Erinnerung an Holocaust-Überlebenden

Ein Jahr ohne Leslie Schwartz

Münster

Vor einem Jahr ist Leslie Schwartz verstorben. Der Holocaust-Überlebende veröffentlichte 2007 seine Lebenserinnerungen und sorgte damit international für Aufsehen. Seine Witwe Annette Buken-Schwartz, die aus Münster stammt, erinnert sich an die Zeit mit ihrem Mann.

Martin Kalitschke

Leslie Schwartz mit seiner Frau Annette am 90. Geburtstag. Vier Monate später verstarb er. Foto: privat

Leslie Schwartz und seine Frau liebten es, in ihrer Wahlheimat Florida spazieren zu gehen. Vor genau einem Jahr verstarb der Holocaust-Überlebende im Alter von 90 Jahren. Seitdem ist Annette Buken-Schwartz alleine unterwegs – auf den gleichen Wegen wie früher. „Manchmal habe ich das Gefühl, als würde er neben mir herlaufen“, sagt die 80-jährige Münsteranerin. „Ich vermisse ihn so sehr.“

Unsere Zeitung erreicht Annette Buken-Schwartz am Dienstag im Flughafen von Fort Lauderdale. Dort wartet sie auf einen Flieger, der sie nach New York bringen soll. Sie besucht eine Freundin, die ihr bei einer am heutigen Mittwoch geplanten Online-Gedenkveranstaltung für ihren verstorbenen Mann behilflich sein soll. Und sie will natürlich auch das Grab ihres Mannes besuchen.

Auf eigenen Wunsch in Brooklyn beerdigt

1978 lernten sich die beiden bei einer New Yorker Versicherung kennen, wo Annette Buken-Schwartz, die als Au-pair nach Amerika gegangen war, und Leslie Schwartz arbeiteten. 1982 heirateten sie, danach lebte das Paar abwechselnd in Münster-Kinderhaus, New York und Florida. 2007 erschienen seine Lebenserinnerungen, in denen er unter anderem von seiner Zeit in den Konzentrationslagern Auschwitz-Birkenau und Dachau berichtete. Leslie Schwartz, Cousin des Hollywood-Schauspielers Tony Curtis, hielt seitdem zahllose Vorträge, unter anderem in Schulen. 2013 wurde er mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet.

Anfang 2020 feierte er noch mit seiner Frau den 90. Geburtstag. Genau vier Monate später starb er, während seine Frau in New York war. „Ich war schwer erkrankt, musste operiert werden und konnte wegen Corona nicht zu ihm nach Florida fliegen“, erinnert sie sich. Leslie Schwartz wurde auf eigenen Wunsch auf einem jüdischen Friedhof in Brooklyn beerdigt – „neben seiner Lieblingstante“, wie Annette Buken-Schwartz berichtet. Gerade mal fünf Personen durften wegen der Pandemie dabei sein.

Bis heute nicht nach Münster zurückgekehrt

Bis heute ist die Witwe nicht nach Deutschland zurückgekehrt, obwohl sie inzwischen voll geimpft ist. Das Haus in Florida hat sie verkauft – „ich konnte dort ohne Leslie nicht länger wohnen“, sagt sie. Nun lebt sie in einem Apartment in einer Wohnanlage. „Ich habe Kontakt zu netten Menschen und werde bekocht, mir gefällt es dort gut“, sagt Annette Buken-Schwartz. Dennoch plant sie, demnächst einmal wieder in ihrer Heimat Münster vorbeizuschauen, um Freundinnen und Verwandte zu besuchen. Ob sie dann für immer in Deutschland bleiben wird, das wisse sie noch nicht, sagt die 80-Jährige, die mehr als ihr halbes Leben in den USA verbracht hat.

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