber vor allem bei 60 Betroffenen, die in Interviews Einblicke in ihr durch Missbrauch überschattetes Lebensschicksal gewährt hatten.

Geschlossene Grablege der Bischöfe im Dom nach Publikation des Missbrauchsgutachten am 13. Juni 2022 Foto: Ralf Repöhler

„Schuldgefühle, Depressionen, Suizidgedanken und Selbsttötungsversuche“ kamen in diesen Interviews als bedrückende biografische Aspekte zur Sprache.

Flächendeckendes System

Um so finsterer erscheint das, was die Forscher flächendeckend über das Bistum Münster herausfanden: Von Bischof Michael Keller über Joseph Höffner und Heinrich Tenhumberg bis zu Reinhard Lettmann: Alle diese Oberhirten und ihre Personalverantwortlichen kannten Täter, versetzten sie oder schützten sie. Auch die Namen der Weihbischöfe Max Georg von Twickel und Josef Voß als Vertuscher und Mitwisser fielen gestern. Stefan Zekorn wurde vorgehalten, noch 2015 mit einem mutmaßlichen Täter bei einer Firmung konzelebriert zu haben.

Der frühere münstersche Weihbischof und jetzige Ruhrbischof Franz-Overbeck wurde mit dem Vorwurf konfrontiert, als Diözesanadministrator nach der Emeritierung Reinhard Lettmanns einen Missbrauchsfall nicht der Bistumskommission gemeldet zu haben. Therapeuten und Mediziner, in den 70er und 80er Jahren dicht ins kirchliche Geflecht eingebunden, erkannten die Dramatik des Missbrauchs offenbar nicht oder ließen Täter nach einer Auszeit wieder zum pastoralen Dienst zu.

Mit verheerenden Folgen, wie der Fall des längst verstorbenen Serientäters Heinz Pottbäcker zeigte. Martin Schmitz aus Rhede, der auch als Sprecher einer Selbsthilfegruppe wirkt, hatte seinerzeit den Satz „Betroffene wurden zu Opfern, weil sie katholisch waren!“ geprägt.

Bischof Felix Genn gab vor den Medienvertretern ein kurzes Statement ab.. Foto: Oliver Werner

Spezifische Merkmale in der Kirche

Diese Deutung griff Thomas Großbölting noch einmal auf, um systemische Ursachen für sexualisierte Gewalt im Raum der Kirche herauszuschälen. Zwar könne er nicht rundheraus behaupten, dass Kirche ein „Hotspot“ für Missbrauch sei, so Großbölting, aber es gebe „qualitativ spezifische katholische Merkmale“. Die Liebe junger Menschen zu Gott und zur Kirche sei durch Priester schamlos ausgenutzt worden, um sich Kindern sexuell zu nähern. Hinzu kam eine „Bigotterie der katholischen Sexualmoral“, so Großbölting. Den Verantwortlichen an der Kirchenspitze sei es darum gegangen, „den Zölibatsbruch zu heilen“. Kinder und Jugendliche als Geschädigte seien im Denken dieser moraltheologisch doch eigentlich hochgebildeten Kirchenleute nicht vorgekommen. Dass ganze Gemeinden „wegschauten“, nannte Großbölting eine „Klerikalisierung der Basis“.

Bischof Felix Genn zeigte sich betroffen. Er dankte den Forschern für ihre Arbeit und sagte: „Ich übernehme selbstverständlich die Verantwortung für die Fehler, die ich selbst im Umgang mit sexuellem Missbrauch gemacht habe. Ich war und bin Teil des kirchlichen Systems, das sexuellen Missbrauch möglich gemacht hat.“ Am Freitag (17. Juni) äußerte sich Bischof Genn bei einer Pressekonferenz ausführlicher zu dem Ergebnis der Missbrauchsstudie.

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