Interview zu Sport und Bewegung in der Pandemie

Corona-Wellen ermatten Kinder und Jugendliche

Münster

Die Corona-Pandemie hat dem Sport schwer zugesetzt – vor allem, weil viele Bewegungsangebote und Möglichkeiten für Kinder und Jugendliche im Lockdown weggebrochen waren. Prof. Dr. Nils Neuber, Experte für Kinder- und Jugendsport an der Uni Münster, hat Ideen, wie es jetzt weitergehen kann.

Karin Völker

Prof. Nils Neuber ist Experte für Kinder- und Jugendsport. Er selbst hält sich in der Pandemie mit Fahrradfahren fit. Foto: Andrea Bowinkelmann

Über Monate gab es nur Notbetreuung in Schule und Kita. Das bedeutet auch: Kein oder nur eingeschränkter Sportunterricht, kein Vereinssport für Kinder und Jugendliche. Prof. Dr. Nils Neuber vom Institut für Sportwissenschaft der Universität Münster ist Experte für Kinder und Jugendsport und Sprecher des Forschungsverbundes Kinder- und Jugendsport NRW. Unsere Redakteurin Karin Völker fragte Neuber nach seiner Einschätzung zum Kinder- und Jugendsport in der Corona-Pandemie und den Folgen der bewegungsarmen Zeit.

Viele Experten schlagen mit Blick auf die Folgen der Pandemie für Bewegungsgewohnheiten und Gesundheit der heranwachsenden Generation Alarm. Ist die Situation wirklich so ernst?

Neuber: Wir haben dazu gute Daten aus der ersten Corona-Welle. Danach kann man sagen, dass viele Kinder im Lockdown vor einem Jahr Ventile gefunden haben, um ihren Bewegungsdrang auszuleben. Sportliche Aktivitäten sind zwar deutlich zurückgegangen, aber die Alltagsbewegung hat teilweise sogar zugenommen. Familien haben zusammen Radtouren unternommen oder im Garten Federball gespielt.

Aber nicht alle Kinder wachsen im Einfamilienhaus mit Garten auf, nicht alle haben Eltern, die mit ihnen draußen spielen.

Neuber: Bei Kindern aus sozial benachteiligten Familien haben wir schon in der ersten Welle deutlich die negativen Folgen des Lockdowns für Bewegung und Sport festgestellt. Und auch Jugendliche haben schon letztes Jahr sehr darunter gelitten, nicht mit ihren Freunden Sport treiben zu können. Für die zweite Welle stellt sich die Situation zudem ganz anders dar.

Inwiefern?

Neuber: Wir sehen in Studien, dass die Bildschirmzeit seit dem vergangenen Herbst bei Kindern und Jugendlichen deutlich zugenommen hat. Das liegt sicher auch an der Jahreszeit, die nicht dazu einlud, nach draußen zu gehen, aber auch an der allgemeinen Ermattung, die viele in der Pandemie mittlerweile ergreift. Eine Studie des Karlsruher Instituts fürTechnologie zum motorischen Verhalten von Kindern und Jugendlichen sieht jetzt dramatische Defizite im Bewegungsverhalten Heranwachsender in der zweiten Welle.

Wie viel Bewegung braucht denn zum Beispiel ein zehnjähriges Kind, um sich gesund zu entwickeln?

Neuber: Eine Stunde Bewegungsaktivität pro Tag wäre gut. Hinzu kommen intensivere sportliche Bewegungen mehrmals pro Woche. Aber auf diese Zeit kamen auch vor Corona längst nicht alle Kinder.

Weil die Kinder und Jugendlichen heutzutage sowieso immer länger vor den Bildschirmen sitzen?

Neuber: Das hört man häufig. Tatsächlich ergeben die Untersuchungen keinen direkten Zusammenhang zwischen der Zeit, die die Kinder vor Bildschirmen verbringen, und dem Bewegungsmangel. Es gibt viele Kinder und Jugendliche, die sich intensiv mit ihrem Smartphone oder Computer beschäftigen und trotzdem viel Sport treiben. Ein Zusammenhang zeigt sich aber in Wohngebieten mit vielen sozial benachteiligten Familien.

Apropos Bildschirm: Viele Sportlehrer haben im Lockdown digital unterrichtet, auch die Vereine machen solche Angebote. Ist das ein guter Ersatz?

Neuber: Ich bin froh, dass es diese digitalen Angebote gibt. Das ist zumindest für viele, übrigens nicht nur für Kinder, überhaupt erst einmal ein Anlass, sich zu bewegen. Und es steckt in den Programmen sehr viel Herzblut. Allerdings sind die Angebote oft ziemlich einseitig. Es geht, simpel gesagt, meist um Vormachen und Nachmachen. Hinzu kommt: Die Körperbilder, die vor allem von kommerziellen Angeboten transportiert werden, setzen viele Jugendliche unter Druck.

Wieso denn das? In der Regel turnt man doch ganz allein vor den Bildschirm.

Neuber: Das stimmt. Aber das Ideal vom schlanken, fitten, gut aussehenden Körper ist trotzdem sehr präsent. Viele junge Menschen investieren viel Energie in ihr körperliches Aussehen, sei es durch hartes Training, sei es durch Diäten. Man spricht ja nicht umsonst von der „Generation Workout“. Für Viele ist der Sport ein Vehikel zur Selbstoptimierung. Das zeigt sich auch im Trend, allein in Fitnessstudios zu trainieren. Dabei treten die wichtigen sozialen Seiten des Sports oft in den Hintergrund.

Was müsste denn getan werden, damit der Sport in der Gesellschaft wieder ans Laufen kommt?

Neuber: Ich würde die Frage andersherum stellen: Was kann der Sport dazu beitragen, um die Gesellschaft wieder ans Laufen zu bringen? Ich meine: Sehr viel. Sport führt nicht nur zu körperlicher Fitness und Gesundheit. Sport bedeutet auch soziale Interaktion, ist ein Lernfeld für Teamfähigkeit, im weiteren Sinne auch für die Demokratie. In einem Mannschaftssport etwa lerne ich, mich mit anderen Meinungen auseinanderzusetzen. Insgesamt tragen sportliche Aktivitäten zu einem gesunden Aufwachsen mit Gleichaltrigen bei – und machen auch noch Spaß.

Reicht der normale Sportunterricht, um Kinder genügend zu motivieren?

Neuber: In NRW sieht der Lehrplan drei Stunden Sport pro Woche vor. Das ist schon mehr als in anderen Bundesländern – es gibt aber viel zu wenige ausgebildete Fachlehrer, vor allem an Grundschulen. Über den Sportunterricht hinaus sollte Bewegung im gesamten Schulalltag zu finden sein: Bewegte Pausen, bewegte Schulfeste, bewegte Klassenfahrten. Und nicht zuletzt auch Bewegungspausen im Klassenunterricht. Gezielte Bewegungsaktivitäten fördern Konzentrationsfähigkeit und schulisches Lernen.

Gilt beim Sport die Spruchweisheit: Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr?

Neuber: Es stimmt schon, dass die Grundlagen für Verhaltensmuster in der Kindheit gelegt werden. Bewegungsmangel in der Jugend kann zu gesundheitlichen Problemen im Erwachsenenalter führen. Ich neige aber nicht zum Alarmismus, es gibt auch positive Befunde. Etwa, dass 82 Prozent der sechs- bis zwölfjährigen Jungen heute Mitglied in einem Sportverein sind. Nach Corona muss es aber Investitionen in den Kinder- und Jugendsport geben. Sowohl in Schule und Sportverein, vor allem aber auch in niedrigschwellige Angebote für sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche: Sport- und Spielfeste im Stadtteil etwa oder die Öffnung von Turnhallen am Wochenende für informelle Sportaktivitäten.

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