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Studio22 stellt sich mit „blindvogelflug“ im Pumpenhaus vor

Ein „Grenzfall des Möglichen“

Münster

Indem wir von Wahrscheinlichkeit sprechen, ist das Unwahrscheinliche immer schon begriffen, und zwar als Grenzfall des Möglichen.“ Das schreibt Max Frisch im „Homo Faber“, und Amira Neve nimmt es als Motto für ihr Bühnensolo „blindvogelflug“, das sie zusammen mit Josy Streil und Christian Reick entwickelt hat und am Wochenende unter dem Label studio22 im Pumpenhaus vorstellte.

Amira Neve erlebt als Karla ein geradezu verstörendes Wechselbad der Gefühle. Foto: Jasny

„Indem wir von Wahrscheinlichkeit sprechen, ist das Unwahrscheinliche immer schon begriffen, und zwar als Grenzfall des Möglichen.“ Das schreibt Max Frisch im „Homo Faber“, und Amira Neve nimmt es als Motto für ihr Bühnensolo „blindvogelflug“, das sie zusammen mit Josy Streil und Christian Reick entwickelt hat und am Wochenende unter dem Label studio22 im Pumpenhaus vorstellte.

Es geht um einen Zufall, der ein solcher vielleicht gar nicht ist. Die 19-jährige Karla ist mit dem Fahrrad zu einer Party unterwegs, als sie mit einem Auto kollidiert. Ludwig, der Fahrer, nimmt sie mit in seine Wohnung, um sie zu verarzten. Dort findet sie Gefallen an dem deutlich älteren Mann und verführt ihn. Später stellt sich heraus, dass es sich bei Ludwig um ihren Vater handelt, der sich nach ihrer Geburt aus dem Staub gemacht hat.

Amira Neve, ehemaliges Mitglied vom Ensemble Artig der Marienschule, deckt in ihrer Rolle als Karla eine beachtliche Bandbreite ab. Man erlebt sie als unbeschwertes Mädchen, das mit ihren Verehrern spielt und mit der Freundin tuschelt. Sie wirkt überzeugend, wenn sie mit der Mutter im Clinch liegt, und ebenso nimmt man ihr später die Wut und Verzweiflung ab, in die sie stürzt, als sie erfährt, was ihr passiert ist beziehungsweise was sie angerichtet hat. Erzählt wird die Geschichte aus unterschiedlichen Perspektiven. Neben Karla selbst kommen noch ihre Mutter und ihre Freundin zu Wort. Neve vollzieht die Rollenwechsel ohne großen Aufwand, deshalb aber nicht weniger überzeugend. Eine schnell geänderte Frisur, ein andere Jacke, eine leicht veränderte Körperhaltung, ein anderer Tonfall – schon ist sie die andere Person.

Und das Schöne daran: Die anderen haben eigene Geschichten, die immer wieder in die Haupthandlung hin­einspielen. So erfährt man beispielsweise, dass die Mutter oft unleidig ist, weil sie lieber einen Sohn gehabt hätte. Oder dass die Freundin eifersüchtig ist, weil sie Karla heimlich liebt. Alles Aspekte, die auch ein Licht auf Karlas Geschichte werfen.

Dem neu gegründeten Theaterlabel studio22 ist mit „blindvogelflug“ eine sehenswerte Inszenierung gelungen, die der Frage nachgeht, wie wahrscheinlich das Unwahrscheinliche ist. Dabei überzeugte die spannende und komplex angelegte Handlung ebenso wie Neve mit ihrem wandlungsreichen Spiel.

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