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„Hartmann & Konsorten“ gedenken Thomas Bernhard mit der Lesung „Gehen“

Ein Appetithäppchen aufs Irrewerden

Münster

Irre werden an der Welt – das ist sicher ein Spezialgebiet von Thomas Bernhard. Am 9. Februar wäre der österreichische Grantler 90 Jahre alt geworden. Vor 50 Jahren erschien seine Erzählung „Gehen“. Zum Geburtstag der beiden laden „Hartmann & Konsorten“ zum „An-Geh-Denken“ ein – per Video und später leibhaftig.

Gerhard H. Kock

Hartmann & Konsorten würdigen Thomas Bernhard: Carsten Bender (l.) und Pitt Hartmann Foto: sukipix

Irre werden an der Welt – das ist sicher ein Spezialgebiet von Thomas Bernhard. Am 9. Februar wäre der österreichische Grantler 90 Jahre alt geworden. Vor 50 Jahren erschien seine Erzählung „Gehen“. Zum Geburtstag der beiden laden „Hartmann & Konsorten“ zum „An-Geh-Denken“ ein – per Video und später leibhaftig.

Carsten Bender und Pitt Hartmann präsentieren in ihrer Lesung zunächst die zentrale Szene im Hosenladen. Denn in diesem ist einer verrückt geworden. Wie sich das zutrug und warum, das bringt Bernhard in meisterlicher Weise in Form und Inhalt in diesem Text-Klassiker zum Ausdruck. Ein Mann erzählt einem anderem beim Spaziergang, wie ein dritter Mann einen Nervenzusammenbruch beim Hosenkauf erleidet und in die Psychi­a­trie eingeliefert werden muss. Da Bernhard nicht Loriot ist, geht es um nicht weniger als die Instabilität jeglichen Denkens, um Sinnentleerung und Selbstaufhebung, um Lebensfluchten in Suizid oder Wahnsinn.

Ist die Lektüre dieses radikalen Sprachexperiments eine Herausforderung für die Konzentration, gewinnt der Text durch das Hören eine dem Inhalt des Textes folgende Wirkung. Carsten Bender und Pitt Hartmann meistern den teilweise zungenbrecherischen Reigen virtuos. Die beiden markanten Stimmen eignen sich hervorragend, den Zuhörer endgültig in eine genussvolle Verwirrtheit zu treiben. Die Bernhardschen Wort-Salven aus den zwei wohlklingenden Sprechorganen schaukeln das Hirn über die ohnehin schon irremachenden zitierenden Zitierer, die Scharrers und Kerrers und ihre Zeterei um die „tschechoslowakische Ausschussware“ im „Rustenschacherschen Laden“ in den Schwindel. Wenn dann nach einer halben Stunde lesen Pitt Hartmann die „schütteren Stellen“ bis ins qualvolle Verebben stammelt, dann wird’s brutal: Denn hier endet das Video gnadenlos mit dem Verweis darauf, dass Hartmann und Bender Bernhards 94 Buchseiten umfassende Erzählung „Gehen“ komplett lesen, wenn öffentliches Auftreten vor Publikum wieder möglich ist . . . Die Termine werden auf der Homepage des Pumpenhauses bekannt gegeben. Und so bleibt nach diesem gehörten Mitgehen den Begleitern nichts anderes übrig, als sich in ihrer Sehnsucht nach dem Ende der Pandemie zu verzehren. Es ist zum Irrewerden.

Die Lesung steht bis zum Donnerstag (11. Februar) um 12 Uhr auf dem Youtube-Kanal des Pumpenhauses.

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