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Am Sonntag wird der „Orgeltag Westfalen“ gefeiert

Die Königin der Instrumente inspiriert

Münster/Greifswald

Die Orgel gilt als „Königin der Instrumente“. Weil sie so viele Klänge erzeugen kann. Jetzt wird in vielen katholischen und evangelischen Kirchen der „Orgeltag Westfalen“ gefeiert. Ein Grund mehr, sich mit dem Instrument und seiner Klangpracht etwas näher zu befassen.

Von Christoph Schulte im Walde

Matthias Schneider vor der Orgel im Dom zu Greifswald Foto: Vincent Leifer

Die Orgel ist das „Instrument des Jahres 2021“. Und am kommenden Sonntag feiert man in vielen katholischen und evangelischen Kirchen den „Orgeltag Westfalen“. Wir sprachen mit Matthias Schneider, 1959 in Münster geboren, aktueller Lebensmittelpunkt in Hamburg, seit 1994 Professor für Kirchenmusik mit Schwerpunkt Orgelspiel an der Universität Greifswald und selbst praktizierender Organist.

Herr Schneider, wie kamen Sie zu Orgel?

Matthias Schneider: Schon als Kind über meine Kirchengemeinde, die Lukaskirche in Münster. Dort spielte Ulrich Vahrenholt sonntags die Orgel und leitete die Chöre. Bei den Gottesdiensten war ich immer bei ihm an der Orgel, weil ich neugierig auf dieses Instrument war. Und dann habe ich mit 15 Jahren einen C-Kurs für nebenamtliche Organisten begonnen, wo Martin Blindow für mich eine prägende Gestalt wurde. Von seiner Arbeit profitiere ich noch heute. Er war es auch, der mich als Jungstudent an die Uni Dortmund gebracht hat.

Die Orgel gilt doch eigentlich als etwas exotisch, oder?

Schneider: Ich erlebe das gar nicht so. Als die Orgel zum „Instrument des Jahres“ ausgewählt wurde, waren weit mehr Landesmusikräte mit „im Boot“ als bei der Klarinette oder der Violine. Die Orgel weckt also offensichtlich mehr Interesse als man vermutet. Und sie ist ja längst aus dem engen kirchlichen Bereich herausgetreten. Denken Sie an die Elbphilharmonie. Oder die Laeisz-­Halle in Hamburg. Oder viele andere Konzerthäuser, in denen gut besuchte Orgelkonzerte veranstaltet werden. Ich beobachte: Von der Orgel geht eine Faszination aus. Das habe ich zum Beispiel bei einer meiner Konzertreisen nach Russland festgestellt. Dort kennen die Leute die Orgel nicht aus dem liturgischen Zusammenhang. Die Konzerte aber waren immer ausverkauft! Die Musik riss das Publikum von den Plätzen. Bach wollten sie immer hören. Aber gern auch Romantik. Und ich habe immer etwas Virtuoses im Gepäck. Aber eben auch langsame Sätze, etwa von Brahms oder César Franck. Und es gibt dort seitens der Studierenden ein hohes Interesse an philologischen Fragen.

Es gibt einige Interpreten, die man wirklich als internationale Super-Stars auf der Orgel bezeichnen kann. Iveta Apkalna etwa. Oder Olivier Latry, ganz zu schweigen von dem „Paradiesvogel“ Cameron Carpenter...

Schneider: Cameron Carpenter – ich glaube, solche Leute gab es immer: Denken Sie an Franz Liszt oder Abbé Vogler. Wahrscheinlich muss man sich auch Johann Sebastian Bach als einen solchen Star vorstellen, oder Franz Tunder, Jan Pieterszoon Sweelinck, Nikolaus Bruhns – Leute, die für ihre außergewöhnlichen Fähigkeiten bewundert wurden. In der Kirchenmusik galt es immer als etwas anrüchig, wenn man mit virtuosem Zeug beeindruckte. Dies ist aber eine Facette der Orgel, die begeistert. Warum sollen wir das nicht aufnehmen? Die Menschen kommen, weil es für sie ein Event ist. Denken Sie an die Konzerte etwa im Kölner Dom, im Freiburger Münster, auf der Silbermann-Orgel im Dom zu Freiberg in Sachsen...

Sie sind seit 2013 Präsident der „Gesellschaft der Orgelfreunde“, kurz GdO, die in diesem Jahr ihren 70. Geburtstag feiert. Die meisten der weltweit rund 5000 Mitglieder sind in vorgerücktem Alter.

Schneider: Das ist richtig. Unter unseren Mitgliedern gibt es viele ältere Menschen. Aber wir erleben in den letzten Jahren auch einen großen Aufbruch. Junge Menschen interessieren sich für die Orgel. Und es ist eine junge Orgelbauerin, die den Instagram-Kanal unserer Gesellschaft betreut. Wir betreten neue Kommunikationswege. Auch viele junge Studierende kommen auf uns zu mit der Bitte um Unterstützung, um Vernetzung. Da tut sich gerade sehr viel. Um noch mehr auf uns aufmerksam zu machen, stiften wir auch Preise, etwa beim Deutschen Musikwettbewerb. Dass junge Leute bei uns Vereinsmitglied werden, ist heute nicht mehr selbstverständlich. Aber wir bemühen uns um sie, etwa mit unseren Jahresversammlungen und Arbeitstagungen.

Wie steht es um die Ausbildung im Bereich Kirchenmusik an den Universitäten und Kunsthochschulen?

Schneider: Da gab es vor zehn, fünfzehn Jahren so etwas wie ein „Streichkonzert“. Einige Institutionen, etwa die Kirchenmusik-Abteilungen an der Folkwang-Universität der Künste, wurden geschlossen. Das ist bedauerlich. Insgesamt gibt es jetzt weniger Studienplätze. Die aber sind alle belegt. Die Zahl der Studienanfänger ist groß und steigt wieder. Leider ist jetzt schon absehbar, dass die Zahl der künftigen Absolventen nicht ausreichen wird, um all die in den kommenden Jahren frei werdenden Stellen zu besetzen. Das Berufsfeld Kirchenmusik dürfte dann zu einem „Eldorado“ für gut ausgebildete Musikerinnen und Musiker werden...

Welche Rolle spielt denn die Kirchenmusik heute noch?

Schneider: Ich möchte da von meinen Erfahrungen als Kantor und Gemeindeorganist berichten: Ich kann vor allem und gerade als Improvisator auf der Orgel Stimmungen einfangen, kann auf unterschiedliche Atmosphären reagieren. Das überträgt sich auf die Gemeinde. Und ich begegne oft Menschen, die gerade wegen der Musik kommen, weil sie sich mitgenommen fühlen. In diesem Zusammenhang finde ich es ganz spannend, dass ich als Organist zu einer Abiturfeier eingeladen bin, die wegen der Corona-Abstandsregeln im Hamburger Michel stattfinden wird. Ein Schüler hat sich ausdrücklich Franz Liszts B-A-C-H-Präludium und Fuge gewünscht. Und ich soll das mit Musik von Pink Floyd kombinieren (lacht…). Das wird eine interessante Herausforderung.

Und es geht auch darum, schon Kinder mit der Orgel bekannt zu machen...

Schneider: Ja, das Stichwort Musikvermittlung ist heute ganz wichtig. Da passiert gerade sehr viel für Kinder und Jugendliche. Nehmen Sie das Beispiel der „orgelkids“, wo Grundschulkinder mit ihren eigenen Händen eine kleine Orgel zusammenbauen und auf diese Weise etwas über deren Funktionsweise lernen. Ich selbst mache aber auch gute Erfahrung bei der Musikvermittlung für ältere Menschen. Im Jahr 1996 habe ich die „Greifswalder Sommerakademie Orgel“ ins Leben gerufen: Daran nehmen nicht nur Studierende teil, sondern auch Menschen, die kurz vor oder kurz nach ihrer Pensionierung stehen und auf einmal Zeit für etwas haben, mit dem sie sich schon immer beschäftigen wollten...

Die schönste Orgel, die Sie gespielt haben?

Schneider: Das ist schwierig. Ich liebe alte, kleine Orgeln, auf denen man besondere Klänge finden kann. Zum Beispiel die kleine, mitteltönig gestimmte Orgel in Pomßen in der Nähe von Leipzig. Oder die Holy-Orgel im ostfriesischen Dornum: das sind authentische Instrumente, die inspirieren. Genau dies macht das Instrument Orgel ja so spannend!

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