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Auftritt in der Halle Münsterland

Deichkind: Zwischen Doppeldeutigkeiten und Party-Hymnen

Münster

Deichkind war da. In der ausverkauften Halle Münsterland zeigten die Elektro-Punk-Könige des Nordens in einer fulminanten Show, dass sie mehr bewegt als nur „Remmidemmi“. Es sei an der Zeit, sich zu positionieren. Und auch Widersprüche auszuhalten, hieß es.

Wolfgang A. Müller

Remmidemmi, Gesellschaftskritik und jede Menge bunte Klamotten: Akteure von „Deichkind“ bei ihrer Bühnenshow in der Halle Münsterland. Foto: Jürgen Peperhowe

Dass die Formation Deichkind unwiderstehlich krawallige Party-Stimmung liefert, ist hinlänglich bekannt. Und schon der Beginn ist ungewöhnlich: Ein von Geigentönen untermalter Kurzfilm, in dem der Schauspieler Lars Eidinger blaue Farbe verstreicht, mit seinem sanft schwingenden blanken Körper als Pinsel. Auftritt des siebenköpfigen Ensembles, das in farbig beklecksten uniformen Kostümen unter großem Jubel die Parole ausgibt: „Keine Party“ heißt der Song, der Deichkinds eigene hedonistische Vergangenheit als obsolet abzubügeln scheint und doch gleichzeitig mit saftigem Bass ins Tanzbein fährt.

Dieses clevere Spiel mit Doppeldeutigkeiten treibt das neue Album der Truppe mit dem Titel „Wer sagt denn das?“ auf die Spitze. Der Titeltrack thematisiert als herrlich verschachteltes Ohrwurmstakkato den Umgang mit aktuellen Problembereichen wie Fake News, Umwelt, Rassismus, Rechtsextremismus und Gleichberechtigung in den medialen Echokammern. In „Dinge“ mischen sich infantile „Sendung mit der Maus“-Erklärung und marxistische Warenfetischdiskussion. Überflussgesellschaft, bildlich eingefangen in einem überdimensionierten Rucksack.

Ein Elektro-Rap-Kultur-Cocktail 

Auf der Bühne herrscht bizarres Theater mit mehr als nur einem Hauch von Dada hier und Expressionismus dort. Die Akteure wuseln zu ausgefeilten Choreografien, wechseln Kostüme im Minutentakt, schwingen sich auf Podeste, umringt von mobilen Säulen. Es hagelt Zitate, Anleihen und Verweise. Typisch Deichkind, das aufgeschnappte Slogans, Phrasen und Floskeln mit dröger Ironie wieder zurück in den Mix des Alltags zurückschickt – an alle, die sich angesprochen fühlen.

Dieser Elektro-Rap-Kultur-Cocktail hat es in sich. Aber die Hamburger haben auch die rustikale Kost nicht vergessen: Von der Hüpfburg für den Intellekt wandert das Programm überraschend irrwitzig zu den profaneren Party-Hymnen. Deichkind feiert die Internationale der Trinker in und auf einem durchs Publikum gefahrenen Riesenfass und schwenkt eine Fahne mit der Aufschrift „Kein Bier für Nazis.“

Letzteren geben sie mit „1000 Jahre Bier“ eine weitere dumpf dröhnende Absage und werfen schließlich auch den dort heiß ersehnten Strauß an Hits ins begeisterte Auditorium, auf dessen emporgereckten Armen Schlauchboot gefahren wird: „Arbeit nervt“, „Leider geil“ – und natürlich „Remmidemmi“.

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