„Rundgang 2020“ der Kunstakademie Münster eröffnet

Es duftet, es dröhnt, es wird körperlich

Münster

Der Körper, die Kommunikation, das Zuhause – mit den drei Schlagworten hat der Besucher des Rundgangs 2020 der Kunstakademie Münster einen roten Faden in der Hand: Klassen dringen in den Körper ein, Orte versprechen Gespräche oder Schlaf, und es gibt Heimaten vom Knast bis zum Klo.

Gerhard H. Kock

Daniele Buetti in seiner Klasse, deren Arbeit minimalistisch über drei Sinne in den Körper eindringt: Tiefe Bässe machen Sound spürbar, eine Gipsstele mit Honig schleicht sich in die Nase, und an einer großen blanken Betonbodenplatte arbeitet sich das Auge ab. Foto: Gerhard H. Kock

Die Klasse Löbbert hat sich das Thema „Behausung“ vorgenommen, und so tummeln sich auf engstem Raum die Gefängniszelle „Studio“ (Ilsuk Lee), über den Köpfen der Urnen-Prototyp „take away“ (Julia Ziomkowska) und eine zum Torkeln bringende Toilette mit psychedelischen Mustern: „Dissoziative Privatsphäre im Safe-Space“ (Christopher Bohlen).

Direkt daneben laden Fabian Nehm und Fridolin Mestwerdt unter dem selbstironischen Titel „Wer nichts wird, wird Wirt“ in ihre Ruhrpottkneipe ein; „Rechter Winkel“ steht auf den Bierdeckeln . . .

Betreten? Verboten!

Die Klasse Hohenbüchler hat unter ihrem Dach in den Reiterkasernen eine „Absurde Substitution“ geschaffen. Da plappern und plaudern Topf-Pflanzen hoch über den Köpfen der Besucher im Flüsterton über den Wald, Greta Thunberg oder klagen und lästern ein wenig: „Ganz schön eng hier.“ „Was hat der Kaktus für Blüten? Schäbig.“ Wald-Versteher Peter Wohlleben hätte an diesem Kunst-Leben der „Bäume“ seine Freude – vielleicht.

Die Klasse Weber stellt wieder Fragen zur Kunst und deshalb zwei Gerüste in den Weg. Die Konstruktionen teilen den Raum diagonal und die Meinungen: Was soll das sein? Ein Regal zur Ablage? Eine Vitrine für Skulpturen? Ein Raumteiler? Und je nach Deutung des architektonischen Mobiliars verändern sich die Objekte. Ist das nur abgelegt oder bereits ausgestellt? Eine Herausforderung ist auch der Raum der Klasse Buetti. Drei Elemente verstören: Boxen brummen sich mit 35 bis 60 Hertz in den Körper, Schallwellen fluten den Platz zwischen den Ohren; in die Nase schleicht sich süßer Duft, Honig läuft von einer raumhohen Gipssäule auf den Boden. Und in der Ecke lagert eine Betonplatte – nackt, roh, fragend. Akustisch und olfaktorisch geknackt, fällt der schützende Verstand für einen Moment, wird die graue Fläche momenthaft bedrohlich. Betreten? Verboten!

14 Pflanzen unterhalten sich miteinander

Wer sich nach der Überfülle Kunst eine Pause gönnen möchte – auch dafür sorgt die Kunst. Die Klasse Mik lockt zum „Turn off to be on“ in ihre Schlaf-Lounge „Nap.“ – das Nickerchen als letzte Schutz- und Trutzburg im kapitalistischen Hamsterrad. Bunte Lichtflecken über sich, sanfte Musik mit poetischen Worten („Du atmest ein. Und wieder aus.“) um sich, Lavendel-Duft in sich – Chillen mit allen Mitteln. Aber: Nach 20 Minuten ist Schluss. Die Nächsten bitte!

Programm und Führungen

Der Rundgang hat bis zum Sonntag (9. Februar) von 10 bis 20 Uhr geöffnet. Es gibt täglich ein umfangreiches Begleitprogramm an Diskussionen und Performances, die online angekündigt sind. Es ist ferner ein Programmheft mit Übersichtsplänen erschienen. Videos gibt es täglich ab 12 Uhr. Darüber hinaus sendet das „Studio Digitale Kunst“ (Leitung: Peter Schumbrutzki) unter dem Titel „Jackdaw Radio“ täglich von 10 bis 20 Uhr ein Radioprogramm. Zu empfangen ist es via Internet unter jackdaw-radio.de und im Hauptgebäude der Akademie auf UKW FM96.

www.dasnest.org

Apropos. Für die Malklasse Klaus Merkel ist es der letzte Rundgang, weil ihr Professor im Sommer in den Ruhestand geht. Und dann gibt es noch die Zahl 14: Klaus Merkel hatte die Aufforderung eines Romantikers in Erinnerung, 14 gelesene Bücher zu nennen. Dadurch angeregt, gab er einer Malerin für den Rundgang den Auftrag, sich mit 14 gelesenen Büchern zu beschäftigen.

In der Klasse Mik stehen 14 Betten im Kreis. In der Klasse Hohenbüchler unterhalten sich 14 Pflanzen miteinander. Und die Kunstakademie Münster hat 14 künstlerische Professuren, dabei gibt es nur 13 Klassen (die Löbberts sind zu zweit). Alles für die 14. Ein Zufall? Eine müßige Frage von vielen.

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