Sexueller Missbrauch von Kindern

"Das ist nur die Spitze des Eisbergs"

Münster

Hausdurchsuchungen in mehreren Bundesländern und ein bislang dreiwöchiges Ermittlungsverfahren haben einen umfassenden Fall von Kindesmissbrauch aufgedeckt, dessen Hauptverdächtiger aus Münster kommt. Am Sonntag wurden neue Details bekannt - unter anderem über die Mutter des Hauptverdächtigen.

Ralf Repöhler

Zwei Polizeiautos stehen in der Einfahrt zu einer Kleingartenkolonie. Eine Laube in der Kolonie ist einer der Tatorte des vermutlichen Haupttäters in einem Missbrauchsfall. Foto: dpa

Dieser Missbrauch sprengt jede Vorstellungskraft: Münsters Polizeipräsident Rainer Furth befürchtet, dass die couragierte Ermittlungsarbeit nur die „Spitze des Eisbergs“ zutage gefördert hat. Doch die Widerlichkeit der entdeckten kinderpornografischen Filmsequenzen reiche aus, dass selbst erfahrenste Kriminalbeamte an die „Grenzen des menschlich Erträglichen und weit darüber hinaus“ gestoßen werden.

Die Polizei Münster hat im Rahmen eines bislang nur dreieinhalbwöchigen Ermittlungsverfahrens mit Hausdurchsuchungen in vier Bundesländern insgesamt elf Personen wegen des Vorwurfs des schweren sexuellen Missbrauchs von Kindern festgenommen. Zwei sind wieder frei, sieben Beschuldigte sitzen in Untersuchungshaft, darunter ein 27-jährige Münsteraner und seine 45-jährige Mutter. Den Verdächtigen drohen zum Teil langjährige Haftstrafen.

Mutter des Hauptbeschuldigten ist Erzieherin

Der Mann aus Münster-Kinderhaus ist für Staatsanwalt und Polizei der Hauptbeschuldigte der abscheulichen Verbrechen. Ihm werden zunächst 15 Taten zur Last gelegt, die in einem Zeitraum von November 2018 bis Mai 2020 stattgefunden haben sollen. Der Münsteraner soll die Taten über Jahre zum Teil per Video und auf Fotos dokumentiert und über das Darknet verbreitet haben. Die Mutter, die bis zu ihrer Festnahme als Erzieherin in einer Kindertagesstätte gearbeitet hat, soll ihre Gartenlaube zur Verfügung gestellt haben – „in dem Wissen, was dort passiert“, so Staatsanwalt Botzenhardt.

Neben dem 27-jährigen Münsteraner und seiner Mutter sitzen fünf weitere Männer aus mehreren Bundesländern wegen des Vorwurfs des schweren sexuellen Missbrauchs in Haft: ein 30-Jähriger aus Staufenberg, ein 35-Jähriger aus Hannover, ein 42-Jähriger aus Schorfheide, ein 43-Jähriger aus Kassel und ein 41-Jähriger aus Köln. Er ist der einzige Beschuldigte, der wenige Aussagen gemacht hat. Die anderen schweigen. Gegen zwei weitere Personen wird konkret ermittelt. „Drei Opfer im Alter von fünf, zehn und zwölf Jahren sind bislang identifiziert.“

NRW-Innenminister Herbert Reul zeigte sich erschüttert. „Dieser Fall zeigt erneut, wie widerwärtig menschliche Abgründe sein können“. Münsters Oberbürgermeister Markus Lewe reagierte ebenfalls bestürzt. „Ich bin erschrocken, dass unsere Stadt Schauplatz solch schrecklicher Taten war.“ Familienministerin Franziska Giffey sagte: „Das sind abscheuliche Taten, bei denen niemand ermessen kann, welch furchtbares Leid diese Kinder erfahren haben.“

Kommentar: Abscheulich

Wie abscheulich! Selbst hartgesottene Polizisten kommen an ihre Grenzen, wenn sie sich die gefilmten menschlichen Abgründe anschauen müssen. Die von Münster ausgegangenen Missbrauchsfälle entsetzen die Republik.

Die sieben Haftbefehle sind laut Polizei nur die Spitze des Eisbergs. Insgesamt gab es elf Festnahmen, gegen zwei weitere Verdächtige wird ermittelt. Für Polizei und Staatsanwaltschaft ist es eine Herkulesaufgabe, den Missbrauchssumpf trockenzulegen. Die perfiden Täter haben ihre abscheulichen Verbrechen passwortgeschützt. Sie haben brutal vergewaltigt. Und das haben sie gefilmt, gespeichert und professionell verschlüsselt. Kommuniziert und verbreitet wird über das Darknet.

Zwei der Beschuldigten sind IT-Experten. Die Missbrauchsfälle von Münster zeigen, wie skrupellos und widerlich die Cyber-Kriminalität ist. Die Polizei benötigt Personal, Technik, Wissen und vor allem Zeit, um den gewissenlosen Tätern im weltweiten Netz auf die gut verdeckte Spur zu kommen. Diesmal musste eine unbekannte IP-Adresse entschlüsselt werden, um das unvorstellbare Leid dieser drei kleinen Jungen zu beenden. (Von Ralf Repöhler)

Gartenlaube als Ort des Grauens

Die Mutter des Hauptbeschuldigten, eine 45-jährige Erzieherin einer Kindertagesstätte, hatte ihrem Sohn den Schlüssel zur Gartenlaube in Münster-Kinderhaus gegeben und so den Missbrauch laut Staatsanwaltschaft in Kauf genommen. Die Ermittler entdeckten dort Mitte Mai – in einer Zwischendecke versteckt – eine von dem 27-jährigen Beschuldigten gelöschte Festplatte.

Die Gartenlaube in Kinderhaus Foto: Polizei Münster

Experten der Polizei gelang es in mühsamer Arbeit, diese Daten wieder herzustellen. So wurde ein Filmsequenzen wieder sichtbar, in dem der Münsteraner und drei weitere Beschuldigte zwei fünf- und zehnjährige Jungen schwer missbrauchen. „Sie können es sich nicht vorstellen. Vier Männer vergehen sich über Stunden an zwei Jungen“, zeigt sich der Leiter der polizeilichen Ermittlungen, Joachim Poll, erschüttert. Die Männer wurden nur wenige Stunden, nachdem die Polizei das Video wieder sichtbar gemacht hatte, festgenommen.

Bislang schweigen die Verdächtigen

Da die mutmaßlichen Täter schweigen, sind elektronische Dateien die einzigen Beweismittel. Elf Festnahmen und sieben Haftbefehle gibt es bislang bei den Missbrauchsfällen von Münster. Vieles weiß man noch nicht, aber nach bisherigem Stand der Ermittlungen sind vier der verhafteten Männer dringend verdächtigt, zwei minderjährige Kinder im Alter von fünf und zehn Jahren schwer sexuell missbraucht zu haben.

Der Zehnjährige ist der Sohn der Lebensgefährtin des 27-jährigen Hauptbeschuldigten aus Münster, gegen die die Polizei ebenfalls ermittelt. Der Fünfjährige ist der Sohn eines Mannes aus Staufenberg, der ebenfalls in Haft ist. Zwei weitere Beschuldigte stehen im Verdacht, zumindest an einem der Kinder schwere sexuelle Handlungen vorgenommen zu haben. Auch ein zwölfjähriger Junge, der Neffe des Beschuldigten aus Kassel, soll mindestens von seinem Onkel missbraucht worden sein. Die Kinder sind nach Angaben der Polizei inzwischen in der Obhut der städtischen Jugendämter.

Hauptbeschuldigter ist zweimal vorbestraft

27 Jahre, aus Münster-Kinderhaus, Computerexperte, IT-Techniker auf einem landwirtschaftlichen Betrieb im Kreis Coesfeld, in einer Beziehung mit einer Frau, deren zehnjähriger Sohn laut Polizei und Staatsanwaltschaft das Opfer der meisten Missbrauchshandlungen gewesen sein soll: Der Hauptbeschuldigte im Missbrauchsfall von Münster ist für die Justiz kein Unbekannter. „Der 27-jährige Münsteraner ist vorbestraft, nicht aber wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern“, sagt Staatsanwalt Martin Botzenhardt.

Das Jugendschöffengericht Münster verurteilte den heute 27-jährigen Beschuldigten im Jahr 2016 wegen des öffentlichen Zugänglichmachens und des Besitzes kinderpornografischer Schriften zu einer Jugendstrafe von zwei Jahren auf Bewährung. Damals war ihm aufgegeben worden, eine Therapie für die offensichtlich bestehenden pädophilen Neigungen fortzusetzen.

„Dieser Auflage kam er nach. Der Bewährungshelfer hatte dem Beschuldigten eine vertrauensvolle Zusammenarbeit attestiert“, sagt Chefermittler Joachim Poll. Das Schöffengericht verurteilte den Mann ein Jahr später, 2017, ein zweites Mal wegen öffentlichen Zugänglichmachens kinderpornografischer Schriften zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren, deren Vollstreckung erneut auf Bewährung ausgesetzt wurde. Die dieser Verurteilung zugrundeliegenden Taten hatte der 27-Jährige nicht während der ersten Bewährungszeit begangen, sondern vor der ersten Verurteilung. Wieder sollte er sich in Therapie begeben, wieder kam er der Auflage nach. Nun droht ihm eine Haftstrafe von über zehn Jahren.

Eine IP-Adresse führte zu den Taten

Wie sind die Fahnder auf die Spur des 27-jährigen Münsteraners gekommen? Ausgangspunkt war ein Ermittlungsverfahren gegen Unbekannt aus dem Jahr 2018. Eine unbekannte Person hatte damals über das Internet Dateien mit kinderpornografischem Inhalt angeboten.

Die Fahnder konnten im April 2019 über viele Umwege eine IP-Adresse ermitteln, die Spur führte schließlich zu einem landwirtschaftlichen Betrieb im Kreis Coesfeld. Der Beschuldigte war dort als IT-Techniker für die Steuerung der Biogasanlage tätig. Bei der Wohnungsdurchsuchung in Münster stellte die Polizei umfangreiche Mengen an Datenträgern sicher, die alle mit einer professionellen Verschlüsselungstechnik gesichert sind.

Die Ermittler haben bei den Durchsuchungen einen ganzen Serverraum gefunden. Foto: Polizei Münster

Mehr als 500 Terabyte

Im Kellerraum entdeckten die Beamten einen komplett eingerichteten und klimatisierten Serverraum mit mehreren hundert IT-Asservaten und einem Speichervolumen von mehr als 500 Terabyte. „Die gesamte Infrastruktur ist professionell passwortgeschützt“, sagt der Leiter der Ermittlungen, Joachim Poll.

Mitte Mai gelang es nach zahlreichen Entschlüsselungsversuchen, einen der Laptops zu dechiffrieren. Auf der Festplatte fanden sich zahlreiche Dateien, in denen zu sehen ist, wie der zehnjährige Junge im häuslichen Umfeld des Beschuldigten missbraucht wird. Zwei Tage später wurde der Mann festgenommen. Der Junge kam in die Obhut des Jugendamtes der Stadt Münster.

Hinweis: Wer selbst Opfer von sexuellem Missbrauch geworden ist oder jemanden kennt, der Hilfe braucht, kann sich an das Hilfetelefon sexueller Missbrauch wenden: 0800 22 555 30 (kostenlos und anonym). Dabei handelt es sich um eine Anlaufstelle für Menschen, die Entlastung, Beratung und Unterstützung suchen, die sich um ein Kind sorgen, die einen Verdacht oder ein „komisches Gefühl“ haben, die unsicher sind und Fragen zum Thema stellen möchten.

Du bist ein Kind und dich bedrückt etwas? Wenn du niemanden findest, der oder die dir helfen könnte, oder wenn es dir lieber ist, mit einer Person zu sprechen, die du nicht so gut kennst: Dann rufe an bei der „Nummer gegen Kummer“: 116111 (kostenlos und anonym). Wenn du lieber schreibst als redest: Per Mail oder Chat findest du dort jemanden, der sich um deine Probleme kümmert.

In Münster bietet zudem die Beratungsstelle Zartbitter (0251-4140555) Hilfe für Jugendliche ab 14 Jahren an. Zudem werden dort Angehörige und Bezugspersonen von Betroffenen sowie Fachkräfte beraten. Jüngere Kinder können beim Kinderschutzbund anrufen (0251-47180).

Doch auch jeder andere kann etwas tun! Mit der Kampagne „Missbrauch verhindern!“ stärkt die Polizei Erwachsene, damit sie Kinder schützen können. In fünf Schritten - Wissen, Offenheit, Aufmerksamkeit, Vertrauen, Handeln - bekommt man das Rüstzeug, um Anzeichen für Missbrauch zu erkennen und die richtigen Konsequenzen daraus zu ziehen.

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