Lenny Liebig und Lennart Rauf im Wewerka-Pavillon

Es atmet in der Vitrine

Münster

Sie kann ein Wal sein oder eine Bombe, eine Kathedrale oder schlicht ein Heißluftballon. Zwei Künstler zeigen in der Vitrine der Kunstakademie am Aasee eine dynamische Installation,

Gerhard H. Kock

Lennart Rauf und Lenny Liebig (v.l.) machen die Vitrine der Kunstakademie am Aasee mit einer Ballonhülle und 15 Ventilatoren zu einer atmenden Skulptur. Foto: Gerhard H. Kock

Eine Hülle, ein bisschen Wind. Es ist faszinierend, wie wenig es braucht, Eindruck zu machen, ein Gebäude zu verändern, dem Auge Futter zu geben. Wenn man den richtigen Einfall hat – wie Lenny Liebig und Lennart Rauf. Die beiden Studierenden der Kunstakademie haben eine Ballonhülle in den Wewerka-Pavillon gepackt – plus 15 Ventilatoren und ein paar Leuchtstrahler.

Aus Luft, Licht und Raum haben die beiden Künstler eine dynamische Installation geschaffen. Das Gebläse bringt die Membran zum Atmen. Diese „Lunge“ im Pavillon ist mal 25, mal 30, mal 60 Minuten gefüllt und fällt dann wieder fast flach zusammen. Zudem rotieren die Laufräder in den Industrie-Ventilatoren nicht immer alle gleichzeitig, mal auch nur fünf oder acht. Außerdem sorgen die Baustrahler innen für unterschiedliche Stimmungen. So wird die Vitrine der Kunstakademie nachts durch den erhellten Ballon zur weithin sichtbaren Leuchte. Oder er erinnert an einen gestrandeten Wal, der unter seinem Gewicht flach gedrückt wird, oder die Silhouette kann Assoziationen an eine Bombe hervorrufen, die halb im Boden versunken ist.

An die Vergangenheit dieses Luftfahrzeugs, gefangen in einem Kunstwerk, erinnert der Titel der Arbeit: das Luftfahrtkennzeichen „D-OHWL“ – „D“ steht für Deutschland, „O“ für Heißluftballon. Und es ist ein Rest der Aufschrift „Herforder Pils“ zu lesen, ein Verweis auf den Finanzier dieser Vergnügungs- und Sportart, Querverweis auf Sponsoring in der Kulturbranche. Den Künstlern ging es um die Frage der Sichtbarkeit. Wann wird etwas sichtbar? Und was wird sichtbar?

Die Arbeit hat einen Effekt auf die Raumwahrnehmung. Mit Blick in den aufgeblähten Raum wirkt das Pavillon-Volumen viel größer als ohne Ballon. Dabei fände der Bau mit seinen knapp 600 Kubikmetern locker Platz in den 4500 Kubikmetern, die die Heißluftballonhülle hätte, wäre sie komplett gefüllt.

An der Öffnungsseite ereignet sich mit Beginn und Ende der Luftzufuhr gleichsam ein Schauspiel als öffne sich der Vorhang. Zwar gibt es kein Theaterspiel zu sehen. Aber einen klerikalen Touch hat es. Denn am Ende dieser Kathedrale aus Luft stehen die zwei Strahler wie Altar-Leuchten unter der Kuppel, und zwischen ihnen steht eine goldgelbe Mons­tranz. Der Ventilator als Metapher für den Heiligen Geist? Ein Verweis auf Pfingsten? Indes: Dieser Geist weht nicht, wo er will. Denn wer genau hinsieht, kann bemerken, dass sich jener Ventilator nicht dreht. Er dient lediglich dazu, kein Feuer zu entzünden, wenn sich die dünne Hülle absenkt. Der Stoff soll sich nicht auf die heißen Strahler legen.

Die Installation „D-OHWL“ ist am Wewerka-Pavillon (Torminbrücke) bis zum 2. Mai zu sehen.

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