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Prozess gegen Ex-Sparda-Bank-Chef

„Herr Kahl war sehr großzügig“

Münster

Zu den Vorwürfen, die den ehemaligen Sparda-Bank-Chef Enrico Kahl vor Gericht brachten, gehören teure Geschenke, die die Bank den Mitgliedern des Aufsichtsrats machte. Sollten sie im Gegenzug die Augen zudrücken? Zwei einstige Aufsichtsräte sagten am Freitag aus.

Von Gunnar A. Pier

Prozessauftakt gegen Enrico Kahl, einst Vorstandsvorsitzender der Sparda-Bank Münster, am 10. Februar 2022 vor dem Landgericht Münster. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm Spesenbetrug vor. Foto: Gunnar A. Pier

Helge I. kannte nur den öffentlichen Dienst. „Da gibt’s nichts“, sagte er am Freitag im münsterischen Landgericht. Dann aber kam er zur Sparda-Bank Münster. „Herr Kahl war sehr großzügig“, erinnert sich das ehemalige Aufsichtsratsmitglied. Dieser Enrico Kahl war seinerzeit Vorstandsvorsitzender der Sparda-Bank – nun seht er gewissermaßen genau wegen dieser Großzügigkeit vor Gericht.

Im Jahr 2015 wurde Kahl, bis dato ein erfolgreicher Banker und gerngesehener Gast(geber) auf dem münsterischen Parkett, freigestellt. Die Bank war seinem Spesenrittertum auf die Schliche gekommen. So soll er über viele Jahre systematisch private Kosten, darunter Reisen und teure Restaurantbesuche, über die Bank abgerechnet haben. Der Schaden soll siebenstellig sein.

Geschenke

Am Freitag ging es unter anderem um die großzügigen Geschenke, die die Aufsichtsräte regelmäßig bekamen. Sie sollten den Vorstand kontrollieren, monierten aber nichts – waren sie gekauft? „Ich habe angenommen, dass das bei Banken üblich ist“, sagte I. nun vor Gericht. Gewundert habe er sich dennoch zunächst.

Die Bank war schon vor Enrico Kahl spendabel

So habe es bereits vor Enrico Kahls Amtszeit große Betriebsausflüge gegeben. Einmal etwa seien alle Mitarbeiter – nicht nur Aufsichtsrat und Vorstand – mit einer Fähre von Travemünde nach Göteborg gefahren. „Das ist mir schon aufgestoßen“, so I. Er habe das angemerkt – mit dem Erfolg, dass der Betriebsausflug im folgenden Jahr als Planwagenfahrt im Münsterland stattgefunden habe.

Andersherum sei er standhaft gewesen, wenn Kahl etwa enttäuscht war über die in seinen Augen zu niedrige jährliche Bonuszahlung, die der Aufsichtsrat in seiner Sitzung beschlossen hatte. „Ich habe ihm gesagt: In fünf Minuten kommen Sie mit einem freundlichen Gesicht rein und bedanken sich!“

Ein erfolgreicher Banker

Dass Kahl dennoch eine gute Verhandlungsposition hatte, betonte Dieter B., einst Aufsichtsratsvorsitzender. „Als Herr Kahl kam, hatte die Bank eine Bilanzsummer von 400 Millionen, am Ende waren es zwei Milliarden. Wir haben gesagt: Den müssen wir halten!“ Dennoch sei der Aufsichtsrat – teure Geschenke hin oder her – mit der Bonuszahlung stets weit hinter den Erwartungen des Vorstandsvorsitzenden zurückgeblieben.

Es fehlte die Expertise

Kahl selbst hatte an einem früheren Verhandlungstag bereits erklärt, dass es nie seine Absicht gewesen sei, die Aufsichtsräte gefügig zu machen. Sinngemäß sagte er, dass denen eh die Erpertise gefehlt habe, um die Dinge zu durchschauen. Geschenke habe er gemacht, weil er sich in der Rolle des Großzügigen so wohl gefühlt habe.

400-Euro-Verträge

Und so seien auch die 400-Euro-Verträge zu bewerten, die die Aufsichtsratsmitglieder nach ihrem Ausscheiden bekamen. Die Staatsanwaltschaft argwöhnt, dass sie ohne Gegenleistung als „goldener Handschlag“ und Dank für jahrelanges Schweigen gedacht gewesen sein könnten. Dem widersprachen die als Zeugen geladenen Ex-Aufsichtsräte. Vielmehr hätten sie Kunden beraten und gar Seminare veranstaltet.

Der Prozess wird am 2. September 2022 fortgesetzt. Geladen sind dann unter anderem Kahls frühere Vorstandskollegen.

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