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Christian Fries stellt im Pumpenhaus „Tage im März“ vor

Der Tod vor dem Lockdown

Münster

Autor, Schauspieler und Regisseur Christian Fries verarbeitet den Tod seiner Mutter und die ersten Corona-Erfahrungen.

Von Helmut Jasny

Der Sohn (Georg Lennarz) und die Frau im Altenheim (Verena Noll) sorgen sich um die kranke Mutter. Foto: Lisuk Lee

Der erste Lockdown im März 2020 war für viele ein einschneidendes Erlebnis. Für den münsterischen Autor, Schauspieler und Regisseur Christian Fries ganz besonders, weil kurz zuvor seine Mutter gestorben war. Diese beiden Erfahrungen verarbeitet er in seinem Theaterstück „Tage im März“, das am Freitag im Pumpenhaus Uraufführung hatte.

Das Bühnenbild ist ein Sammelsurium von Stühlen, dahinter eine Stellwand mit Kacheln und einer Blumentapete darüber. Im ersten Teil stellt es das Altenheim dar, in dem die Mutter seit sieben Jahren lebt. Hier besucht sie der Sohn und erinnert sich an früher. Georg Lennarz spielt ihn und lässt dabei kindliche Ängste, aber auch das Gefühl von Schutz, das er durch die Mutter erfahren hatte, wiederaufleben. Pfleger treten auf, Ärzte und Therapeuten, die von David Fischer und Verena Noll in wechselnden Rollen verkörpert werden, während Regina Biermann die sterbende Mutter spielt und gleichzeitig tänzerisch die widerstreitenden Gefühle des Sohnes zum Ausdruck bringt.

Fries, der auch Regie führte und in einigen Szenen selbst mitspielt, beleuchtet das Mutter-Sohn-Verhältnis in Momentaufnahmen, die mitunter etwas sprunghaft wirken. Gegenwärtiges wechselt mit Vergangenem, Geschwister und Verwandte kommen ins Spiel, wobei die Umsetzung teils berichtend, teils assoziativ erfolgt. Das fordert dem Zuschauer Konzentration ab, insbesondere weil sich Fries ziemlich tief in die Psyche seines Protagonisten hineingräbt.

Leichter lässt sich das Geschehen dann im zweiten Teil verfolgen, der den Lockdown behandelt. Als Schlüsselszene kristallisiert sich hier eine Therapiesitzung heraus, in der der Sohn mit Trotz und Verwirrung auf die Situation reagiert. Abgerissene Gedanken über Freiheit, Individuum und Gesellschaft münden in die Erkenntnis, dass er jetzt ganz auf sich gestellt ist und selber wissen muss, was er will.

Im dritten Abschnitt der 100-minütigen Aufführung dreht sich alles um die Frage, ob er ein Kind zeugen soll. Seine Partnerin scheint das auf jeden Fall zu wollen, er selbst ist sich da nicht so sicher. Am Tisch sitzend werden alle Eventualitäten durchdiskutiert, wobei sich das Ensemble je nach Erkenntnisstand immer wieder neu gruppiert. Natürlich wird auch dieses Thema von Corona und dem Verlust der Mutter bestimmt. Alles hängt zusammen und macht das Denken kompliziert – das zeigt die Inszenierung auf eindrucksvolle Weise.

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