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70 Jahre Franz Hitze Haus: Festakt mit Bundespräsident a. D. Joachim Gauck

Ein Plädoyer für „kämpferische Toleranz“

Münster

Die Akademie Franz Hitze Haus feierte ihren 70. Geburtstag am Samstag mit rund 150 geladenen Gästen. Bundespräsident a. D. Joachim Gauck hielt den Festvortrag, plädierte für „kämpferische Toleranz“ in der offenen demokratischen Gesellschaft und rief gleichzeitig dazu auf, der Ukraine gegen den Aggressor Russland zu helfen.

Bundespräsident a. D. Joachim Gauck und Akademiedirektor Antonius Kerkhoff Foto: Johannes Loy

In Zeiten eines brutalen Angriffskrieges über „Toleranz“ zu sprechen, erscheint auf den ersten Blick verwegen. Bundespräsident a. D. Joachim Gauck (82) machte beim Festakt zum 70-jährigen Bestehen der Akademie Franz Hitze Haus in Münster auch gar nicht erst den Versuch, Verständnis für Putins Aggression zu entwickeln. Im Gegenteil: „Wir haben den Auftrag, dem Bösen zu wehren“, sagte Gauck. „Wir dürfen es auch als Christen verantworten, dass wir den Angegriffenen helfen.“ Gleichgültigkeit sei in einer solchen Situation purer „Zynismus“.

Analytisch klar zog Gauck historische Linien vom zaristischen Russland über Lenin und Stalin bis zum Zerfall der Sowjetunion und in die grauenvolle Gegenwart. Das alte Firmenschild des Kommunismus sei weg, jetzt gehe es um Nationalismus und Imperialismus in einem „System der Gleichschaltung, Begünstigung und Verfolgung“ unter dem ehemaligen Geheimdienstmitarbeiter Wladimir Putin. Längst sei die russische Gesellschaft entmachtet. Gauck, evangelischer Theologe, Ehrendoktor der Universität Münster und der Katholischen Kirche wertschätzend verbunden, hielt seinen Vortrag über „Die offene Gesellschaft und die Grenzen der Toleranz“ weitgehend frei und als glutvolles Plädoyer für eine starke Demokratie. Dabei prägte er wie in seinem bekannten Buch „Toleranz, einfach schwer“ den Begriff der „kämpferischen Toleranz“. In der Sache hart sein, zugleich aber Regeln der Achtung und des Respekts einzuhalten, das sei schwer, aber möglich, sagte Gauck.

Akademiedirektor Antonius Kerkhoff, Bundespräsident a. D. Joachim Gauck und Bischof Dr. Felix Genn beim Festakt im Oscar-Romero-Saal des Franz Hitze Hauses. Foto: Johannes Loy

Ebenso wie der ehemalige Bundespräsident hatte zuvor Bischof Felix Genn die Kultur des Dialogs und der offenen Rede als Kennzeichen des Franz Hitze Hauses gewürdigt und den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aller Abteilungen gedankt. Zugleich blickte er in die Zukunft der Akademie: „Wir suchen gemeinsam nach guten Wegen. Wir bieten weiter Platz an unserem Tisch.“

An Tischen versammelten sich die Gäste abschließend, um das Gehörte im Gespräch zu vertiefen. Akademiedirektor Antonius Kerkhoff hatte zwar eingangs noch mit Blick auf Krieg und Krisen den Satz „Es fällt schwer, in diesen Zeiten zu feiern“ formuliert. Es kam aber an diesem Abend vor und nach den offiziellen Worten zu froher Begegnung, die auch den langjährigen Akademiedirektor Prof. Thomas Sternberg einschloss, der an alter Wirkungsstätte herzlich begrüßt wurde.

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