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Prozess gegen Ex-Sparda-Bank-Chef

 Enrico Kahl wegen Veruntreuung vor Gericht

Münster

2015 flog auf, dass Enrico Kahl, Vorstandsvorsitzender der Sparda-Bank Münster, offenbar deutlich über seine Verhältnisse gelebt und über Jahre systematisch Privates als Spesen abgerechnet hatte. Im Februar begann der Prozess vor dem Landgericht.

Ex-Sparda-Bank-Chef Enrico Kahl steht in Münster vor Gericht Foto: Gunnar A. Pier

Der Prozess gegen Ex-Sparda-Bank-Chef Enrico Kahl geht inzwischen schon über zehn Verhandlungstage. Ursprünglich war das Ende des Prozesses für Mai angesetzt.

Kahl ist wegen Spesenbetrug in Höhe von 1,2 Millionen Euro angeklagt. 2015 wurde er aus seinem Amt als Vorstandsvorsitzender der Genossenschaftsbank entlassen. Seitdem ist er mittelos und hochverschuldet. 

Wir geben einen Überblick über den Prozess:

Angeklagter: Saus-und-Braus-Jahre vorbei 

Der letzte Tag der Beweisaufnahme drehte sich vor der 20. Großen Strafkammer um die persönlichen und finanziellen Verhältnisse des einstigen Bank-Bosses, der längst gestanden hat, über Jahre systematisch private Kosten als Spesen bei seinem Arbeitgeber abgerechnet zu haben. Doch geblieben ist Kahl von dem vielen Geld angeblich nicht viel.

Warum stoppte ihn der Aufsichtsrat nicht?

Dem einstigen Bank-Boss wird vorgeworfen, systematisch private Kosten als Spesen abgerechnet zu haben. Der Schaden: Weit über eine Million Euro. Hat Kahl die Kontrolleure mit Geschenken und lukrativen Anschlussverträgen gekauft?

War der Vorstand gekauft?

Prozesstag zehn, abermals ging es um den Vorwurf der von Kahl mündig gekauften Aufsichtsratsmitglieder. Zwei ehemalige Aufsichtsräte sagten zu Kahl aus. Dieser zeigte sich damals sehr spendabel. Nach eigener Aussage aber nicht, um sich den Aufsichtsrat gefügig zu machen.

Zum Montag nichts Neues

Dem Gericht fernbleibende Zeugen und ein schweigender Kahl verhinderten am neunten Prozesstag neue Erkenntnisse. Thema der Sitzung war daher auch der nebenangeklagte Ex-Aufsichtsratsvorsitzende. Das Gericht befindet die Anklage im Sinne der Staatsanwaltschaft als nur teilweise beweisbar.

Kahl feiert, die Bank zahlt

Tag acht im Prozess gegen Enrico Kahl. Als Zeuge war sein ehemaliger Event-Manager geladen. Er agierte zu damaligen Zeiten als Rechnungsaussteller an die Sparda-Bank für die privaten Feiern Kahls. Der Verwendungszweck wurde dabei verschleiert und dem Betriebsjargon angepasst. Kahl selbst zeichnete die Rechnungen später als Spesen ab.

Aufsichtsrat ohne genügende Kompetenzen

Am siebten Prozesstag steht der ehemalige Aufsichtsratvorsitzende Hans-Georg K. im Mittelpunkt. Er wird konfrontiert mit der Frage, wie die Kontrollgremien die Spesenausgaben Kahls nicht bemerken konnten oder wollten. Das Gericht vermutet Bestechlichkeit durch Geschenke und fehlende Kompetenzen, die Kahl sein exzessives Leben ermöglichten.

Event-Manager Enrico Kahl

Der Ex-Bank-Chef galt zur damaligen Zeit im privaten wie auch dienstlichen Rahmen als spendabel. Die Geburtstage von Kollegen aus Vorstand und Aufsichtsrat wurden finanziell und organisatorisch von Kahl übernommen. Unternehmensfeiern fanden auf Juist oder in Hamburg statt. Dass der Aufwand keinen wirklichen Mehrwert für die Bank hatte, war Kahl bewusst. Ihm ging es allein darum, die gute Stimmung im Team aufrecht zu halten.

Corona verhindert Prozess-Fortsetzung

Zweimal musste der fünfte Prozesstag verschoben werden. Coronainfektionen einiger Teilnehmer verhinderten eine ordnungsgemäße Fortsetzung. Daran scheitern wird der Prozess aber nicht. Allerdings ist eine Verlängerung durchaus denkbar, da noch nicht alle Ermittlungen abgeschlossen sind. Ursprünglich sollte der Prozess Ende Mai 2022 enden.

Der lange Kampf des Innenrevisors

Am vierten Verhandlungstag wird der ehemalige Innenrevisor der Sparda-Bank in den Zeugenstand gebeten. Dieser hatte Kahl 2015 auffliegen lassen - obwohl seine Skepsis über die Ausgaben des Ex-Bankenchefs schon von längerer Dauer war. Warum wurde der Fall Kahl dann nicht schon eher intern angesprochen? Zweifel an der Unabhängigkeit und Führungsstärke des Vorstands sollen den Innenrevisor abgehalten haben, die hohen Ausgaben zu melden.

Die strikte Abgrenzung zur Vergangenheit

Im Prozess zeigt sich Kahl bisweilen sehr kooperativ und offen, wenn es um seine Vergangenheit bei der Sparda-Bank geht. Kurze, prägnante Antworten, ehrlich klingende Selbsteinschätzungen und Reue bestimmen seine Aussagen. Kahl gibt tiefe Einblicke in die Bankenstruktur unter seiner Führung. Nur einmal brach es emotional aus dem Angeklagten heraus.

Höhe privater Schulden wirft Fragen auf

Der dritte Prozesstag gibt Auskunft über die Finanzlage Kahls. Der hat seit 2015 mittlerweile Schulden von über 900.000 Euro angehäuft. Gläubiger kommen aus dem engsten familiären Umkreis. Auch ein münsterischer Unternehmer ist dabei. Dem restlichen Vorstand fehlten wichtige Kompetenzen für das Amt. So konnte der ehemalige Bankenchef seine illegalen Aktivitäten für mehrere Jahre mehr oder weniger versteckt durchführen.

Der "Mr. Sparda" von Münster

Im zweiten Prozesstag äußert sich Kahl zu den Umständen seiner Taten. Die Tragweite seines Lebensstils sei ihm schon immer bewusst gewesen. Dass solche Spesenabrechnungen und Vorstandsgeschenke illegal sind, sowieso. Kahl führt sein Verhalten auf eine zu schnelle Karriere zurück: "Ich fühlte mich wie Mr. Sparda, der sich alles erlauben kann." Das Landgericht Münster ermittelt in über 200 Fällen wegen Wirtschaftskriminalität.

Sozialer Abstieg

Erst 2015 wurde Kahl für seine Aktivitäten von der Sparda Bank fristlos entlassen. Seitdem hat sich dessen Leben grundlegend verändert. Mitgliedschaften im Rotary- und Golfclub ruhen, viele Freunde und Bekannte meiden den Kontakt. Er selbst finanziert seinen Lebensunterhalt durch Unterstützung seiner Engsten - und lebt nach der Scheidung mit seiner dritten Ehefrau wieder bei der zweiten. Dennoch feilscht er zurzeit mit seinem ehemaligen Arbeitgeber über eine Erhöhung seiner Rentenbezüge.

Partys und Konzerte auf Kosten der Bank

Das Verlesen der Anklageschrift macht deutlich, was für ein Leben Kahl in der Vergangenheit führte. Private Besuche von Konzerten, der Wagner-Festspiele und Karnevalssitzungen wurden jahrelang per Spesen von der Sparda-Bank bezahlt. Selbst die festlichen Aktivitäten als Präsident des Rotary-Clubs in Münster rechnete Kahl so ab. Immer mit dabei: Freunde und Familie. Und manchmal auch ein Mitglied des Bankvorstands.

Kahl kommt um Prozess nicht herum

Kahl erlebt gleich zum Prozessbeginn den ersten Rückschlag. Zu einer "Verständigung" mit Gericht und Staatsanwaltschaft kommt es nicht, wie die Verteidigung zunächst gehofft hatte. Der Prozess wird sich nun über mindestens zehn Verhandlungstage ziehen. Die Staatsanwaltschaft sieht Kahl als bewährungsunfähig an. Im Prozess geht es um Veruntreuung in Millionen-Höhe.

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