Rundgang auf dem ehemaligen Gelände der York-Kaserne

Der Stadtteil im Stadtteil

Münster

Im Südosten Münsters tut sich etwas: Wo heute noch die Bagger wüten, sollen einmal mehr als 5000 Menschen leben. Schon jetzt gibt es viele kleine Feinheiten auf dem ehemaligen Gelände der York-Kaserne zu entdecken. [mit Video]

Björn Meyer

Neben den Abrissarbeiten baut die Wohn + Stadtbau bereits Wohnungen. Die kleinen Bilde zeigen den Ballsaal des Offizierskasinos sowie den Standort, an dem 2024 die Grundschule fertiggestellt werden soll. Foto: Matthias Ahlke

Viele Jahrzehnte hinter einer Mauer, zuletzt seit Monaten hinter Schutthaufen verborgen, zeigt sich das Gelände der ehemaligen York-Kaserne seit einigen Wochen in Pracht und Größe jedem, der auf dem Albersloher Weg daran entlangfährt. Der Blick ist frei auf die ersten mehrgeschossigen Wohnprojekte, in denen die „Wohn + Stadtbau“ Teile der insgesamt 740 Wohnungen errichtet, die das städtische Unternehmen auf dem Gelände baut. Doch auch die sind nur ein Teil der insgesamt 1800 Wohneinheiten, die auf dem 50 Hektar großen Areal entstehen sollen – neben 23 Kita-Gruppen, einer Grundschule, Einzelhandel, Gastronomie, Gewerbe, einem Landschaftspark mit BMX-Parcours und Rodelhügel sowie vielen weiteren Projekten.

An einem diesigen Freitagmorgen beginnt der Rundgang mit Konversionsmanager Stephan Aumann und Stadtbaurat Robin Denstorff, die auf Bitten unserer Zeitung zur Baustelle gekommen sind, aber an einem Gebäude, das weder neu gebaut, noch abgerissen werden soll. Ein Gebäude, das viele Soldaten, die in der Kaserne stationiert waren, nie von innen gesehen haben – die Rede ist vom ehemaligen Offizierskasino.

Hier soll einmal ein Bürgerzentrum für Gremmendorf entstehen. Eines, so Denstorff, von einer Art, wie es kein anderer Stadtteil habe. Was er meint, wird beim Blick ins Innere deutlich. Ein Raum mit Marmorboden, daneben ein Ballsaal. „Dort oben“, Denstorff zeigt auf ein großes, nach innen gerichtetes Fenster unter der Decke, „hat früher das Orchester gespielt“. Der parkähnliche Garten würde jeder Hochzeitsgesellschaft zur Ehre gereichen. Und selbst der Keller des noch von den Nationalsozialisten erbauten Gebäudes taugt als Hingucker – nicht zuletzt, weil die Decke als Gewölbe angelegt wurde, dazu ein Disko-Raum und eine Bar für britisches Offiziersvergnügen sorgten.

Schon bald ein Bürgerzentrum

Man wolle keine falschen Versprechungen machen, sagen Aumann und Denstorff unisono, doch es ist den beiden anzumerken, wie sehr das Gebäude ihre Fantasie beflügelt, bezüglich dem, was hier einmal möglich sein soll. Nach einer erfolgten Grundsanierung schon sehr bald: Bereits in diesem Sommer, so es die Pandemie zulässt, sollen die ersten Veranstaltungen in dem Gebäude stattfinden.

Das ehemalige Offizierskasino ist übrigens nur eines von mehreren Gebäuden, die aus ganz verschiedenen Gründen erhalten werden sollen und aufgrund der stabilen Baustruktur auch können. Weichen muss dagegen ein Gebäude, in dem derzeit die Containment-Scouts des Gesundheitsamtes untergebracht sind. Ein alter, nicht ganz zufällig deplatziert wirkender Balkon zeugt davon, dass dies laut Aumann das einzige Gebäude der Kaserne war, das im Krieg einen direkten Bombentreffer abbekam und früher wohl mindestens ein Stockwerk mehr hatte. „In einem Jahr müssen die Scouts raus“, sagt Aumann. Dann wird an der Stelle die Grundschule errichtet, die im Sommer 2024 fertig sein soll.

Das ZUE-Problem

Nicht ganz so leicht lässt sich in anderen Bereichen planen, wie etwa dem eigentlichen Zentrum des Geländes, wo derzeit die Zentrale Unterbringungseinrichtung (ZUE) für Asylbewerber angesiedelt ist.

Auch das Grünflächenamt nutzt in unmittelbarer Nähe noch ein Gebäude. Letzteres werde wohl erst geräumt, wenn das neue Stadthaus fertiggestellt sei. Bei der ZUE arbeite man an einer Lösung, Mitte 2024 rechne man nach heutigem Stand mit einer Verlegung, so Denstorff. Bekanntlich muss die Stadt dem Land ein geeignetes Grundstück für eine neue ZUE zur Verfügung stellen und favorisiert dafür ein Gelände am Pulverschuppen. „Natürlich wäre es schön, wenn wir die Flächen hier schon hätten“, sagt Denstorff und zeigt achselzuckend auf die ZUE.

Splitter

  • Die Briten haben laut Konversionsmanager Stephan Aumann keine Altlasten auf dem Gelände der ehemaligen York-Kaserne hinterlassen. Die angelegten Umweltstandards seien weit über deutschem Niveau gewesen, erklärte Aumann am Rande des Rundgangs.
  • Das Volumen der auf dem Gelände abgerissenen Gebäude ist laut Aumann übrigens vergleichbar mit dem von 250 Einfamilienhäusern.
  • Viele Baustoffe werden wiederverwendet – beispielsweise als Untergrund unter neu errichteten Straßen. Derzeit liegen viele Baustoffe auf dem Areal, auf dem später der Landschaftspark entstehen soll. Dort werde in diesem Jahr noch eine BMX-Strecke angelegt, das restliche Gebiet werde aber noch für die Lagerung benötigt.

Den Bund wird die Stadt derweil auf dem Gelände auch auf lange Sicht nicht ganz los, denn zwei Bestandsgebäude bleiben in Bundesbesitz. Bereits seit 2017 war dabei die Rede von Zoll-Schülern, die dort untergebracht werden sollen. Bestätigen wollte der Bund dies in dieser Woche aber nicht.

Doppel- und Reihenhäuser

Die derzeit ausschließlich im Norden des York-Geländes stattfindenden Abrissarbeiten ziehen bald nach Süden vor die ehemalige Fahrzeughalle. Dann steht der dort als Parkplatz genutzte Bereich nicht mehr zur Verfügung. Die Fahrzeughalle selbst indes könnte verbleiben. Zwar wird sie im aktuellen Masterplan von vier Neubauten weitgehend ersetzt, doch in Stein gemeißelt ist diese Planung noch nicht – wie übrigens an so vielen Ecken auf dem Gelände. Genau diese Dynamik mache das Projekt doch so spannend, befindet Denstorff. Noch nicht endgültig steht zudem die Planung für den ganz südlichen Bereich des Geländes, auf das der Wiegandweg zuläuft und auf dem neben der noch zu sanierenden Turnhalle, die später den Vereinen zur Verfügung stehen soll, 110 Wohneinheiten als Doppelhaushälften und Reihenhäuser vorgesehen sind. „Wir wollen, dass das nur eine Firma realisiert, aber mit mindestens drei Architekten“, hat Denstorff sowohl Synergie- als auch Gestaltungsaspekte im Sinn.

30 Prozent der Häuser sollen zu einem festgelegten Preis veräußert werden. Derzeit sei man in Gesprächen, schon in den kommenden Monaten rechnet Denstorff mit konkreten Ergebnissen, wie hoch dieser Preis sein wird. Ende 2023 könnten dort die ersten Eigenheimbesitzer einziehen, glaubt Aumann. Schon Mitte 2022 sollen die ersten Mieter in den von der Wohn- und Stadtbau gebauten Gebäuden einziehen. Für Anfang 2023 rechnet Konversionsmanager Aumann, der übrigens selbst nicht weit von der Kaserne entfernt in Gremmendorf lebt, mit rund tausend Menschen, die auf dem Gelände leben. 5000 bis 6000 sollen es mal werden. Doch bis wirklich alles abgeschlossen ist, brauche es wohl noch eine Dekade, sagt Denstorff.

Glauben an zukunftsweisendes Mobilitätskonzept

Bei so vielen Menschen ist freilich das Thema Mobilität ein wesentliches. Beim Thema Verkehrsinfrastruktur will der Stadtbaurat daher etwas Nachhaltiges schaffen. Gute Fahrradlösungen etwa. „Wir kennen doch alle diese alten Fahrradkeller ohne Licht und automatische Türen“, sagt Denstorff und lacht. So etwas solle es auf dem York-Gelände nicht mehr geben. Deshalb sollen der zukünftige WLE-Bahnhof ganz in der Nähe, das Loop-System, die im Quartier verkehrende Buslinie 17 sowie Car- und Bike-Sharing-Angebote direkt auf dem Gelände für eine zukunftsweisende Mobilität sorgen. „Eine Mobiltätsflat­rate, um von allen Angeboten gleichermaßen profitieren zu können“, schwebt Denstorff vor. Handy vorzeigen und einfach alles nutzen – das soll hier Wahrheit werden.

Immer wieder betonen Aumann und Denstorff an diesem Vormittag, wie wichtig es sei, auch in Zukunft reagieren zu können. Auf dem Boulevard etwa, einer breiten Straße mit breiten Gehwegen mitten auf dem Gelände. Dort sollen zunächst Parkplätze entstehen, auch weil sie in dem Bereich unterirdisch kaum untergebracht werden könnten, um den alten Baumbestand zu schützen. Doch wer wisse schon genau, wie die zukünftige Nutzung dort aussehen könne, sagt Aumann und schiebt nach: „Wenn mich heute einer fragt, ob wir Platz hätten, damit in Zukunft hier paketbringende Drohnen landen können, dann sage ich: ‚Ja‘.“ In Richtung „Smart City“ nur nichts dauerhaft zu verbauen, sei das Credo der Planer.

Der Drogeriemarkt lässt auf sich warten

Vorbei am ehemaligen Exerzierplatz, wo später inmitten einer kompakten Wohnbebauung ein „Secret Garden“, also ein geheimer Garten, entstehen soll. Etwas weiter laufen momentan Straßen-, Abbruch- und Hochbauarbeiten zeitgleich. Eine große Herausforderung sei das, sagt Aumann, doch man sei im Zeitplan.

Schließlich steht Aumann nicht weit vom Albersloher Weg, genau gegenüber dem nördlichen Ende der Gremmendorfer Meile. „Dort vorne“, zeigt der Konversionsmanager etwas weiter südlich, entstehe ein zentraler Platz. Direkt daneben am Albersloher Weg sollen dereinst Gebäude für Handel und Gewerbe stehen. Er wisse natürlich um die Hoffnung vieler Gremmendorfer, dass möglichst bald ein Drogeriemarkt in ihren Stadtteil kommen möge. Auch ein Lebensmittelmarkt und ein Discounter sollen sich ansiedeln, zudem sieht Aumann dort Gastronomie, medizinische und Gesundheits-Angebote. Die ersten Bautätigkeiten dafür würden aber nicht vor 2024 starten. Auch weil die Anbindung am Albersloher Weg und der Meile zu gestalten sei.

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