1. www.muensterschezeitung.de
  2. >
  3. Lokales
  4. >
  5. Muenster
  6. >
  7. "Eingeschlossene Gesellschaft" im Borchert-Theater: Im Lehrerzimmer knallt es gewaltig

  8. >

Uraufführung im Borchert-Theater Münster

Im Lehrerzimmer knallt es gewaltig

Münster

Der Kosmos Schule erweist sich immer wieder als dankbare Plattform für Bühne und Film. Jetzt feierte Jan Weilers Stück „Eingeschlossene Gesellschaft“ am Borchert-Theater Premiere und Uraufführung. Ein rundum vergnüglicher Abend mit Wortwitz und Tempo!

Vater Prohaska (Gregor Eckert) dreht durch und verlangt mit Faustfeuerwaffe die Zulassung seines Sohnes zum Abitur: Lateinpauker Engelhardt (Meinhard Zanger) zeigt sich ungerührt, während Chemielehrer Vogel (Florian Bender) Deckung sucht. Foto: Lefebvre/Weidner

Die Schule ist ein Kosmos besonderer Qualität. Nicht nur in Erinnerung an den Klassiker der „Feuerzangenbowle“ von Heinrich Spoerl lachen wir über renitente Schüler und kauzige Lehrer. Wir alle kauen zudem an eigenen Erinnerungen an die „Penne“, die sich später immer mehr ins Nostalgische verlieren. Jan Weiler, gelernter Journalist und freier Schriftsteller, hat sich mit Wortwitz eine Versuchsanordnung für das Spiel seiner Schulfiguren ausgedacht.

Während bei „Frau Müller muss weg“ aus der Feder von Lutz Hübner und Sarah Nemitz noch eine bedrohliche Helikopter-Elterntruppe auf eine arme Grundschullehrerin losging, dreht Weiler in dem Stück „Eingeschlossene Gesellschaft“ die Konstellation um. Ein ausrastender Vater bedroht die Pädagogenschar im Lehrerzimmer. Am Donnerstagabend feierte das Stück in der zupackenden Regie von Tanja Weidner im Borchert-Theater Premiere und Uraufführung. Um es kurz zu sagen: Das Stück, ursprünglich Hörspiel und 2022 von Sönke Wortmann ins Kino gebracht, ist auf der Bühne ein echter Brüller und dürfte das Theater an Münsters Hafen durch mehrere Spielzeiten begleiten.

Mit einer Faustfeuerwaffe in der Hand

Das Lehrerzimmer mit seinen Schränken und Fächern – täuschend echt auf eine Leinwand gebracht – sowie die Ausstattung, die Annette Wolf passgenau und typengerecht von der Sandale über das Lodenjankerl bis zur Frühstücksdose mit Möhrchen und Äpfelchen ersonnen hat, löst schon in den ersten Minuten diese wohlige schulische Beklemmung aus, die bei manchen Theatergästen wohl schon Jahrzehnte zurückliegt. Jan Weiler präsentiert uns hier eine sechsköpfige Pädagogenschar, die sich der Bedrohung durch den ausgerasteten Vater Prohaska (dynamisch: Gregor Eckert) ausgesetzt sieht. Mit einer Faustfeuerwaffe in der Hand fordert dieser das Kollegium auf, dem Sohn Fabian ein einziges Pünktchen mehr gutzuschreiben und damit die Zulassung zum Abitur zu gewährleisten.

Vater Prohaska (Gregor Eckert) hat sich Personalakten der Lehrerschaft gesichert. Foto: Weidner

Was als Satire-Plot natürlich weit hergeholt und in Teilen der Handlung unlogisch erscheint, liefert allerdings eine herrliche Matrix für knallige Typen im Erziehungssystem Schule, das nicht selten mit dem System Familie kollidiert. Im Zen­trum steht dabei der Lateiner Klaus Engelhardt, dem ein furios aufspielender Meinhard Zanger das knarzige Profil des unbelehrbaren Altphilologen und pädagogischen Scharfrichters verleiht. Ihm zur Seite steht kongenial die altfränkische Französischlehrerin Heidi Lohmann (köstlich: Ivana Langmajer), die Schubertlieder singt, „Minderleister“ verhöhnt und nicht einsehen mag, warum man sich mehr als nötig mit dem „genetischen Gemüse“ des „Prekariats“ abgeben soll.

Beste Unterhaltung

Es fehlt nicht an Gegenstücken: Alessandro Scheuerer gibt passend den Sportlehrer-Schlaffi Mertens, der nachmittags noch einen Zweitjob im Laden seiner Frau hat, Rosana Cleve die noch leicht naive Referendarin, Florian Bender mit Sonderapplaus den verklemmten und im Kollegium verkannten Chemiepauker, in dessen Labor noch eine Versuchsanordnung brodelt – was der Geiselnahme im Lehrerzimmer zusätzlich die Bedrohung durch eine Zeitbombe verleiht. Jürgen Lorenzen steht als Vertrauenslehrer und säuselnder Problemversteher in der Mitte der wechselnden Fronten.

Im Lehrerzimmer herrschen Stress und Ratlosigkeit: Szene mit Alessandro Scheuerer, Ivana Langmajer, Florian Bender, Meinhard Zanger, Jürgen Lorenzen und Rosana Cleve (von links). Foto: Lefebvre

Während Teil eins des kurzweiligen Stücks die Lehrerschaft in der Bedrohungssituation nach Auswegen aus der Lage suchen und der Stress die tiefsitzenden gegenseitigen Vorurteile hochkochen lässt, birgt Teil zwei eine Art Tribunal. Denn Vater Prohaska, der die Polizei findig ausgeschaltet und zwischenzeitlich die Personalakten des Kollegiums entdeckt hat, hält der Pädagogenschar gnadenlos eigene Verfehlungen vor. Das alles geht temporeich und mit Lachsalven des Publikums über die Bühne und steuert punktgenau auf immer neue Krisenspitzen zu, nimmt dann aber im letzten Moment doch eine überraschende Wendung.

Alles in allem ist das beste Unterhaltung, für die das große Ensemble des Borchert-Theaters bei der Premiere langanhaltenden Beifall bekam. Vielleicht lädt die theatralische Schul-Chose ja auch mal wieder dazu ein, über den je eigenen Standort im komplizierten Geflecht von Eltern, Lehrern und Schülern neu und mit gebotener Selbstdistanz nachzudenken.

Startseite
ANZEIGE