1. www.muensterschezeitung.de
  2. >
  3. Lokales
  4. >
  5. Muenster
  6. >
  7. „Ein Verlust, der mich schmerzlich trifft“

  8. >

Kirchenaustritte: Religionssoziologe Detlef Pollack über Kirchenkrise und die gesellschaftlichen Folgen

„Ein Verlust, der mich schmerzlich trifft“

Münster

Die Kirchenaustritte steigen, Deutschland verändert sich. Immer weniger Menschen gehören einer christlichen Konfession an. Bis 2060 könnte sich die Zahl der Katholiken und Protestanten in Deutschland mehr als halbieren. Was bedeutet das für den Zusammenhalt der Gesellschaft?

Von Johannes Loy

Die Zahl der Kirchenaustritte hat 2021 in beiden großen Kirchen bedenkliche Höhen erreicht und besonders die katholische Kirche mit einem neuen Rekordwert ins Mark getroffen. Der Religionssoziologe Prof. Detlef Pollack erläutert Ursachen und Hintergründe. Foto: epd/Lena GiovanazziBritta Schultejans/dpa

Die 2021 aufge­laufenen Kirchenaustrittszahlen bewegen nicht nur die Gläubigen an der Basis der beiden Kirchen, sondern auch Theologen und Soziologen. Weil sich hinter den Zahlen nicht nur eine langfristige Veränderung der ­Kirche(n), sondern auch der Gesellschaft insgesamt verbirgt. Darüber sprachen wir mit dem Religionssoziollen Prof. Dr. Detlef Pollack vom „Exzellenzcluster Religion und Politik“ der Universität Münster.

Wie sind die jüngsten Kirchenaustrittszahlen analytisch einzuordnen?

Detlef Pollack: Seit der zweiten Hälfte der 1960er Jahre haben wir es mit steigenden Austrittszahlen in den beiden Kirchen zu tun. Die Zahlen in der EKD waren absolut und prozentual in der Regel höher, mit zwei Ausnahmen: 2010 und 2021. 2010 wurden die Fälle ­sexuellen Missbrauchs am Canisius-Kolleg in Berlin aufgedeckt. 2021 gab es die Turbulenzen um das Missbrauchsgutachten in Köln und die Rolle des Kardinals Woelki.

Wie sieht es mit konkreten Anlässen und tieferen Ursachen beim Kirchenaustritt aus?

Pollack: Bei den Kirchenaustritten hat man es mit speziellen Gründen wie dem Missbrauchsskandal und der Vertuschung, aber, und das zeigt ein Blick auf die Evangelische Kirche in Deutschland, zugleich mit langfristigen Ursachen zu tun. Überschritten die höchsten jähr­lichen Austrittsraten bis zum Beginn der 2000er Jahre nie die Ein-Prozent-Marke, so stiegen sie seitdem auf über ein Prozent und nun sogar auf über 1,5 Prozent. Aber auch vor 50 Jahren erreichten sie in der Evangelischen Kirche bereits 0,8 Prozent. Der Kirchenaustritt ist also nicht einfach nur Ausdruck eines spontanen Ärgers, sondern hat seinen Grund darin, dass Glaube und Religion immer mehr Menschen gleichgültig sind. Die religiöse Indifferenz, die Individualisierung und Pluralisierung sind entscheidende Faktoren. Das wird gerade in der Evangelischen Kirche deutlich. Also: Die Relevanz von Religion und Kirche hat sich für viele Menschen deutlich abgeschwächt.

Menschen warten im Standesamt München vor einem Büro, um ihren Kirchenaustritt zu beantragen. Foto: Sven Hoppe

Wie ist es dann noch um die gesellschaftliche Relevanz der Kirche(n) bestellt?

Pollack: In den 1960er Jahren haben die Kirchen noch entscheidende öffent­liche Diskurse mitbestimmt, zum Beispiel in der Frage der Versöhnung mit den im Weltkrieg überfallenen Völkern im Osten. Heute spielt das Wort der Kirche in der öffentlichen Debatte kaum noch eine Rolle. Das drückt sich auch in der privaten Haltung der Menschen aus. Für viele ist es nicht mehr entscheidend, ob sie sich an den zehn Geboten ausrichten oder eine eigene Moral entwickeln. Sie lassen sich auch nicht mehr in die ­private Lebensgestaltung hin­einreden, sei es bei der Partnerwahl, bei der Frage der Freizeitgestaltung, des persönlichen Konsumverhaltens oder auch der religiösen Überzeugung.

Haben die Kirchen das ­begriffen?

Pollack: Die Kirchen haben das längst begriffen, aber sie sind von ihrem Grundanliegen ja stets darauf bedacht und daran gewöhnt gewesen, zu predigen und zu belehren, Menschen auf den rechten Pfad zu führen. Viele Menschen wollen sich aber bei Religion und Weltanschauung einfach nicht mehr belehren lassen.

Hat speziell die katholische Kirche eine Chance, den Abwärtstrend zu stoppen, indem sie sich durch Re­formen der Gestalt der Evangelischen Kirche annähert?

Pollack: Das Schicksal der Evangelischen Kirche, die ­alle diese angesprochenen Reformen bereits hinter sich hat, zeigt, das das wohl nicht nicht erfolgversprechend ist. Das alles bindet die Leute letztlich nicht. Bedenken Sie auch, dass die katholische Kirche ja seit dem Konzil viel menschenfreundlicher geworden ist und verschiedene Wege zum Heil neu in ihre Lehre inte­griert hat. Und dennoch sind die Ab­lösungsprozesse der Katho­liken weiterhin eklatant. Zudem verweise ich auf eine in der DNA der katholischen Kirche verankerte Grenze für Reformen. Sie hat den Anspruch, die Herrlichkeit Gottes in der Welt zu repräsentieren. Dafür stehen die Sa­kramente, dafür steht das Weihe-Priestertum. Die Frage ist zu stellen, wie weit das alles überhaupt demokratisierbar ist. Die geforderten Partizipationsmöglichkeiten haben ihre Grenzen im sakramentalen Charakter und in der dogmatischen Verfasstheit der Kirche. Diese Merkmale sind dabei nicht einfach nur negativ zu bewerten, weil sich die katholische Kirche ja auch treu bleiben und ihr Erbe nicht verleugnen will. Aber hier liegen eben die Grenzen für Reformen.

Werden die Kirchen bis Mitte des Jahrhunderts kleine fundamentalistische Sekten in einer weitgehend konfessionslosen Mitwelt?

Pollack: Die Gefahr, dass aus der früheren Volkskirche eine Sekte wird, schätze ich als gering ein. Das Christentum ist durch die Auf­klärung gegangen und verkündet das Evangelium mit ­Wissen und Verstand. Die Bindekräfte der Gesellschaft, gerade auch die religiösen Bindekräfte, sind wichtig. Diese Wirksamkeit wird sich allerdings abschwächen. Deshalb bricht die Ge­sellschaft aber noch nicht auseinander. Denn es gibt durchaus noch andere Bindungskräfte: Familie, Moralvorstellungen, Rechtsordnungen – auch der wirtschaftliche Wohlstand ist ein ­Bindemittel der Gesellschaft.

Bedauern Sie ganz per­sönlich die deutlichen Erosionsprozesse in den Kirchen?

Pollack: Als einem Bürger aus dem Osten Deutschlands, der den Glauben und die Kultur des Christentums über alle Maßen schätzen gelernt hat, tut mir der Auszug vieler Menschen aus den Kirchen weh. Es geht etwas verloren, was diesen Kulturraum ausgemacht hat. Das empfinde ich als einen Verlust, der mich persönlich und meinen ganzen Wertekosmos betrifft. Und das ist schmerzhaft.

Werden die Kirchen nur als Sozialinstitutionen über­leben, wo bleibt der religiöse Kernbestand von Gottesdienst und Gebet?

Pollack: Es ist legitim, dass die Kirchen große gesellschaftliche Fragen, etwa die Integration der Flüchtlinge oder den Wandel des Klimas, aufgreifen, aber es kommt durchaus darauf an, dass dieses Engagement aus religiösen Motiven heraus erfolgt. Dann können die Menschen das auch als glaubhaft akzeptieren. Es ist zudem auch bei Konfessionslosen unbestritten, dass die Kirchen einen Raum für Gottesdienst und Gebet bieten und dass im Mittelpunkt die Verkündigung des Evangeliums und die religiöse Kommunikation stehen soll.

Startseite
ANZEIGE