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Kantorei an der Apostelkirche feierte ein eindrucksvolles Jubiläum

Fantastische und entgrenzte Klänge

Münster

Das Jubiläumskonzert der „Kantorei an der Apostelkirche“ mit Herren des Philharmonischen Chors Münster sowie der Nordwestdeutschen Philharmonie Herford unter Konrad Paul, Kantor an der Apostelkirche, hatte zwei Schwergewichte ins Programm gehievt. Das Publikum erlebte fantastische Klänge.

Große Besetzung: Apostelkirchen-Kantorei, Herren des Philharmonischen Chors und

„Der Mensch liegt in größter Not! / Der Mensch liegt in größter Pein!“, so heißt es im Gedicht „Urlicht“ aus der Liedsammlung „Des Knaben Wunderhorn“. Und kaum schien das junge 21. Jahrhundert auf solche Zeilen vorbereitet. Nun passen sie perfekt zu unmittelbarer Gegenwart: Corona, Klimakatastrophe, Krieg. Das Jubiläumskonzert der „Kantorei an der Apostelkirche“ mit Herren des Philharmonischen Chors Münster sowie der Nordwestdeutschen Philharmonie Herford unter Konrad Paul, Kantor an der Apostelkirche, hatte zwei Schwergewichte ins Programm gehievt: Anton Bruckners Messe d-Moll sowie zwei Sätze aus Gustav Mahlers Sinfonie Nr. 2 c-Moll. Deren Titel „Auferstehung“ tendiert – wie der 4. Satz „Urlicht“ – in hochsuggestive Regionen.

Für die brucknersche Messe wählte der Dirigent geschärfte Artikulation, Expressivität und dramatischen Furor jenseits aller „Hosianna“-Euphorismen. Die abrupten Schlusstakte des „Credo“ und „Benedictus“ wirkten umso gravierender, je lapidarer sie assoziative Bedeutungsschwere der Musik in reinen Klang auflösten. Auch die nachhallnachtragende Akustik vermochte die souveräne Intonation des Chores samt abgestufter Dynamik nicht zu sabotieren. Das Solistenquartett Inga-Britt Andersson (Sopran), Marion Eckstein (Alt), Clemens Löschmann (Tenor) und Thomas Wittig (Bass) harmonierte perfekt.

In Mahlers Zweiter verlieh die Solo-Altistin dem „Urlicht“ Tiefe und Klarheit, während das Orchester expressiv und präzise begleitete. Einen plötzlichen Augenblick später erzitterte die Kirche unter der Untergangsdissonanz des „wild herausfahrenden“-Fortissimo-Akkords.

Beckenschläge glichen Vorboten eines Erdbebens, und so kämpften sich Chor und Orchester heroisch durchs Chaos instrumentaler Spektakel, als leuchte Zuversicht von ferne in jedem Takt der Partitur. Indem weder Instrumentalisten noch Sänger im atemlosen Pianissimo wie drastischer Attacke vor Grenzen zurückschreckten, konnte sich das Entgrenzte dieser Musik wie eine Offenbarung austoben. Selbst Schlüsselstellen wie „vom Dunkel zum Licht“ gelangen folgerichtig.

Zäsuren blieben hörbar, wie die alarmistische Flöte, die das Altsolo zu Beginn wie ein Laserstrahl durchschnitt. Heftige Begeisterung des Publikums, das wie aus einem Traum erwachte.

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