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Marie und Jean-Claude Séférian in der Friedenskapelle

Chansons zwischen Liebe und Weltschmerz

Münster

Marie und Jean-Claude Séférian präsentierten in der Friedenskapelle in Münster ihr Programm „Invitation au voyage“. Das Publikum zog mit ihnen musikalisch durch ferne Länder. Und natürlich durch Gefühlswelten zwischen Liebe und Weltschmerz.

Von Günter Moseler

Marie und Jean-Claude Séférian mit ihrem Musik-Ensemble in der Friedenskapelle in Münster Foto: Moseler

Als Staatslenker ein Desaster, als Kunstmäzen ein Genie: Der „Sonnenkönig“ Ludwig XIV. (1638-1715) manövrierte Frankreich in den Bankrott, die Künste jedoch in die Unsterblichkeit. In Versailles förderte er auch die Oper – deren Eleganz, Vitalität und Melancholie noch im Chanson des 20. Jahrhunderts nachklingen. Daran dachte man, als in der Friedenskapelle Marie und Jean-Claude Séférian mit ihrem Programm „Invitation au voyage“ durch ferne Länder zogen, von Christiane Rieger-Séférian am Flügel souverän über kontinentale Routen gesteuert.

Das französische Chanson flaniert im lässigen Mezzoforte und mit salopper Rhythmik durch die Welt. Chic, Charme und „L’Amour“ wurden in Szene gesetzt, als Séférians samtener, resonanzreicher Bariton mit virtuosem Parlando die Fernweh-Zeilen in Charles Aznavours „Emmenez-moi“ überflog, ohne eine Silbe zu verfehlen. Marcel Krömkers Kontrabass, Julia Czernlawskas Violine und Javier Reyes‘ Schlagzeug flankierten beflügelt, als sei diese oft mit Tonnenlasten der Seele balancierende Musik geradezu schwerelos.

Das Publikum durchquerte Länder wie auf Stichprobe: Brasilien, Mexiko, Kolumbien, den Libanon – und zwischendurch retour zur Basis: Paris. Die Abwehr des Weltschmerzes blieb gerade in den Vater-Tochter-Duetten als unersetzlicher Triumph des Lebens hörbar - auch für den Stier im blutigen Gemetzel der Arena in Francis Cabrels „La Corrida“ – ein nervöses Tremolo durchzitterte da die Geige.

In den „Beziehungskrisen“-Chansons synchronisierten Jean-Claude und Marie Sèfèrian ein um Liebe ringendes Paar. Gesangslinien wirkten wie Signale aus dem All auf der Suche nach einer neuen Sprache. Cole Porters Melancholie in „I love Paris“ oder das herbstliche Pathos in Joseph Kosmas „Les feuilles mortes“ erinnerten an goldene Ahnenrezepte für eine U-Musik als Kunstform. „La vie en rose“ von Edith Piaf erwies sich als finaler Triumph wahrhaftigen Singens: Sich das Leben rosarot denken noch im Einsturz der Welt. Eine Welteroberung, von der Ludwig XIV. nur träumen konnte – und die den Séférians mühelos gelang: Überall ist Chanson.

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