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Tanzstück „Policzalni“ beendet das Polen-Festival im Pumpenhaus

Erfrischende Zahlenakrobatik

Münster

Das Polen-Festival am Pumpenhaus in Münster ist beendet. Den Schlussakkord setzte ein dynamisches Tanzstück von Anna Piotrowska. Dabei ging es auch um „Zahlen“.

Von Helmut Jasnyund

Das „Teatr Rozbark“ setzte das von Anna Piotrowska in Szene gesetzte Tanzstück virtuos um. Foto: Aleksandra Staszcyk

Die Aufführung beginnt mit einem kleinen Orgasmus. Zumindest hört sich das, was die Tänzerin mit zurückgebogenem Oberkörper von sich gibt, so an. Aber vielleicht ist es auch nur eine Atemübung, denn in „Policzalni“ soll es laut Programmheft um Zahlen gehen. Beziehungsweise um das „Zählbare“, wie eine Übersetzung des polnischen Titels lauten könnte. Aber wer sagt, dass Zahlen kein Liebesleben haben?

Insgesamt ist das von Anna Piotrowska in Szene gesetzte Tanzstück, mit dem das Teatr Rozbark am Samstag das Polen-Festival im Pumpenhaus beendete, eine ziemlich abwechslungsreiche und auch abenteuerliche Angelegenheit. Zum einen sind da die Tanzszenen, bei denen sich das sechsköpfige Ensemble in genau abgezirkelten Bahnen umeinander bewegt und dabei immer wieder geschickt zwischen Soli und Gruppenkonstellationen wechselt. Wie am Schnürchen läuft das ab. Und schön anzusehen ist es auch.

Zum anderen gibt es längere Textpassagen in Polnisch, deren englische Übersetzung freundlicherweise im Programmheft abgedruckt ist. Allerdings handelt es sich dabei im Wesentlichen um Sprachspielereien mit Zahlen, die etwa so viel Sinn ergeben wie das Hexeneinmaleins in Goethes „Faust“. An einer Stelle redet sich ein Tänzer förmlich in einen Rausch hinein und kann gar nicht mehr aufhören, in rasender Geschwindigkeit Text abzusondern. Das hat komisches Potenzial, auch wenn man nichts versteht. Oder vielleicht gerade deshalb.

An einprägsamen Bildern mangelt es der Aufführung ebenfalls nicht. Beispielsweise wenn das Ensemble ein in schwarze Folie verpacktes Irgendwas feierlich zu Grabe trägt und dann zu einer wie gemalt wirkenden Trauergruppe erstarrt. Später im Stück erweist sich das Bündel als aufgerollter Teppich, der entrollt einen Tanzplatz bildet und dann eine Bettdecke, unter der sich alle nach und nach verkriechen.

Stimmungsmäßig erstreckt sich das Repertoire vom verspielten Andante bis zur lärmenden Showtime. In durchaus affektierter Gangart stolzieren die Tänzerinnen und Tänzer dann über die Bühne des Pumpenhauses, legen mit der Musik immer mehr an Tempo zu und geraten in einen stampfenden Rhythmus, aus dem sie sich nur noch mit einem kollektiven Urschrei befreien können. Eine originelle, einfallsreich choreografierte und virtuos getanzte Inszenierung, die trotz aller Zahlenakrobatik erfrischend unterhaltsam über die Bühne ging.

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