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Das Leben als Jam-Session

Rieselfelder Kulturtage zum Leitthema „Beat“ eröffnet

Münster

„Beat“ - klingt brutal und kann doch Lyrik sein. In den Rieselfeldern wird an diesem Wochenende schräge Literatur von anno dazumal präsentiert.

Carsten Bender (l.) und Prof. Norbert Nowotsch eröffneten die Rieselfelder Kulturtage mit „riskanter Literatur“. Foto: Günter Moseler

„Zupf mein Blümchen / tupf mein Kelch / fummel mein brägen / nach der Kokosmilch.“ Leise rieselt der Beat selbst in den Rieselfeldern nicht: Explosivlaute dieses „Beat“-Dada-Poems knallten und pfiffen, schossen Verse, Wörter und Reime wie Feuerwerkskörper übers Gelände, während Metapher-Signale sanft bis handfest Erotisches erahnen ließen. Beim Eröffnungsvortrag der diesjährigen Rieselfelder Kulturtage zum Leitthema „Beat“ des Medienwissenschaftlers Norbert Nowotsch rieselten höchstens die Rieselfelder – ansonsten gab es Alkohol, Sex & Drugs, „ein Leben jenseits von Massenspuren“ (Nowotsch), literarische Provokationen dafür umso mehr.

Einsam im Irgendwo der Rieselfelder, unter brennender Sonne, am Klapptischchen oder unter bunten Zeltdächern saßen Referent und Publikum in einer „Magnum provisorium“-Szenerie. Mitten in der Natur – dorthin wollten auch „normale Leute, die ruhmfrei waren, aber eine gewisse Form von Leben haben wollten“ (Nowotsch). Die „Beat“-Generation der US-amerikanischen Literatur bricht mit traditionellen Form- und Sprachtechniken, zielt auf Abweichung, freie Fantasie und gesellschaftlichen Regelbruch. „Beat“ wird hier als „müde, besiegt“ gedeutet, „up beat“ hingegen als euphorisch, „being on the beat“ bezeichnet das „im Rhythmus sein“.

Ihr Häuptlingsidol Jack Kerouac (1922-1969) zählt zu den bedeutendsten Schriftstellern der USA nach dem Zweiten Weltkrieg, bald finden sich an seiner Seite Verbündete: Allen Ginsberg, Neal Cassady, William S. Burroughs und andere. Nowotsch ließ Fotografien kreisen, die das Laissez-faire-Ambiente der Beat-Generation illustrierten, das Leben als Jam-Session, ein Traum zwischen Freiheit und Gleichheit, Kunst und Kamikaze. „Die heiligen Barbaren“ nannte Lawrence Lipton seine „Beat“-Biografie. Und in jenen Fotos von Matratzengruft, Zigarettenrauch, Frieden und kauernder Familiengemeinde spiegelte sich das gespannt-legere Rieselfeld-Publikum.

Die noch unentdeckte Route für das Leben aber hatte ein altes Ziel: „Nature is not the place to visit – it’s a home“. Dizzy Gillespies (1917-1993) Trompete jubelte aus kleinen Lautsprechern unter blauem Himmel, fegte die „Lumperei des Alltags“ (Cassady) hinweg, als die eher abschüssigen Beziehungskisten der neuen Dichterhelden in den Blick gerieten – ein unrühmliches Kapitel. Dann greift der Kommerz nach ihnen, Drogen und Alkohol sowieso.

Der „Poetree“, am Ende der „Beat“-Vorstellung wirkte wie der Überlebende einer Legende: eine Bäumchen-Installation – geisterhaft Gedichte des Post-Beat-Poeten Steve Dalachinsky rezitierend. Nowotsch groovte mit dem Kniegelenk – ein großer Liebender riskanter Literatur.

Die Rieselfelder Kulturtage werden am Samstag um 15 Uhr mit einer Doppellesung fortgesetzt. Der Höhepunkt ist am Sonntag um 15 Uhr auf dem Rieselfeldhof hinterm Heidekrug „Faust hoch 3“ mit Thomas Thieme und seinem Sohn Arthur. Karten online oder Tageskasse.

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